27.06.2008

Der Waschmaschinenkrieg

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Wann genau die Kämpfe ausgebrochen waren, vermochte im nach hinein niemand mehr exakt zu sagen. Die bis an die Zähne bewaff­neten Parteien lieferten sich jedoch schon längere Zeit erbitterte Gefechte mit wechselndem Kriegsglück. Keine der am Konflikt beteiligten Seiten und ihre jeweils wechselnden Verbündeten konnten auf einen Sieg hoffen. Dafür aber wurden die Schlachten und Grabenkämpfe immer verlustreicher. Es ging um die Waschmaschine in unserem Keller...

«Das Miststück unter uns wäscht schon wieder genau dann, wenn auch ich waschen möchte», zischte meine mir angetraute Ehegattin. Wütend lud sie einen Sechsschüsser, legte einen neuen Patronengurt ins Maschinengewehr und klemmte sich ein paar Boden-Boden-Raketen unter den Arm.

Ich bat die Uno telegrafisch um Vermittlung. Der sofort herbeigeeilte Generalsekretär kapitulierte jedoch nach längeren Verhandlungen von mindestens einer Minute Dauer wegen der Aussichtslosigkeit der Lage. Entsetzt flüchtete er vor den wütenden Frauen und enteilte in friedlichere Gegenden. Nach Afghanistan oder den Irak. Oder so. Ich kann es ihm nicht verdenken.

Als wir eines Abends friedlich beim Nachtmahl sassen, schreckte uns plötzlich ein donnernder Lärm an der Haustüre auf. Nachdem sich der Staub etwas verzogen hatte, rollte durch den zerborstenen Eingang ein mittelschwerer Panzer auf uns zu, in dem ich unschwer unsere Nachbarin erkannte.

«Ich habe heute Waschtag, ich, ich, ich und niemand sonst», kreischte sie in den höchsten Tönen, unterstützt von ihrem nicht minder wü­tenden Ehegatten, der mit irrem Lachen unablässig Handgranaten nach uns schmiss. Geschickt wich ich mit einem gekonnten Rückwärtssalto einer auf mich abgefeuerten Panzerfaust aus. Die übertrieben zur Schau gestellte Unschuldsmiene meiner Gattin richtig deutend, zog ich mich schleunigst auf meine – in banger Vorahnung vorsorglich einge­richtete – zweite Verteidigungslinie zurück und brachte mich mit ei­nem kühnen Hechtsprung unter dem Ehebett in Sicherheit.

Während die Kämpfe im Flur an Heftigkeit zunahmen, überlegte ich fieberhaft, wie ich meiner Herzallerliebsten Schützenhilfe leisten konnte. Ich schwenkte eine aus unserem Bettlaken angefertigte weisse Fahne zum Zeichen der Aufgabe. Im Nu war sie von Kugel durchlö­chert wie ein Sieb. Keine Kapitulation also. Nun gut, sie wollen den Kampf bis aufs Messer. Sie sollen ihn haben. Ich robbte durch den Kugelhagel ins Nebenzimmer und morste – das Telefon hatte durch einen Volltreffer aus einer Interkontinentalrakete unbestimmbarer Herkunft den Geist aufgegeben – mit einer Taschenlampe durch das Fenster SOS.

Binnen kurzem rückte ein Regiment Polizisten an und überwältigte meine Frau und unsere Nachbarin samt Gatten. Unter Beizug höchster Politiker wurde nach stundenlangem zähen Ringen ein Waffenstillstand ausgearbeitet. Dieser besagte in klaren Worten, dass die Waschmaschine nur nach einem exakt abgestimmten und vom Uno-Sicherheitsrat sanktionierten Wochenplan von den jeweiligen Parteien benutzt werden durfte. Der Friede war – so schien es jeden­falls auf den ersten Blick – wieder eingekehrt in unser Haus.

Sie werden sich jetzt bestimmt fragen, weshalb wir uns denn nicht an unseren Hausbesitzer gewandt haben. Aber der hatte sich schon seit längerer Zeit vorsorglich und weit weg vom häuslichen Krisengebiet in seinem atombombensicheren Ferienbunker verschanzt und betrat sein Eigentum nur noch in Begleitung von Armee-Eliteeinheiten in Bataillonsstärke.

Der Friede war, wie vermutet, nur von kurzer Dauer. Er hielt näm­lich nur gerade so lange an, bis unsere frisch eingezogenen Nachbarn zur Linken ebenfalls auf die Idee kamen, die gemeinsame Waschküche zu benutzen. Schon flackerten die Kämpfe wieder auf. Wie sich her­ausstellte, stammten unsere Neuzuzüger aus einem Land, dessen Schulsystem nicht eben zu den modernsten gehörte. Kurz: Sie konnten das Kleingedruckte des «Waschmaschinen-Vertrages» nicht richtig entziffern. Vielleicht hatten sie aber auch nur kein geeignetes Mikroskop zur Hand.

Und so kam, was kommen musste. Als unsere Türnachbarin zur Rechten – im Bewusstsein, dass heute ihr rechtmässiger Waschtag sei – mit einem prallgefüllten Korb und einem fröhlichen Lied auf den Lippen frohgemut in Richtung Waschküche eilte, musste sie feststel­len, dass besagte Waschmaschine bereits munter vor sich hin rum­pelte.

Die anschliessenden Kämpfe überstiegen an Heftigkeit alles bislang dagewesene. Vom Kochlöffel bis zum schweren Mörser, von der guss­eisernen Pfanne bis zur mittleren Atombombe wurde jede nur erdenk­liche Waffe eingesetzt. In verbissenem, grausam geführtem Kampf Frau gegen Frau (es gab keine Gefangenen, Pardon wurde nicht gegeben) wurde jede Wohnung im Einzelsprung erobert, bis die Frevlerin end­lich eruiert war. Ihr blieb nichts anderes übrig, als vor der geballten Übermacht zu kapitulieren und die Waffen zu strecken. In seltener Einmütigkeit wurde sie sogleich von der vollständig versammelten Hausversammlung kurzerhand vor ein Standgericht gestellt und das Urteil – ein halbes Jahr auswärts waschen – unverzüglich vollstreckt.

Heute meldet das Armeeoberkommando, abgesehen von einzelnen verbalen Geplänkeln, Ruhe an allen Fronten. Das liegt hauptsächlich daran, dass Sonntag ist und unsere Waschmaschine streikt. Was doch ein winziges Stückchen Draht, von mir sorgfältig an entschei­dender Stelle im Innern der Waschmaschine plaziert, zum Frieden in dieser Welt beitragen kann. Wer weiss – vielleicht bewerbe ich mich demnächst für den Friedensnobelpreis...!



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Kommentar von mein Nickname:
(20.05.2010 um 12:36 Uhr)

Genial geschrieben. Kann mich Krieger nur anschliessen.

Kommentar von Krieger:
(26.02.2010 um 13:41 Uhr)

Hast du noch mehr davon? - Das ist cool.

Kommentar von bensiman:
(30.10.2009 um 13:56 Uhr)

Das erinnert mich alles sehr an mein großes Idol Ephraim Kishon. Kanntest du den, ograromy? Hast du seine Familiengeschichten gelesen? Deine Geschichte ist genauso schön übertrieben wie die von Ephraim. Völlig überzogen, aber gerade dadurch sehr unterhaltsam.

Kommentar von Bruno:
(27.06.2008 um 16:32 Uhr)

Die Story hat was. Sie ist von dem Autor mit einer Art von Humor versehen worden, die ich auch bevorzuge.




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