29.01.2008

Der Schrank

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Er stand in einer dunklen Ecke in einem 20 Quadratmeter großen Büro, das sich in dem Gebäude einer Versicherungsagentur in Buxtehude befand. Er fühlte sich sehr einsam. Er wurde selten berührt, kaum jemand öffnete ihn und er wurde nur sehr selten durch die Versicherungsangestellten eines Blickes gewürdigt. Er konnte sich das nur dadurch erklären, dass sich der Trend in der modernen Zeit eindeutig in Richtung eines papierarmen, wenn nicht sogar eines papierlosen Büros entwickelte. Was auch immer der Grund für sein trostloses Dasein war, es musste etwas passieren. Er musste wieder Beachtung finden. Nur dadurch konnte sein stark gebeuteltes Selbstbewusstsein wieder gestärkt werden. Doch was sollte der Schrank tun? Er musste eine Lösung finden.

Nach einiger Zeit intensiven Nachdenkens hatte er eine Idee. Der Schrank beobachtete die Angestellten täglich, wie sie an ihm vorbeigingen und dachte sich, wie es wäre, wenn er sich so wie sie fortbewegen könnte. Er hatte es noch nie versucht. Der Schrank hatte sein ganzes Leben nur in diesem Zimmer verbracht und hatte nie etwas anderes gesehen. Er wurde in Einzelteilen in einem Karton geliefert und von einem handwerklich begabten Versicherungsangestellten aufgebaut. Seit diesem Zeitpunkt stand er unverändert in der Ecke des Büros.

Der Schrank schaute an sich herunter und sah seine Beine. Er fragte sich, ob sie kräftig genug wären um sich damit hinaus zu bewegen. Er musste es unbedingt zu einem günstigen Zeitpunkt versuchen. Nachdem sich die Leute aus seinem Büro zu einer Besprechung begeben hatten, bot sich ihm die Chance. Der Schrank machte einen ersten vorsichtigen Schritt und merkte, dass er sich dabei wohl fühlte. Er wagte noch einen und noch einen Schritt. Schließlich stand er vor der Tür, die geschlossen war, was für ihn ein nicht unbedeutendes Problem darstellte. Wie sollte er die Klinke ohne Hände und Arme herunterdrücken können? Der Schrank sah nach oben und konnte die nicht gerade leichte Pflanze samt Topf erblicken, die auf ihm stand. Er hatte eine weitere gute Idee. Mit Hilfe der Topfpflanze musste es doch möglich sein, die Türklinke zu bewegen. Der Schrank positionierte sich an einer optimalen Stelle des Büros und sprang mit den zwei Beinen, die am weitesten von der Tür entfernt waren, kurz hoch, so dass der Topf samt Pflanze durch die kurzzeitig Schräglage des Möbelstücks kippte und auf die Klinke fiel. Begeisterung machte sich bei dem Schrank breit, als er sah, dass durch seine geplante Aktion nicht nur die Türklinke heruntergedrückt wurde, sondern jetzt sogar die Tür ein kleines Stück aufstand. Er benutze einen Fuß um die Tür komplett zu öffnen, damit der Weg für ihn schließlich frei war.

Hocherfreut bewegte der Schrank sich auf seinen Beinen quer durch die Tür und in einem beeindruckenden Tempo durch den Flur des Bürogebäudes. Die Empfangsdame guckte nicht schlecht, als sie den Schrank durch die Tür zum Treppenhaus laufen sah. Er lief die Stufen herunter, als wäre das für ein Möbelstück das Normalste der Welt. Dabei merkte der Schrank, dass der einzige in ihm sich befindende Ordner, der bereits bei der Pflanzenaktion umgekippt sein musste, ein Stück nach vorne rutschte. In freudiger Erwartung durchschritt er letztendlich auch die automatische Tür des Bürotrakts und befand sich endlich im Freien. Der Schrank hatte Tränen in den Augen vor Freude. Nun würde alles besser werden. Er würde ab sofort Beachtung finden, so wie sie einem Büroschrank zustand.



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Kommentar von roswitha:
(26.06.2008 um 13:32 Uhr)

Stimmt, Hubert hat nicht Unrecht. Die Geschichte finde ich auch nicht schlecht.

Kommentar von Hubert:
(26.06.2008 um 13:08 Uhr)

Mensch, Bruno! Eine klasse Story. Begeisterung macht sich bei mir breit.

Kommentar von CattieBrie:
(02.02.2008 um 12:31 Uhr)

... ohne Worte ...




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