10.02.2010

Die Leiden eines Rauchers

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Wie jeden Abend saß Herr Hemke mit seiner Frau auf dem Sofa und sah fern, während er eine Zigarette nach der anderen rauchte. Er nahm den letzten Glühstengel aus der neben ihm liegenden Packung, zündete ihn an und zelebrierte einen genüsslichen Lungenzug, der ihm sichtlich Freude bereitete. Weniger begeistert war er, nachdem er den in Papier eingewickelten Filter, an den sich ein letzter Rest Tabak anschmiegte, in seinem Eintracht Frankfurt-Aschenbecher ausdrückte und eine weitere Zigarette aus der Schachtel nehme wollte: 'Au weia!' sagte er zu sich selbst und seiner Gattin. 'Auch das noch. Die Schachtel ist schon wieder leer, dabei hatte ich sie vor zwei Stunden erst geöffnet. Zum Glück habe ich im Küchschrank noch eine Stange liegen.'

Herr Hemke erhob sich schwerfällig von seiner geliebten Sitzgelegenheit und schlurfte in die Küche, um nach seiner Stange Morlbara zu sehen. Trotz intensiven Suchens erhellte sich sein Gesichtsausdruck nicht, da er nirgends eine Stange finden konnte. Er musste sie wohl bei einem der letzten Skatabende aufgeraucht haben, konnte sich jedoch offensichtlich, was an dem übertriebenen Alkohlkonsum gelegen haben musste, nicht mehr daran erinnern. Enttäuscht bewegte er sich zurück ins Wohnzimmer, um seiner Ehefrau das Unheil zu verkünden: 'Schatz, ich muss mal zum Zigarettenautomaten, ich habe keine Zichten mehr!' - 'Alles klar, Mäuschen, bis gleich.' sagte Frau Hemke daraufhin.

Nachdem der leicht verstimmte Raucher seine Jacke aus dem Dielenschrank genommen und seine etwas betagten Schuhe angezogen hatte, öffnete er die Wohnungstür und begab sich in den Hausflur. Frau Steinhand, die alleinstehende Nachbarin der Familie Hemke, musste gerade die Pflicht Ihres Flurputzdienstes erfüllt haben. Auf der Suche nach jeglichem Halt rutschte Herr Hemke auf dem nassen Boden aus, als er gerade die erste Stufe nach unten nehmen wollte. Dieses Missgeschick war durch eine ungünstige Kombination aus frisch geputztem Flur und extrem rutschigen und abgelaufenen Schuhsohlen schließlich unvermeidbar und führte zu einem schmerzhaften Sturz des unglücklichen Mannes.

Während des Fallens über die elf Stufen bis zur nächsten Lauffläche eckte Herr Hemke einige Male an der steinernen Treppe und an der Wand an. Als er zum Liegen kam, dachte er sofort an sein Vorhaben und raffte sich schnell wieder auf. Er musste dringend neue Zigarette haben, da konnte ihn auch so ein lächerlicher Sturz, der lediglich ein paar Beulen und Schrammen verursachte, nicht aufhalten. Aufgrund des Erlebten nahm der Raucher die weiteren Stufen nach unten etwas vorsichtiger, so dass es zu keinem weiteren Fallvorgang kam. Als er dann endlich die Haustür hinter sich schloss und im Freien stand, schnaufte Herr Hemke ein paar mal und merkte schließlich doch durch den Sturz verursachte Schmerzen; vor allem eine Beule am Kopf tat sehr weh. Er fühlte mit seiner Hand, dass sie nicht von schlechten Eltern war. Doch nun gab es Wichtigeres zu tun, als sich um seine Gesundheit Sorgen zu machen. Zigaretten standen jetzt im Vordergrund.

Der Tabakabhängige ging den Bürgersteig entlang und hatte sein Ziel fest vor Augen. Er war noch 50 Meter von seinem Ziel entfernt und brauchte dafür noch nicht einmal mehr die Straßenseite zu wechseln. Es konnte ihm also nicht mehr viel dazwischen kommen, er würde bald seine geliebten Morlbara-Zigaretten in den Händen halten. Vor lauter Euphorie übersah Herr Hemke das Schild 'Frisch geteert!', was sich direkt vor ihm befand und im Normalfall durch niemanden auf der Welt, der des Lesens mächtig war, hätte übersehen werden können. Doch ohne das Warnzeichen zu beachten, lief Herr Hemke durch den Teer, bis ihm schließlich auffiel, was geschehen war. Da er mit den Schuhen stecken blieb und keinen weiteren Schritt mehr machen konnte, war es nur zu verständlich, dass selbst ein Herr Hemke der Situation gegenüber misstrauisch wurde.

Er blickte skeptisch an sich herunter und sah, wie seine Schuhe in der schwarzen Masse versunken waren. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit. Er musste seine Schnürriemen öffnen und auf Socken weiterlaufen. Der erste Schritt seines Vorhabens war nicht der komplizierteste, schwieriger war es, beim Weiterlaufen nicht auch noch mit den Socken im Teer zu landen. Also wagte Herr Hemke eine großen Sprung, um auf einem teerfreien Stück des Bürgersteigs zu landen. Sein Ziel hatte er nach einem tollkühnen Satz zwar erreicht, jedoch knickte er dabei so unglücklich um, dass er sich offensichtlich seinen linken Knöchel verstaucht hatte. Doch wer würde sich von so einer Kleinigkeit von seinem Ziel abbringen lassen. Der Zigarettenautomat war schließlich nur noch dreiundzwanzig Meter entfernt.

Der leidenschaftliche Zigarettenkonsument trat nach weiteren zehn Metern in ein Kaugummi, das er nur schwer von seinem rechten Socken wieder abbekam. Doch nach ungefähr 10 Minuten hatte er das meiste davon, bis auf ein paar Restbestände, sorgfältig mit seinen Fingern entfernt. Er humpelte weiter seinem Ziel entgegen und hatte es kurz später schließlich erreicht. Freudenstrahlend stand er vor dem Automaten und war im Begriff, seine Karte aus der Jackentasche zu holen, als sich eine Taube direkt über seinem Kopf erleichterte. Die Exkremente des Vogels befanden sich danach auf seinen Haaren, seiner Jacke und auf seiner Hose. Das Einzige, was verschont blieb, waren seine Socken, aber die hatten die besten Tage sowieso bereits längst hinter sich.

Herr Hemke dachte sich, dass die Taube sich einen recht ungünstigen Platz für ihr Geschäft ausgesucht hatte und fluchte leise in sich hinein, da er sich darüber bewusst war, dass das soeben Geschehene nicht unbedingt für sein optisches Erscheinungsbild förderlich war. Außerdem fühlte sich das, was die Taube auf seinem Kopf hinterlassen hatte, nicht gerade angenehm an. Herr Hemke beeilte sich mit dem Ziehen von vier Schachteln Morlbara-Zigaretten, da er befürchtete, dass ein weiteres Missgeschick nicht lange auf sich warten ließ. Wenn es soweit war, wollte der Raucher zumindest das kostbare Gut sicher in seinen Taschen verstaut haben. Vier Schachteln sollten für den Abend reichen, dachte Herr Hemke, denn er würde ja am nächsten Morgen losziehen, um sich bei 'Tabak Fritze' mit ein paar Stangen einzudecken. Nachdem er die Zigaretten erstaunlicherweise ohne weitere Zwischenfälle in seiner Jacke unterbringen konnte, machte er sich auf den Heimweg.

Eigentümlicherweise geschah auf Herrn Hemkes Rückweg nichts, was ihn weiter hätte beunruhigen können. Um den Teer machte er einen großen Bogen, er trat in kein weiteres Kaugummi und auch eine Belästigung durch eine Taube oder eine andere Vogelart blieb aus. So stand der Bewohner schon bald vor seiner Haustür und war, angesichts des unerwartet zufriedenstellenden Verlaufs seines Heimwegs, so voller Elan, dass er im Nu die Tür aufgeschlossen hatte und in humpelnder Art und Weise in den Hausflur eilen wollte. Unglücklicherweise hatte Herr Meier, der Hausmeister, gerade damit begonnen, die Wände des Flurs zu streichen. In dem Farbeimer, den der Arbeitende unmittelbar hinter der Eingangstür platziert hatte, landete Herr Hemke mit seinem unverletzten Fuß. Kommentarlos zog der Unglücksrabe den Fuß aus der Farbe und humpelte die Stufen hinauf, um endlich in seine Wohnung zurückzukehren.

Nachdem der Mieter schließlich seine Wohnungstür hinter sich geschlossen und sich schmerzverzehrt ins Wohnzimmer gequält hatte, sah Frau Hemke ihren Mann mit großen Augen erschrocken an. Vor ihr stand ihr völlig verbeulter und zerschrammter Gatte, dessen rechtes Hosenbein bis zum Knie voller Farbe war und dessen Kopf und nahezu alle Teile seiner Kleidung mit Taubenkot bedeckt war. Dass er seine Schuhe nicht im Wohnungsflur, sondern unterwegs hinterlassen hatte und er sich eine schmerzhafte Verstauchung zugezogen hatte, war Frau Hemke zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Als sie nach einer kurzen Erholungsphase wieder einigermaßen reden konnte, stammelte sie in Richtung ihres Mannes: 'Wa.. Was hast du denn gemacht?!' - 'Hatte ich dir doch gesagt. Ich war Zigaretten holen!' antwortete Herr Hemke.



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Kommentar von Heinzelmannberater:
(25.02.2010 um 21:18 Uhr)

Danke! Das freut mich, Kinnie. Ich wüsste nicht, was einem Autoren mehr das Herz erwärmen könnte als solch ein Kommentar. So wird man ermutigt, mit dem Schreiben weiterzumachen.

Kommentar von Kinnie:
(20.02.2010 um 03:31 Uhr)

Echt klasse. Habe mich köstlich amüsiert. Weiter so!




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