27.05.2010

Weißt du, wie lange wir noch leben werden?

() Gsf 2010 Historien Beitrag

An schlafen war gerade nicht zu denken. Obwohl ich mich schwer aufrecht halten konnte, versuchte ich angestrengt meine Beine stramm zu halten. Auf gar keinen Fall wollte ich Schwäche zeigen. Ich drückte mein Hab und Gut fester an mich und bemerkte, dass viele auch einen kleinen Koffer dabei hatten. Denn alles andere dürfte man nicht mitnehmen und musste zurück gelassen werden.
Fast alle standen in einer gebückten Haltung oder lehnten sich an andere Mitmenschen. Das lange stehen belastete auch mich. Wegen Platzmangel konnte man sich nicht hinsetzten. Alle Menschen waren regelrecht eingequetscht in einem-
„-Viehtransport. Das wusste ich schon von Anfang an“, rief David in die Menge. Die anderen nickten zustimmend, doch andere erstarrten vor Angst. David wendete sich zu mir und nahm wortlos meinen Koffer und klemmte es sich zwischen seine Beine. Vor Schwäche protestierte ich nicht und ließ mich in seine Arme fallen. Meinen Kopf schmiegte ich an seiner Brust und versuchte seinen regelmäßigen Herzschlag zu spüren.
Ich wusste nicht, wie lange wir in dem stinkenden Transporter umherfuhren. Es könnten Stunden oder sogar Tage gewesen sein. In dem Wagen war es so düster, dass ich den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht erkennen konnte.
Eigentlich sollte bald sehr schönes Wetter werden, da wir mitten im Frühling waren. David und ich planten einen Urlaub am Wörthersee. Unser vorläufig letzer Urlaub, da wir nach langer Ehe bereit für Nachwuchs wären. Anstatt am See die Zeit mit meinem Partner zu verbringen, war ich in einem Transporter eingesperrt und-
„-es wird wieder alles gut, schatz“, David flüsterte mir sanft ins Ohr, „ Denk an unseren Urlaub. Sobald es geht, werden wir es nachholen. Versprochen.“
Ich sah es als eine Art Gabe von ihm, meine Gedanken zu unterbrechen und sie in Worte weiter zu fassen.
„Ich liebe dich“. Ich versuchte meine aufgestiegenen Tränen zu unterdrücken. David antwortete nicht. Brauche er auch nicht. Sein Kuss zeigte mir deutlich, was er für mich empfand.
Ich lehnte mich wieder an seine Brust und schloss die Augen fest zu. Sofort wurde ich von Dunkelheit umhüllt. Ich schleifte meine Gedanken in alle Richtungen und dachte fest an meine Zukunft mit David. Wie wir aus dieser ausweglosen Situation herauskommen und unser Leben weiter leben werden. Und-
Schon wieder wurde ich aus meinen Gedanken unterbrochen. Doch unglücklicherweise nicht von David. Laute Schreie durchlief die Menschenmenge, als endlich der Transporter stillstand und die Türen gewaltsam geöffnet wurden.
Von allen Seiten wurde ich Richtung Ausgang gedrängt. Schnell nahm ich meinen Koffer und versuchte nicht hinzufallen. Als ich endlich ins Freie gelangte, blendete mich die Sonne.
Sofort hörte ich Männer, mit lauten rauen Stimmen, uns anschreien, wir sollten schneller aus dem Transporter aussteigen. Die Männer trugen braune Uniforme und waren mit Gewehren oder armlangen Peitschen aus Leder bestattet. Meine Aufmerksamkeit galt dem Symbol, das die Soldaten am Oberarm trugen. Ein Hakenkreuz.
Ich drehte mich um uns sah, dass David mir hinterher folgte. Sein Gesicht war leer und ausdruckslos. Um eine Regung an ihm zu sehen, rief ich: „ Weißt du, wie lange wir noch leben werden?“
Er schaute mich an, wie an unsere erste Begegnung. Liebe auf den ersten Blick. „ Der Aufenthalt ist nur für kurze Zeit. Danach werden wir wieder unsere Zweisamkeit genießen.“, waren seine letzten Worte, als ich von der Masse weggezogen wurde und Männer und Frauen voneinander getrennt wurden.
Ich hatte noch zwei Stunden zu leben.



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