11.02.2013

Bergfrieden

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Kinder  sind ein Traum. Aber nur solange, bis die süssen Kleinen auf allen Vieren die Welt zu erobern beginnen. Spätestens dann nämlich werden die einst mit viel Liebe gezeugten kleinen Ungeheuer für deren Erzeuger rasch zum nie enden wollenden Alptraum. Die Müllers und ihr kleiner Michael, genannt Mischa, bildeten da keine Ausnahme, wie die nachfolgende Geschichte zeigt.

Ort der Handlung: Ein Berggipfel, den die Müllers erklommen hatten. Leuchtenden Auges standen Papa und Mama Müller Händchen haltend vor der prächtigen Bergkulisse und bestaunten mit vielen Ah’s und Oh’s die Gipfelwelt. Nur der kleine Mischa, eben erst vier Jahre alt geworden und schon ein richtiger kleiner Lausebengel, konnte den Schönheiten der Natur nichts abgewinnen.

Mischa (mit mürrisch nörgelnder Stimme):

«Ich will fernsehen.»

Mama Müller, die gerade das Kleid einer anderen Berggängerin kritisch unter die Lupe nahm und sich vorzustellen versuchte, wie sie selbst in diesem aussehen würde, hatte für den so harsch vorgetragenen Wunsch ihres kleinen Lieblings nur ein eisiges Schweigen übrig. Papa Müller dagegen runzelte irritiert die Stirn, blickte seinen Sohn streng an, spitzte die Lippen zu einem lautlosen «pssst» und schaute weiterhin ins Tal hinunter.

Mischa (bereits energischer):

«Berge sind pfui. Will fernsehen. Jetzt kommt Mickey Mouse. Will nicht Berg sehen.»

Papa Müller (leicht nervös):

«Schau Mischa, siehst du den Berg dort? Das ist ein ganz ganz böser Berggeist. Der frisst kleine Kinder, die unartig sind und ständig fernsehen möchten.»

Mischa wirft sich nach dieser fragwürdigen und pädagogisch keineswegs  einwandfreien Erklärung zornesrot zu Boden und beginnt mit seinen kleinen Fäusten auf den felsigen Boden zu trommeln. Mühelos wurde von seinen schrillen Schreien das laute Rattern der nahegelegenen Bergstation einer Seilbahn übertönt.

«Ich will fernsehen. Ich will fernsehen. Mami und Papi pfui. Berggeist ist blöd. Mischa will fernsehen.»

Papa Müller, von Beruf Bankdirektor, besann sich auf seine erzieherische Funktion, hob zu einer Rede an, in der er seinem Sprössling aufgrund der Gesetze der Logik zu beweisen gedachte, weshalb sein Wunsch nach Fernsehen ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt und noch dazu auf dem Gipfel eines Berges im höchsten Masse idiotisch sei, brachte aber beim Anblick von Mischa, dessen vorher hübsches Gesichtchen sich in eine hässliche Fratze verwandelt hatte und dessen Haare struppig in alle Richtungen wegstanden, nur ein:

«Mischa, wenn du still bist, bekommst du von mir ein Eis.» heraus.

Mischa (inzwischen blaurot im Gesicht und dem Erstickungstod nahe) brüllt aus vollem Halse:

«Will kein Eis, will fernsehen.»

Eine in der Nähe der Müllers ebenfalls die Aussicht bewundernde ältere Dame wandte sich irritiert an Frau Müller:

«Was hat denn der Kleine, dass er so herzzerreissend schreit?»

Sprachs und beugte sich zu dem am Boden liegenden Mischa, um ihm beruhigend über das Haar zu streicheln.

Mischa beisst ihr kräftig in die Hand. Papa Müller entschuldigt sich wortreich bei der Dame. Selbige zieht sich wutschnaubend zurück, «ungezogener Bengel» vor sich hin murmelnd.

Papa Müller verliert die Geduld und brüllt seine Frau an:

«Was stehst du hier herum und glotzt die Berge an, während sich dein Sohn die Seele aus dem Leib brüllt?»

Mama Müller (pikiert):

«Selber Glotzkopf. Immer wenn Mischa schlimm und ungezogen ist, dann ist er mein Sohn. Nur wenn er schön brav ist, ja dann ist er dein Sonnenschein, dein Ein und Alles, dein Augenstern. Nun sieh zu, wie du deinen Augenstern zur Vernunft bringst. Hau ihm notfalls eine hinten drauf. Das wird ihn schon wieder beruhigen.»

Papa Müller (empört):

«Ich soll die Hand gegen mein eigenes Fleisch und Blut erheben? Weib, bist du noch bei Sinnen? Wie kannst du nur so herzlos sein beim jammervollen Anblick deines Sohnes. Sieh nur, wie seine Tränen kullern und ihm Rotz und Wasser aus seiner geschwollenen Nase rinnen. Und da soll ich ihn züchtigen? Nur über meine Leiche.»

Mischa brüllt während dieses ehelichen Zwiegesprächs munter weiter:

«Ich will fernsehen, ich will fernsehen, ich will fernsehen...»

Ströme von Tränen fliessen aus Mischas himmelblauen Augen. Schauer von Schluchzern schütteln seinen kleinen Körper und ein hysterischer Zyklon von beinahe biblischem Ausmass bricht sich bahn. Zwischen einem und dem anderen Schluchzer stösst Mischa unzusammenhängende Laute aus, die Herr Müller unschwer als «will fernsehen» identifizierte. Herr Müller schimpft weiterhin mit seiner Frau. Frau Müller wiederum blickt gedankenverloren in den Abgrund, vor dem Herr Müller gerade steht und überlegt, ob ihr Schwarz stehen würde.

Ein ebenfalls anwesender, ganz offensichtlich alleinstehender Tourist, fühlt sich durch Mischas Geschrei in seiner Bewunderung der Berge gestört und faucht den Kleinen an:

«Wenn du nicht bald still bist, bekommst du von mir ein paar hinter die Ohren, dass dir Hören und Sehen vergeht.»

Und hämisch an die Adresse der Eltern gewandt:

«Wer von Kindererziehung so wenig Ahnung hat wie sie, der sollte das Kinderkriegen besser bleiben lassen.»

Mischa schweigt verdutzt, streckt dem Mann die Zunge raus, gibt ihm einen schmerzhaften Tritt gegen das Schienbein und nimmt unmittelbar nach dieser Aktion sein, inzwischen eher an ein verstopftes Nebelhorn erinnerndes Schreien, wieder auf.

Papa Müller wendet sich empört an den Touristen:

«Was fällt Ihnen eigentlich ein, meinem Sohn mit einer Ohrfeige zu drohen? Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre Angelegenheiten und lassen Sie meinen Kleinen in Ruhe.»

Mama Müller wiederum giftet:

«Typisch Junggeselle. Hat keine Ahnung von Kindererziehung, spielt sich aber auf, als wäre er Pestalozzi persönlich.»

Klein-Mischa kümmert’s wenig:

«Papi, Mami, will heim fernsehen», rief er unter lautem Schluchzen, während ihm dicke Tränen über die geröteten Wangen rollten.

Papa und Mama Müller waren gerührt. Wie konnten sie nur solche Rabeneltern sein und sich an der überwältigenden Aussicht ergötzen, während ihr kleiner Liebling schweren seelischen Schaden nahm, weil er nicht fernsehen durfte.

Die Müllers nehmen die nächste Seilbahn ins Tal. Papa Müller packt Mama Müller samt Mischa ins Auto und fährt heimwärts. Kaum zu Hause angekommen, rennt Mischa fröhlich vor sich hinsingend auf seinen kleinen Stummelbeinchen ins Haus, stellte den Fernseher an und macht es sich auf der Couch bequem.

Gezeigt wird ein alter Heimatfilm. Die Sennerin steht mit dem Senn Händchen haltend auf einem Berggipfel und bewundert leuchtenden Auges den blutroten Sonnenuntergang. Mischa gluckst vor Vergnügen und klatscht vor Freude in die Hände. Mischa ist glücklich. Mischa ist zufrieden. Mischa kräht fröhlich: «Mami, Papi, schau all die schönen Berge. Mischa will auch Berge sehen...!»

 



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  • Berg, Humor, Satire, Frieden, Kinder, eltern, Schwarz, Frau, Mann
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