06.04.2009

Berni Bürger - Recht und Gesetz

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Berni Bürger ist ein rechtschaffender Mann und ein braver Untertan.

Das ist auch der Grund, warum er oft darüber nachdenkt, wie der Gerechtigkeit in allen Lebenslagen genüge getan werden kann.

Und immer wieder enden diese Überlegungen bei der Geschichte eines guten Freundes, der schon das gesamte Spektrum des sozialen Abstiegs durchlaufen hat.

Dieser hatte sich durch stetige Fortbildung, Zuverlässigkeit, Intelligenz und Fleiß eine hervorragende berufliche und existentielle Position erarbeitet, als seine Firma, weil es den Besitzern mehr Profit brachte, ohne Not geschlossen wurde.

Bernis Freund war jenseits der Fünfzig und hatte keine Chance, wieder in einen qualifizierten Job auf dem ersten Arbeitsmarkt, sprich in einen sozialversicherungspflichtigen Beruf, hineinkommen zu können.

Die Folge: Arbeitslosigkeit, einige sinnlose, vom Arbeitsamt vermittelte Maßnahmen und 1-Euro-Jobs und schlussendlich das Abgleiten in Hartz-IV.

Die staatliche Unterstützung war erbärmlich und ließ für ihn und seine Familie nur ein Leben auf niedrigstem Niveau zu. Nach und nach wurden seine gesamten Ersparnisse aufgebraucht. Seine Altersvorsorge in Form von Versicherungen und sonstigen Anlagen gingen den Bach hinunter. Am Ende blieb als einzige Sicherheit eine mickrige Sterbekasse, die es seiner Familie ermöglichte, ihn im Falle seines Ablebens einigermaßen würdig unter die Erde zu bringen.

Doch dieser Nullpunkt war nicht das Ende. Nein, es ging noch weiter abwärts. Um selbst lebenswichtige Dinge bezahlen zu können, fehlte ihm das Geld. So blieben Rechnungen unbeglichen, Rückstände bauten sich auf und die so entstehenden Schulden wuchsen für ihn in unbezahlbare Dimensionen.

Und dann, ein kleiner Lichtblick. Er ergatterte eine Stelle. Wenn auch unterbezahlt und ungeliebt (Call-Center), aber immerhin, jetzt hatte er jeden Monat ca. 200 Euro mehr zum Leben. Damit stieg zwar nicht sein Lebensstandard, jedoch war es soviel, dass die Schulden nicht weiter wachsen würden und wenn er sich sehr einschränkte, könnte er es sogar schaffen, die Rückstände bis in ca. 9 Jahren, also beim Beginn seines Rentnerdaseins, auszugleichen.

Diese Rente würde, natürlich bedingt durch den langen Bezug von Hartz-IV, auch nicht gerade üppig sein, bis dahin jedoch hätte er sich so an das karge Leben gewöhnt, dass es ihm wahrscheinlich nichts mehr ausmachen würde. Und deshalb konnte er von diesem Zeitpunkt an ein wenig ruhiger schlafen.

Ein ganzes Jahr lang.

Und dann schlug der Staat erbarmungslos zu.

Denn zwölf Monate später machte ihn ein kleines, unscheinbares Schreiben des Arbeitsamtes auf folgenden Tatbestand aufmerksam: Am Ende des letzten Monats vor seiner Arbeitsaufnahme habe er ja noch das Arbeitslosengeld für den folgenden Monat im Voraus erhalten und dann nach einem Monat des Schaffens seinen Arbeitslohn rückwirkend für denselben Monat. Das würde bedeuten, dass er für diesen Zeitraum die staatliche Unterstützung unberechtigterweise bekommen habe. Und deshalb möge er doch 1.432,67 Euro (die mtl. Miete und Beihilfe zum Lebensunterhalt für ihn, seine Frau und zwei Kinder) innerhalb von 30 Tagen (Kto-Nr., BLZ und Name des Geldinstitutes der Agentur für Arbeit waren korrekt beigefügt) zurückzahlen. Sollte ihm das im Augenblick nicht möglich sein, könne man über eine angemessene Ratenzahlung verhandeln.

Doch selbst dazu war Bernis Freund, obwohl er arbeitete, wegen der schlechten Bezahlung nicht in der Lage und damit brach sein sowieso schon wackliges Finanzgebilde, welches er sich mühsam aufgebaut hatte, endgültig wie ein Kartenhaus zusammen.

Er versuchte noch, dagegen anzugehen, kämpfte sich von Instanz zu Instanz, der Staat bekam jedoch letztendlich Recht mit der Begründung, dass so nun mal die Vorschriften seien. Auf seinen Einwand, dass seine Familie ja nicht das Essen, Trinken, Wohnen und überhaupt das Leben einstellen könne, nur weil einen Monat lang keinerlei Geldeingang vorhanden war, wurde mit keinem Satz eingegangen.

An dieser Stelle seiner Überlegungen angekommen befällt Berni jedes mal ein ungutes Gefühl. In seinem tiefsten Inneren sagt ihm eine Stimme, dass ein solches Vorgehen (was sicherlich viele tausend Male in diesem, unseren Lande vorkommt) absolut nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Doch immer wieder überkommt ihn dann mit Erleichterung die Erkenntnis, dass es wohl doch richtig sein muss, denn das Ganze beruht ja auf Recht und Gesetz.

Ja, so denkt der angepasste Berni.

Denn Berni Bürger ist ein rechtschaffender Mann und ein braver Untertan.



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  • Berni, Bürger, Staat, Job, Gerechtigkeit, Agentur für Arbeit, Arbeitsamt, Lebensunterhalt, Hartz-IV
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