07.12.2009

Herr Wolfgang Deutscher vs. Mr. Maulwurf

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An einem Sonntag öffnete ich meine Augen und sah, als ich einen Blick in Richtung des durch hellblaue Vorhänge abgedunkelten Fensters riskierte, dass Sonnenstrahlen hindurchlukten, die nicht nur meine Bettdecke, sondern auch mein Herz erreichten. Ich war freudig erregt und sah dem bevorstehenden Tag positiv entgegen. Ich schritt zum Fenster, um den Vorhangsstoff mittels meiner Hände beiseite zu befördern, um die strahlende Kraft des Mittelpunkt unseres Sonnensystems ungehindert in mein Schlafzimmer eindringen zu lassen.

Ich freute mich vor der Vollendung des Öffnungsvorgangs nicht nur auf den Anblick der Sonne, sondern auch auf den meines perfekten, britischen, mit der Fingernagelschere gleichmäßig auf 3,84 Millimeter gestutzen Rasens, der in der Nachbarschaft, und nicht nur da, seines Gleichen suchte. Andere Grünflächen waren im Vergleich zu meiner eigentlich gar nicht als solche zu bezeichnen. Mein Rasen kam einem grün gewordenen Traum gleich.

Nachdem ich die Vorhänge komplett beiseite gezogen hatte, erstarrte ich augenblicklich zu Eis, Salz oder irgendeiner anderweitigen kristallartigen Zusammensetzung. Der Schock saß so tief, dass ich bestimmt für fünf Minuten völlig unfähig war, auch nur einen meiner Muskeln zu bewegen. Es war schrecklicher als alles, was ich zuvor in meinem Leben erlebt hatte. Fünf riesige monströse Haufen türmten sich vor meinen Augen auf. Der Mount Everest war eine winzige Erhebung gegen diese Erdhügel, die mir Tränen der Verzweiflung in die Augen trieben. Was würde das für ein rücksichtsloses widerliches Lebewesen sein, welches die Dreistigkeit besaß, einem Kunstwerk wie meinem Rasen einen solchen Todesstoß zu versetzen?

Eine entsetzliche unendlich große Wut kochte in mir hoch. Natürlich wusste ich, mit was für einem Tier ich es zu tun hatte, denn ich hatte schließlich nicht umsonst 27 Semester Biologie studiert. Es handelte sich bei dem Störenfried um einen Maulwurf, einen lebenden sogar. Aber diesen Umstand wollte ich umgehend ändern. Die Lebenslichter dieses Widerlings mussten auf der Stelle ausgelöscht werden. Ich ging in den Keller, um den Kampfanzug, den ich bei meinem Wehrdienst habe mitgehen lassen, herauszukramen. Nachdem ich ihn angezogen hatte, suchte ich noch meinen Helm, bevor es dann endlich in den Krieg ging. Ein verbitterter Kampf stand mir bevor: Mann gegen Maulwurf. Hier war nur für einen von uns beiden Platz.

Zum Glück hatte ich drei Monate zuvor bei dem Internetauktionshaus i-Buy einen Panzer aus dem zweiten Weltkrieg ersteigert, der in meiner Garage untergebracht war. Er funktionierte in allen Belangen nicht mehr gut, da er in den 30er und 40er Jahren doch einiges miterlebt hatte. Doch dank meiner Ausbildung zum Fahrradschlosser war ich in der Lage, das Kriegsgefährt wieder fahrtüchtig zu machen. Das Schussrohr konnte ich leider nicht wieder in Takt bringen, doch dafür bekam ich von dem Versteigerer eine Panzerfaust mitgeliefert, die noch einwandfrei funktionierte.

Ich setzte mich in meinen Panzer und begab mich aus der Garage in Richtung Rasenfläche. Ich fuhr ein paar mal auf meinem geliebten Grün hin und her, um schließlich den Panzer wieder rückwärts in der Unterstellvorrichtung zu parken. Dabei durchbrach ich die Rückwand meiner erst kürzlich renovierten Garage, doch das war mir zu diesem Zeitpunkt wirklich egal. Wichtiger war es, den Störenfried, der sich unter der Erde befand, zu beseitigen.

Dank der Plättungsaktion durch mein Kriegsgefährt hatte ich jetzt eine hervorragende Ausgangssituation dafür geschaffen, den Maulwurf besser auszumachen. Der Rasen sah nun zwar verheerend aus und um Welten grauenhafter als alle andere hässlichen Grünflächen auf diesem Planeten, aber eins war er zumindest: Er war platt. Sobald der Erdwühler einen weiteren Haufen produzierte, würde ich sofort mit meiner Panzerfaust auf ihn zielen und ihn dem Erdboden gleichmachen. Da der Maulwurf mich nicht sehen durfte, hob ich einen Graben in meinem Blumenbeet aus und legte mich getarnt mit meinem Geschoss hinein. Jetzt musste ich nur noch warten.

Geschlagene 7 Stunden lag ich in dem ausgehobenen Beet, ohne dass sich nur das Geringste auf meinem verhunzten Grün regte. Doch kurz vor dem Dunkelwerden sah ich, wie sich langsam Erde emporhob. Der Haufen wurde größer und größer, bis schließlich das hässliche Tier auf der Spitze seines Hügels erschien.

Ich zögerte keine tausendstel Sekunde und betätigte meine Panzerfaust. Doch der Maulwurf verfügte über ein unglaubliches Reaktionsvermögen. Er wich dem Geschoss seitlich aus, rollte sich eleganter als alle bisher dagewesenen James Bond-Darsteller ab und sprintete in neuer Rekordzeit in den Garten des Nachbarn. Dort fristet er seitdem sein Dasein. Die schätzungsweisung 2000 Hügel, die der Maulwurf dort hinterlassen hat, stören mich in dem Garten des Nachbarn weniger bis überhaupt nicht. Mein benachbarter ÖDP-Wähler ist sogar entzückt darüber, dass er so einen fleißigen Untermieter hat und sieht diesen Umstand als Zeichen dafür, dass die Umwelt wohl noch intakt sein muss.

Ich habe meinen Garten und meine Garage wieder perfekt hergerichtet, wie es sich für einen deutschen Haushalt gehört. So kann ich abends wieder zufrieden vor Sendungen wie 'Landwirt schaut sich nach einer Lebensgefährtin um' oder 'Volksstar der Superhitparade' sitzen und in meiner 'Schild'-Zeitung blättern.



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