14.07.2010

Verschollen in der Sierra

() Gsf Western Beitrag 2010

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(Die Geschichte vom weißen Indianer)

 Seit zwei Tagen lag jetzt die mexikanische Grenze hinter ihm und er gönnte sich eine erste Pause. Hier am Fuße der Rockys und den Ausläufern der Sierra Madre würden sie ihn nicht suchen.

Aus den Bergen plätscherte fröhlich ein kleiner Bach, ein paar Bäume und nach zwei Seiten Schutz durch kleine Felsen, die in diesem Teil der Rockys wie Würfel in die Landschaft geworfen waren. Ideal zum Rasten für einen, den sie in New Mexiko, Arizona und Karlifornien seit drei Jahren wegen mehrerer Banküberfälle, Raub und Mord suchten. Es war genug Zeit gewesen über alles nachzudenken und neue Pläne in`s Auge zu fassen. Aus Ferdinand Scholl, Sohn eines deutschen Einwanderes und einer Indianerin war Fernando geworden, ein Mexikano und gefürchteter Gesetzloser. Wenn auch im Verlaufe der drei Jahre, die in der Zwischenzeit in`s Land gegangen waren kaum noch ein Steckbrief hing, die Sheriffs  und Marshalls suchten ihn noch immer. Er war der letzte der Bande von El Cante, die kaum eine Bank oder Postkutsche im Genzgebiet verschont hatten. Überlebt hatte nur er, zwei waren gefasst worden, darunter El Cante und drei starben bei dem letzten großen Coup im Kugelhagel. Nur ihm war die Flucht aus dem Gefängnis von Tucson gelungen und als er mit ein paar Männern zurückgekehrt war, hing El Cante und der kleine Joe schon an den Bäumen vor dem Büro des Marshalls, ohne Gerichtsprozeß. Ihm blieb nur die Beute gerecht zu teilen und ihren  Familien in Mexiko zu bringen. Seinen Anteil, eine viertel Million Dollar verwahrte er sicher in einer Satteltasche auf und wollte sie, wenn die Zeit gekommen war, den verbliebenen Angehörigen des Stammes  seiner Mutter bringen. Damals im Alter von zwölf Jahren musste er mit ansehen, wie die Soldaten  Mutter und Vater und einen großen Teil des Stammes ermordeten. Ihr einziges Vergehen bestand darin nicht rechtzeitig das angestammte Stammesgebiet am Missouri verlassen zu haben und in`s unwirtliche  in der Sierra  gelegene  Reservat gegangen zu sein. Wochenlang war er am Fluß geblieben, bis ihn El Cante und seine Leute  fanden und von der Zeit an gehörte er zu Ihnen. Als Fernando lesen und schreiben konnte und schon mit den Männern ritt, gab ihm El Cante ein altes Buch aus England mit der Bemerkung: „Lies, wir sind keine Verbrecher, wir sind solche Leute , wie dieser Robin Hood oder aber weiße Indianer.“

Drei Tage war er jetzt schon an diesem Rastplatz und er wusste, wenn er noch eine Woche weiter gen Osten ritt, würde er das Reservat erreichen und dann  nach dem Stamm seiner Mutter suchen können. Erst dort wäre er in relativer Sicherheit. Heute wollte er noch hier bleiben und Morgen noch vor Sonnenaufgang die letzte Etappe in Angriff nehmen. Seinem Pferd waren die drei Tage Ruhe sehr gut bekommen, es lief frei herum und suchte sich sein Futter allein.

Jetzt am frühen Morgen war es sehr ruhig. Die Nacht aktiven Tiere waren schon zur Ruhe gegangen und alle anderen noch nicht da. Auch deshalb konnten ihm die wohl bekannten Geräusche nicht entgehen. Pferde, sehr schnell, im Galopp. Fernado rief sein Pferd und band es hinter einem der Felsen an, machte die Satteltaschen fertig und verschnürte  alles ordentlich, so dass er jederzeit weg konnte. Dann begab er sich auf einen der kleinen Felsen, von dem aus er die Ebene gut übersehen konnte.

Da jetzt sah er es. Wie er vermutete, eine Staubwolke, Reiter und ein Stück dahinter, weiter als ein Schuss Entfernung noch eine Staubwolke, wieder Reiter. In der Art wie da geritten wurde war ihm sofort klar, die ersten ritten um ihr Leben und der zweite Trupp verfolgte sie und hatte es  eben darauf abgesehen. Zwanzig Jahre lebte Fernando jetzt in der Wildnis und es machte ihm keine Probleme hier eins und eins zusammen zu zählen. In  etwa zwei bis drei Stunden würde der erste Trupp hier sein und eine halbe Stunde später der Zweite, wenn die nicht aufholten. Zu einer Begegnung verspürte er keine Lust, anderer Leute Probleme waren schon lange nicht mehr sein Ding.  Ihm blieben zwei Möglichkeiten, zum einen ausharren und hoffen, dass alles an ihm und seinem Versteck vorbei ging, oder sofort los reiten und hoffen nicht gesehen zu werden. Allerdings nach Osten ging das nicht, denn vor diesen „Wilden“ herreiten, das war zu gefährlich. Wenn er aber nach Norden oder Süden ritte, verlor er viel Zeit. Also entschied er sich für Variante eins. Bleiben und hoffen. Das hatte ihm schon oft das Leben gerettet.

Nach dem er nochmals den sicheren Standort seines Pferdes einer Prüfung unterzog und alle Spuren seines Rastplatzes beseitigt hatte, nahm er seine beiden Revolver, genügend Munition, die Jagdflinte und bezog hinter einem Felsen Stellung.

Jetzt sah er genau was da unten in der Ebene vor sich ging. Zwei Reiter, auf kleinen Pferden, Indianer ...? .. und dahinter eine Gruppe drei, nein vier Reiter in Uniformen. Wie elektrisiert starrte er auf die Verfolger. Soldaten.... keiner von denen war seit dem Massaker an seinen Eltern, wenn  sie ihm über den Weg liefen mit dem Leben davon gekommen. Offensichtlich erkannten die beiden Reiter, dass ihre Chancen den Soldaten mit ihren stärkeren Pferden zu entkommen immer geringer wurden. Sie veränderten die Richtung und kamen genau auf sein Versteck zu. Ein Irrtum  war ausgeschlossen es  waren Indianer und die Soldaten kamen immer näher. „Na gut dachte Fernando drei gegen vier dürfte nicht das größte Problem sein.“ Aber erst mal müssen die es schaffen. Der kleinere von den Beiden ritt wie der Teufel genau auf sein Versteck zu, während der andere etwas zurück blieb und das sollte ihm auch zum Verhängnis werden. Ein Schuss, das Pferd brach zusammen  und warf den Reiter ab und noch bevor der seine Waffe hoch reißen konnte, ein zweiter Schuss und er rührte sich nicht mehr. Fernando stockte kurz der Atem, er konnte diese Bilder nicht mehr sehen.

Jetzt war der kleine Reiter kurz vor ihm, aber noch außerhalb der Reichweite der Waffen der Verfolger. Er stockte kurz als er Fernando sah. Aber er hatte keine Wahl, eine Zeichen, dass nur Indianer benutzen beruhigte ihn sofort und er ging neben Fernando in Deckung. Sein Pferd galoppierte weiter und blieb erst stehen, als es Fernandos Pferd witterte.

In der Zwischenzeit stand die Sonne hoch am Himmel. Sie stand den beiden hinter dem Felsen im Rücken und vergrößerte so ihre Chancen wesentlich, nicht gesehen zu werden. Die Soldaten schienen sich ihrer Sache recht sicher zu sein. Ohne jede Eigensicherung ritten sie geradewegs auf den Felsen zu. Sie waren wohl der festen Überzeugung, dass ein Verhältnis von 4:1  klar zu ihren Gunsten sprechen würde.

Fernando musterte seinen neuen Partner. Kleidung wie ein Weißer, ein Cowboy eher, aber an Haut- und Haarfarbe war der Indianer nicht zu übersehen. Sie verständigten sich erst zu schießen, wenn die Chance bestand, dass auch jeder Schuss traf. Die Angreifer schöpften keinen Verdacht. Jetzt ! Fernando gab das Zeichen. Die Schießerei  begann. Zwei Angreifer waren sofort Tod, den dritten holte eine Kugel aus dem Sattel, er versuchte aber, offensichtlich angeschossen sein Gewehr an zu legen, bevor auch er von Fernando getroffen zusammenbrach. Der Vierte, ein Sergeant   bekam sein Gewehr in Anschlag, aber die Kugel prallte am Felsen ab, geschickt ließ er sich vom Pferd herunter gleiten und schoss sofort weiter. Dem kleinen Indianer gelang es ihn am Bein zu treffen, aber er gab nicht auf. Fernando richtete sich etwas auf, um ein besseres Schussfeld  zu haben. Das einzige , was er noch spürte war ein brennender Schmerz in der Schulter, dann wurde es Nacht um ihn.

 Ganz langsam gelang es Fernando die Augen zu öffnen. Durch das Dach  eines Zeltes sah er den blauen Himmel. Dann blickte er in zwei braune , besorgte Augen einer sehr jungen Indianerin. Alle Knochen taten ihm weh, den rechten  Arm konnte er nicht bewegen. Er hatte Indianerkleidung an und lag auf einer dieser typischen Liegen, wie sie die Stämme im Westen benutzen. Ein paar Worte indianisch aus seiner Kinderzeit konnte er noch. „Durst..“ brachte er mühsam hervor, dann schwanden ihm die Sinne erneut. Als er wieder erwachte sah er ein bekanntes Gesicht. Eben lagen sie noch beide hinter einem Felsen am Rande der Rockys und hielten sich die Soldaten vom Leibe.

Er wollte etwas sagen, aber der kleine Indianer legte ihm den Finger auf den Mund und gab ihm einen Schluck zum trinken. 

„Bleib ganz ruhig Ferdinand. Du bist zu hause.“ begann „Kleiner Falke“ eine lange Erzählung, die er immer wieder unterbrechen musste, weil Fernando die Kräfte schwanden. Die Geschichte war so unglaublich , dass sie schon wieder wahr sein musste. Von der Kindheit, den Eltern, die glücklichen Jahre am Missouri, Blutsbrüderscaft schworen sie sich damals, „Kleiner Falke“ der Sohn des Häuptlings und Ferdinand der Sohn von „Schöner Blume“ und dem Deutschen, den sie „Große Eiche“ nannten. Dann die Vertreibung und die Ermordung vieler Stammesangehöriger auch der Eltern von Fernando. „Von da an habe ich dich gesucht und nun auch gefunden.“ beendete der Häuptlingssohn die Geschichte. Unbemerkt war ein alter Mann in`s Zelt getreten. „Willkommen zu Hause „Kleiner Bär“. Das war Dein Name bis zu jenem Tag.....“ dann versagte Ihm die Stimme. „Großer Chato – Häuptling der stolzen Apachen, bist Du es?“ Fernando standen die Tränen in den Augen. Dann richtet er sich auf und Chato, sein Onkel, nahm ihn in die Arme und sagte nur: „Ich bin stolz auf dich mein Junge. Bleib bei uns. Du bist ein Apache.“

Als er gegangen war erfuhr Fernando, der nun wieder der „Große Bär“ war, wer der Begleiter war, den sie in der Sierra verloren hatten. „Ein Chirokee, der mir bei der Suche nach Dir geholfen hat, er wird für immer in unseren Herzen wohnen.... Wir haben alles so hergerichtet, dass jeder , der nach den Soldaten sucht glauben muss, dass wilde Tiere der Sierra auch Dich gerissen haben und die Geyer den Rest besorgt haben. Bis auf ein Pferd waren mir ja alle Pferde geblieben, so dass ich dich gut in`s Reservat bringen konnte. Hab keine Angst, hier her kommen die Soldaten nicht.... Ach ja und das hier gehört ja Dir !“ Dabei holte er aus einer Ecke des Zeltes eine alte Satteltasche hervor. „Das Geld...!  Es gehört jetzt dem Stamm, allen soll es besser gehen.“ Der verlorene Sohn war nach Hause gekommen.

Drei Wochen später hält der Marshall von Tucson City eine Depesche in der Hand und nimmt ein altes Fahndungsplakat von der Wand. „Hat es dich also auch erwischt, Fernando. Damit ist das Kapitel der Bande von El Cante, dem Robin Hood des Westens auch vorbei. Alle Tot, endlich.“ Mit Schwung landet das Plakat im alten Papierkorb des Marschalloffices.



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  • Marshall, Western, Chirokee, verschollen, Indianer, Grenze, Sierra
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