07.09.2012

Der Verlierer

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Alfred lebte ein wohlgeordnetes Leben. Es ging ihm eigentlich gut. Seine Frau war Buchhalterin im gleichen VEB, in dem er auch arbeitete. Der Große ging schon in die Schule, nachmittags in den Hort. Die Kleine brachte seine Frau in den betriebseigenen Kindergarten, in dem das Kind ihre Tanten über alles liebte. Zugegeben, nach Feierabend war nicht mehr sehr viel Zeit für Freizeitbeschäftigungen. Einkaufen, Hausaufgaben kontrollieren, Haushalt und lauter solche Alltäglichkeiten eben bestimmten den Rhythmus. Trotzdem trainierte Alfred zweimal die Woche abends im Betriebssportverein Handball und seine Frau ging schwimmen. An Handballturnieren am Wochenende nahmen ganze Familien teil. Ansonsten verbrachten alle die freien Tage im Schrebergarten, wo auch gemeinsam zünftig gefeiert wurde.

Alfred arbeitete in einer Maschinenfabrik als Bohrwerker. Also an einer Respekt einflößend riesigen Maschine, an der spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten gefragt waren. Er war ein anerkannter Facharbeiter, der auch schon mal eine Lippe riskieren konnte. Egal, ob da der Meister, der Abteilungsleiter oder Parteisekretär vor ihm standen. Und Alfred verdiente gut. Natürlich nicht genug, wer tut das schon? Aber immerhin, die Wohnung war toll eingerichtet, der obligatorische Trabbi stand vor der Tür und im Urlaub musste auch nicht geknausert werden.

Wie das so ist: Das Leben verlief im Gleichklang. Das war ja soweit ganz schön. Aber die Grenzen waren bald erreicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Reisen endeten an Mauern und Zäunen, es blieb nur der sehnsüchtige Blick in die unbekannte Welt. Aus dem Trabbi hätte Alfred noch einen Wartburg machen können. Dazu musste er allerdings die Anmelde- und Wartezeit von zirka 10 Jahren aussitzen. Auch sonst hatte er die Grenzen des Wohlstandes erreicht. Mehr gab das Angebot der realen sozialistischen Gesellschaft nicht her. In den Betrieben flutschte die Arbeit nicht mehr. Es Mangelte an Technik, am Material, an der Logistik, an Leuten..... Bummelschichten mussten eingelegt werden, weil nichts mehr ging. Und dann wieder Hauruck und Überstunden, um doch noch den Plan zu erfüllen.

Unzufriedenheit machte sich breit. Das Volk ging auf die Straße. Alfred marschierte mittendrin. Bis die Mauern und Zäune fielen. Endlich! Nicht nur frei sein schlechthin. Endlich konnte es vorwärts gehen! Aufbruchstimmung überall, Zukunftspläne, runde Tische, Visionen. Endlich richtig Arbeit, endlich anständige Löhne, endlich stand die Welt offen. Wer wollte diese Revolution aufhalten!

Zwei Jahre nach der Wende habe ich Alfred das erste Mal wieder getroffen. Mit einer Hacke in der Hand beseitigte er Unkraut vor einem Amt. „ABM-Maßnahme“, kommentierte er kurz angebunden, aber mit einem Grinsen im Gesicht. Seine Maschine, seine Arbeit, sein Wissen wurden nicht mehr gebraucht. Fünf Jahre später war die große Maschinenhalle leer geräumt. Hat wohl noch einen guten Schrottpreis gebracht. Inzwischen steht auch die Halle nicht mehr.

Alfred war in den letzten Jahren schwer krank. Erst der Entzug, dann ein Schlaganfall. Jetzt zieht er das eine Bein hinterher. Seine Ehe ist geschieden, über seine Kinder spricht er nicht. Ich traf ihn an der Bank, auf der immer diese Leute mit dem leeren Blick sitzen. Volle Bierbüchsen in der Hand, in Tüten oder Taschen oder Rucksäcken. Die Papierkörbe neben den Bänken quellen über von leeren Büchsen. Unrasiert, ungekämmt, abgerissen, aschgraue Gesichtsfarbe. Ein bedauernswerter kleiner Hund sitzt neben Alfred, der wohl auch nur den Weg von der Einraumwohnung zum Supermarkt, zur Bank und zurück kennt. Alfred sagt, er braucht das Tier. Sonst hätte er überhaupt keinen Grund mehr, morgens auf zu stehen. „So habe ich immer noch ein geordnetes Leben.“ Als er das sagt, hat er kein Grinsen mehr im Gesicht.

 



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