09.09.2011

Ameisenkino

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Von meinem Logenplatz auf dem Balkon kann ich das große Krabbeln in Echtzeit betrachten. Ameisen flitzen auf der Balkonbrüstung hin und her und her und hin. Sie halten kurz inne, wenn sich die von her mit den von hin treffen und eilen geschäftig weiter. Die einen hin, die anderen her. Das hat System, jedenfalls sieht es bei all der Lauferei sehr professionell und zielstrebig aus. Ein großes Fest scheint für sie zu sein, wenn sie sich sammeln, um gemeinsam einen Krümel von einem Balkonkasten in den anderen zu tragen.


Haben sie ein Drehbuch für ihr Herumgejage? Sie laufen und rasten und stemmen Brocken so, wie es ihr gemeinsames Ziel vorzugeben scheint. Das hat für uns keine Logik, weil wir meistens einzeln denken. Bei uns ist „jeder seines Glückes Schmied“ mit seinem eigenen Storyboard. Und doch , wenn man es recht betrachtet, denken wir auch alle gemeinsam und tun gleichzeitig dasselbe. Plötzlich färben sich alle Frauen die Haare rot, klettern überall diese komischen Plastik-Weihnachtsmänner auf die Balkone. Wie auf Verabredung fahren alle silberfarbene Autos. Mal sind die Röcke gemeinsam kurz, dann sind sie alle wieder gemeinsam lang. Im Frühling machen alle gleichzeitig Diäten.


Was Ameisen immer gemeinsam und Menschen fast immer gleichzeitig tun, ist wohl das, was die soziale Welt im Innersten zusammenhält. Es ist nicht wirklich unsere Entscheidung. Weihnachtsmänner am Balkon gibt’s kollektiv zu Weihnachten. Zu Ostern wärs ein öffentliches Ärgernis. Gartenzwerge haben einen Spaten in der Faust, oder eine Gießkanne. Keiner hat einen Dolch im Rücken. Wir sind Papst. Wir sind Weltmeister. Wir sind pleite. ...und immer ein bisschen wie Ameisenkrabbeln. Und von oben betrachtet macht es überhaupt keinen Unterschied.



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  • Stichwörter

  • Ameisen, Menschen, kollektives Krabbeln
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