10.10.2008

Ordnung ist das halbe Leben

() Gsf 2008 Fantasy Beitrag

Ordnung ist das halbe Leben

 

Um Punkt 6.30 klingelt der Wecker. Wie jeden Morgen steht Andreas Bürgerlich auf und putzt sich genau 5 Minuten lang die Zähne. Dabei achtet er mit peinlicher Genauigkeit darauf, dass jede Partie seines überaus sauberen Gebisses gleichmäßig gereinigt wird. Nachdem er sich nun sorgfältig seine Bartstoppeln entfernt hat, begibt er sich für die nächsten 10 Minuten unter die Dusche, wobei er wiederum darauf achtet, dass sein Körper an allen Stellen gleichmäßig vom Büroschweiß des vorangegangenen Tages abgespült wird. Schließlich trocknet er sich gleichmäßig jede Partie seines 1,80 großen Körpers ab und betrachtet abschließend sein Gewicht auf der Waage, das wie immer genau 94 Kilogramm beträgt. Um 6.48 Uhr steigt Andreas in die braune Hose der Imitation eines Hugo-Boss Anzuges, die es, braunes Jackett, weißes Hemd und schwarze Krawatte inklusive, im Sonderangebot in der Kleiderhandlung seines Vertrauens gab. Um nicht sonderlich aufzufallen und nicht aus der Masse heraus zu stechen, behielt er sich vor, den Anzug gleich in fünffacher Ausführung zu kaufen.

So verlässt Andreas also, wie jeden Morgen um Punkt 6.50 Uhr seine 3-Zimmer-Wohnung, um der Putzfrau (die in seinen vier Wänden übrigens eine sehr arbeitsunaufwändige Zeit verbringt, da Andreas Bürgerlich ein sehr reinliches Leben führt) das Feld zu räumen und sich auf den Weg zur Nahe gelegenen Bäckerei zu begeben. Dort angekommen wird er montags und mittwochs von der zierlichen blonden und dienstags, donnerstags und freitags von der stämmigen brünetten Dame bedient, die ihm, wie jeden Morgen, ein mit Butter bestrichenes Laugenbrötchen und eine Tasse Kaffee mit zwei Stückchen Zucker aushändigt. Die 2,50 Euro hält er zum Zahlen stets bereit. Um sein gerade erworbenes Frühstück genießen zu können, hat er, nachdem er von sich daheim zur Bäckerei und von dort aus zurück zu seinem Parkplatz jeweils 1,5 Minuten benötigt, genau 10 Minuten Zeit, um mit seinem stets polierten und doch unauffälligem braunen Ford Fiesta weitere 10 Minuten zu seinem Arbeitsplatz zu fahren. Dort angekommen, kann er gewöhnlich seinen Stammparkplatz belegen, da er bereits 10-15 Minuten früher als seine Arbeitskollegen anwesend ist, um die Routine nicht aus seinem Leben zu treiben. Nun hört er, wie jeden Morgen, 10 Minuten seinen Lieblingsradiosender, der um diese Uhrzeit nur selten andere Lieder als sonst spielt, begibt sich auf den Weg zu seinem Büro, für den er weitere 2 Minuten braucht. Nun ist Andreas Bürgerlich an seinem gewohnten Arbeitsplatz und hat genau 5 Minuten Zeit, um die Akten heraus zu holen und den Computer hoch zu fahren. Um 7.30 Uhr beginnt dann sein Arbeitstag und endet regulär um 17.30 Uhr. Eigentlich könnte der fleißige Büromensch auch nachts arbeiten, was schließlich besser bezahlt wird und was viele seiner Kollegen auch tun. Allerdings wurde ihm dieses Angebot erst unterbreitet, nachdem er bereits 10 Jahre seines Lebens routiniert die Berge von Akten erklommen hatte, folglich konnte er dieser Routine nicht mehr entkommen. Andreas benimmt sich während seiner Arbeitszeit seinen Kollegen gegenüber immer freundlich und zuvorkommend, auch wenn diese ihm des öfteren Streiche spielen, um ihm ihre Abneigung zu demonstrieren. Manchmal malt er sich aus, wie er sich an ihnen rächen könnte, doch vertreibt er diese Gedanken wieder schnell aus seinem Hirn. Er will schließlich nicht auffallen. Vor allem nicht unangenehm.

Wenn er dann nach vollendeter Erwerbstätigkeit und routinemäßiger Heimfahrt seine Wohnung erreicht, kann er sich noch auf den Weg zum nahe gelegenen chinesischen Schnellimbiss begeben, um sich dort seine Portion gebratene Nudeln zu kaufen und diese dann, wie jeden Abend genüsslich bei einer kleinen Flasche Bier vor dem Fernseher, der die 18 Uhr Nachrichten ausstrahlt, zu sich zu nehmen. Um 22.20 Uhr schaltet er dann, wie jeden Abend, den Fernseher aus, entledigt sich seines Anzuges und schaltet um Punkt 22.30 Uhr das Licht aus, um sich dem Reich der Träume hinzugeben. So sieht Andreas Bürgerlichs Tagesablauf  aus. Würde man ihn fragen, was er seit seines Schulabschlusses mit 20 Jahren gemacht hat, würde er antworten, dass sein Tag seit 23 Jahren, 4 Monaten und 8 Tagen genau so aussieht, wie bereits beschrieben.

 

Irgendwann gegen Vormittag, die Sonne stand schon hoch am Himmel, wurde Josh vom Kläffen eines Hundes, der von seiner Besitzerin gerade im Stadtpark ausgeführt wurde, unsanft geweckt. Ruckartig setzte in seinem Kopf ein donnerartiges Dröhnen ein und als er sich gähnend versuchte, die Augen zu reiben, zuckte er erschreckt zurück, weil er einen stechenden Schmerz im linken Auge spürte, das aufgrund ihm unerklärlicher Ereignissen der vergangenen Nacht leicht angeschwollen war. Er machte sich darum keine weiteren Sorgen, da es sich so anfühlte, als sei der Genesungsprozess von kurzer Dauer. Vielleicht ein, zwei Tage. Josh spürte so etwas, er war regelmäßige Verletzungen gewohnt. Was ihn viel brennender interessierte, waren die Vorkommnisse der vorigen Nacht. So stark er jedoch auch versuchte, sich jener zu entsinnen, blieb die einzig rekapitulierbare Tat, sich am späten Freitagabend in eine kleine Kneipe begeben zu haben und sich dann den einen oder anderen Drink hinter die Binde gegossen zu haben. Jedenfalls fühlte er ein starkes Hungergefühl und beschloss deshalb, einen Supermarkt aufzusuchen. Als er dort ankam, bemerkte er verärgert, dass sich in seinen Hosentaschen außer einem zerknüllten Taschentuch und einigen Centstücken nur die Leere tummelte. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, seinen Einkauf zu beginnen und mit ein paar geschickten Handgriffen die älteren Damen im Supermarkt um einen kleinen Teil ihrer Rente zu bringen. Nachdem er die Unmengen an billigem Schnaps und  Milchbrötchen bezahlt hatte, begab er sich zurück in den Stadtpark. Während er dort auf einer Bank saß und sein Frühstück, welches aus einigen Milchbrötchen und einem großen Schluck aus der Flasche bestand, zu sich nahm, lies er seinen Blick über die groß angelegte Grünfläche schweifen. Dort entdeckte er Blumen, in sämtlicher Farbfülle des Regenbogens, schillernde Schmetterlinge und eine rege Bewegung unterhalb eines Baumes, die seine Aufmerksamkeit unweigerlich in ihren Bann zog. Im ersten Moment glaubte er noch, sich getäuscht zu haben, und schloss die Augen für ein paar Sekunden, um dann abermals den Baum zu betrachten. Als er dort dann wieder mysteriöse Schwingungen der Grashalme unterhalb eines Baumes bemerkte, machte er sich wie magnetisch angezogen auf, um den Fuß des Baumes näher zu inspizieren. Josh brachte die kurze Entfernung in Windeseile hinter sich und seine anfängliche Neugier schlug in  bezauberte Verwunderung um. Was ihm seine Augen unterhalb des Baumes zeigten, gibt allen Grund zur Verwunderung; dort zwischen all dem Alltäglichen befand sich eine handvoll fingergroßer Wesen, vergleichbar mit mit Giraffen gekreuzten Eichhörnchen, deren Körper in vier gleichlangen Beinen mündeten und mit azurblauem Fell überzogen waren, während ihre Gesichter aussahen, als ob sie regelmäßig gegen Wände gepresst würden; die Nasen waren eingedrückt und von proportional riesiger Größe – sie nahmen knapp die Hälfte ihres Gesichtes ein – unter denen sich hinter schmalen Lippen spitze Zähne befanden. Ihre Augen lagerten in eingerückten Höhlen und glänzten im Licht der Sonne purpurn. Diese wundersamen Geschöpfe wollten, tanzend zwischen Grashalmen und Laub, Laute ausstoßend, die aufgrund ihrer geringen Lautstärke kaum in der Lage waren, sich den langen Weg zu Joshs ungewaschenen Ohren zu bahnen, unumstritten seine Aufmerksamkeit erregen. Da die Wesen ihr Ziel erreichten, beugte sich Josh zu ihnen herab, um die undefinierbaren Laute hören und die winzigen Wesen inspizieren zu können. Zwei der wundersamen Figuren ergriffen diese Gelegenheit, um sich auf Joshs Schultern zu platzieren. Sofort drangen ihm zischende Laute an sein Ohr, die trotz ihrer gellenden und nervtötenden Klänge der menschlichen Sprache zuzuordnen waren. Josh freute sich, da er ihre Sprache verstand und diese die ersten Wesen waren, die, abgesehen von ein paar empörten Kontrolleuren in der U-Bahn, seit Monaten zu ihm sprachen. Bedächtig lauschte Josh den beiden Stimmen, die sich mit jedem Wort abwechselten und jeweils sein linkes und sein rechtes Ohr mit folgenden Worten fütterten: „Wir sind vom Stamm der Suligrins und suchten schon lange nach einem verlorenen Schaf, das sich von uns durch sein armseliges Leben leiten lässt. Wirst du uns bekämpfen, wirst du kläglich scheitern und deine Hölle auf Erden finden, lässt du dich jedoch von unseren Eingebungen leiten, findest du das Paradies auf Erden und die Wünsche, die tief in deinem innersten verborgen sind, werden ihren Platz in der Realität finden.“ Ohne lange zu zögern willigte Josh in das eigenartige Angebot ein. Paradies auf Erden, Erfüllung aller Wünsche.. hört sich doch gut an. Und was sollten ihm diese kleinen Dinger schon anhaben? Wenn er keine Lust mehr auf ihre Anwesenheit hatte, müsste er sie schließlich mit einer Handbewegung wegfegen können. „Unterschätze nie unsere Macht. Du bist den Pakt eingegangen. Du kannst ihm nicht mehr entfliehen, freunde dich damit an oder gehe unter.“, drohte es ihm gleich von beiden Seiten, kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht. Verwundert und verängstigt begab sich Josh zurück zu seiner Bank, genehmigte sich noch einige lange Züge aus der Flasche und beobachtete einen Jungen, dessen Gesicht die Form eines Hamburgers hatte und dessen restliches Erscheinungsbild darauf schließen lies, dass er sich ausschließlich von selbigen ernährte, wobei er gerade nur eine Ausnahme machte, er aß nämlich ein großes Stück Erdbeer-Sahne Torte. „Siehst du; das ist das Produkt einer Gesellschaft, in der du nie leben willst, schau wie das Kind aussieht. Anstatt Liebe bekommt es Geld, anstatt Zuneigung Fast Food. Du musst dagegen kämpfen. Such den Vater dieses Kindes und strafe ihn. Wir leiten deinen Weg zu einer besseren Gesellschaft.“ Da Josh die Forderungen der Suligrins nicht gänzlich aufnahm und seine Willensstärke vom Alkohol deutlich beeinträchtigt war, folgte er den Forderungen der Wesen, die ihn von seiner Schulter aus kommandierten, stieß das fette Kind zur Seite und begab sich auf den Weg, der ihm befohlen wurde. Die Wesen mit den gellenden Stimmen führten ihn durch enge Gassen und durch große Stadtparks, sein Marsch musste nun schon mehrere Stunden andauern, doch seine Beine schienen unermüdlich geworden zu sein. Auch seine Wahrnehmung hatte sich deutlich geändert, seit die Suligrins seine Schultern bewohnten; hier und da schienen Ziegelsteine von Dächern zu Gesichtern zu werden und überall sah und roch er Blut. Wenn er aus Versehen mit seinen Stiefeln in Pfützen geriet, war er sich sicher, Blut daran zu haben. Nachdem er mit dem Finger gedankenverloren an einem Gartenzaun entlang strich und sich diesen danach betrachtete, schien er von roter Farbe getränkt zu sein. Nachdem seine Alkoholvorräte zur Neige gingen und ihn das allgegenwärtige Blut langsam zum Wahnsinn trieb, begann er sich und die Wesen auf seinen Schultern zu verfluchen: „Nur wegen euch gottverdammten Mistviechern sehe ich überall nur noch Blut! Wo ist das Paradies von dem ihr gesprochen habt, wo ist das was ich tief in mir begehre? Haut ab, lasst mich in Ruhe!“ und noch während er diese letzten Worte aussprach, versuchte er mit einer schwunghaften Bewegung die unheilbringenden Kreaturen von seinen Schultern zu fegen, doch sie wichen geschickt aus und bissen ihm mit ihren kleinen spitzen Zähnen mit einer solch ungeheuren Kraft in die Schultern dass er auf die Knie sank und einen schmerzerfüllten Schrei von sich gab, der die andächtige Stille der bereits hereingebrochenen Nacht auf eine hässliche Art und Weise zerriss. Daraufhin wagte er es nicht mehr den Suligrins zu widersprechen und lies sich weiter von ihnen durch die Straßen, vorbei an Brunnen, die mit Blut gefüllt waren, vorbei an Flüssen, deren Farbe ein tieferes rot als die untergehende Sonne hatte, durch die große Stadt treiben, die ihm plötzlich so fremd vorkam. Er kam an vielen Orten innerhalb der Stadt vorbei, die er schon seit so vielen Jahren bewohnt hatte und doch kam ihm alles so verändert vor. Statuen schienen ein Eigenleben zu führen und sich miteinander zu unterhalten, während sich ihnen zu Füßen Krähen im matten Schein der Scheinwerfer Marshmallows rösteten. Es war nichts wie früher; all die Dinge, an denen er sonst so achtlos vorüber ging, weil er sie schon unzählige Male gesehen hatte, faszinierten in plötzlich, da nichts mehr seinen gewohnten Gang zu gehen schien. So lief er Kilometer um Kilometer und, obwohl er sonst körperliche Anstrengung verabscheute, kam es ihm vor, als sei er noch keine 20 Meter gelaufen, weil er stets damit beschäftigt war, seine Augen, die seit dem Beginn all dieser sonderlichen Begebenheiten keine Ruhe mehr finden wollten, von der Gitarre spielenden Riesenameise, die Skateboard fahrend seinen Weg kreuzte, über die sich rhythmisch im Wind bewegenden Dachterrasse zurück zum Feuer speienden Zwergpudel und sonstigen Erscheinungen dieser Art kreisen zu lassen. 

Er sollte noch einige Kilometer laufen müssen, bis ihm die Erfüllung seines geheimsten Wunsches dargeboten würde, sagten ihm die Stimmen in seinen Ohren.

 

Um Punkt 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Wie jeden Morgen putzt Andreas Bürgerlich sich die Zähne und will sich wie an jedem Morgen die Bartstoppeln entfernen, als plötzlich etwas geschah, was ihm schon seit seiner Jugend nicht mehr passiert ist, da er immer peinlich genau rasierte und darauf achtete nie mit zu starkem Druck auf den Rasierer zu arbeiten, er schnitt sich am Kinn und es lief ihm Blut über dasselbe. Dadurch kam sein Zeitplan durcheinander, da er kaum darauf vorbereitet war, was er tun solle, wenn sein Tag nicht nach Routine abläuft. Völlig aufgelöst riss er sämtliche Schubladen auf und durchwühlte sie, um ein Pflaster zu finden, das seine Wunde stillen konnte. Bis sein Kinn schließlich verarztet war, verstrichen 4 volle Minuten, wie ihm der Blick auf die Armbanduhr verriet. Nachdem er sich nun angezogen und geduscht hatte, stürzte er aus der Wohnung und stolperte die Treppen hinunter. Bis auf das etwas schummrige Gefühl, das er jeden Montagmorgen hatte, sowie der Wunde am Kinn und den damit verbundenen Zeitverlust, schien alles wie immer zu sein. Als er jedoch bei der Bäckerei ankam, bemerkte er, dass er kein Geld mehr in der Tasche hatte und Andreas geriet dadurch völlig aus dem Konzept. Hungrig und von den Umständen verwirrt, stieg er schließlich genau 6 Minuten zu früh in seinen Ford Fiesta und begab sich auf den Weg zur Arbeit. Außer den üblichen Klängen seines Radios konnte er noch anderen Geräuschen lauschen, deren Herkunft er allerdings nicht orten konnte und sich somit über diesen Umstand keine weiteren Gedanken machte. Als er an der Arbeitstelle ankam, bemerkte er mit großem Ärgernis, dass sein Parkplatz bereits besetzt war. Es handelte sich unverwechselbar um das Auto von Herrn Grentzaus, einem seiner „Kollegen“, einer von denen, der ihm das Leben im Büro am schwersten machte. Von ihm musste er sich schon so viel gefallen lassen, einst hatte er Abführmittel in eine Tasse Kaffee gefüllt und diese dann Andreas angeboten, der darauf die Hälfte des restlichen Arbeitstages auf dem Klo verbracht hatte. Vom psychischen Druck und den Beleidigungen, die Herr Grentzaus ihm entgegenzubringen pflegte, ganz zu schweigen. Kurz kam in Andreas die Idee Rache zu nehmen auf, er spielte kurze Zeit mit dem Gedanken und begann ihn gerade auszufeilen, als ihn eine Dame ansprach und ihn um die Uhrzeit fragte. Das brachte ihn nun vollkommen aus dem Konzept und er stammelte etwas wie „müsste gleich halb acht sein, weiß nich’ so genau“. Er wunderte sich selbst darüber, dass solch ungenaue Zeitangaben über seine Lippen gingen. Er taumelte, wie von fremden Kräften getrieben in die Richtung des Bürokomplexes, den er schon sooft betreten hatte. Und doch schien alles anders zu sein. Als er die Tür zum Büro öffnete, blickte er in ein Gesicht, in dem die Augen unruhig in ihren Höhlen umherkreisten, sie glänzten verrückt und Andreas Bürgerlich war nicht in der Lage, herauszufinden, wohin sie schauten. Für kurze Zeit nur blickte er in dieses Gesicht, das ihm auf erschreckende Weise bekannt vorkam, zuordnen konnte er es jedoch momentan nicht. Während er der sich entfernenden Person nachschaute, bemerkte er einen bläulichen Schatten auf dessen Schulter, worüber er sich jedoch keine weiteren Gedanken machte. Als er die Gänge in Richtung seines Büros empor schritt, bekam er es mit der Angst zu tun; die rote Farbe der Gemälde schien wieder flüssig zu werden und die Wände hinunter zu fliessen, er roch den Gestank von Blut und ihm wurde schlecht. Er übergab sich und wunderte sich, was aus den Tiefen seines Schlundes zum Vorschein trat; neben Unmengen von Flüssigkeit plätscherten Brotähnliche Klumpen auf den Boden, was ihn zu tiefst verwunderte, da er sich seit Ewigkeiten abends nur von chinesischem Fastfood ernährte, was somit als einziger Mageninhalt in Frage käme, da ihm sein Frühstück an diesem Tage verwehrt geblieben war. Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge und einem flauen Gefühl im Magen öffnete er die Tür zu seinem Büro. Was er dort vorfand, erschütterte ihn zutiefst und doch bereitete es ihm eine gewisse Art von Schadenfreude, Mitleid lag ihm in diesem Moment fern. Das Erschütternde war das Bild einer Verwüstung, das er vorfand, es war das Abbild der tiefsten Tiefen einer menschlichen Seele, das Ergebnis von grenzenlosem Hass, hier muss der Teufel persönlich sein Werk getrieben haben. „Erfüllung“ war da mit Blut an die Wand geschrieben, sämtliche Computerbildschirme waren zertrümmert, auf dem Boden Scherben und Überbleibsel des Mobiliars, und zwischen all dem lag die Ausgeburt des Bösen, der, der nur glücklich ist, wenn er Andreas Bürgerlich schaden kann, der, der nur Befriedigung findet, wenn andere leiden. Herr Grentzaus lag zwischen einem umgekippten Stuhl und einer aufgeschlagenen Bierflasche, seine Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen, als wäre ihm der Todesengel persönlich erschienen, bevor er seinen letzten Atemzug genommen hatte. Seine Brust war komplett aufgeschlitzt und an seinem Hals prangten Würgemale, es war ein fürchterlicher Anblick. Er begutachtete den Schreibtisch seines ehemaligen Kollegen und lies seine Augen für kurze Zeit auf dem umgeworfenen Bild seines gut gebauten Sohnes ruhen und betrachtete dann noch mal Herrn Grentzaus. Nachdem er einige Sekunden lang den Anblick des toten Kollegen bedauert und ihn für genau 30 Sekunden auch genossen hatte, wurde ihm mit einem Schlag klar, dass der Täter die dubiose Gestalt, die ihm beim Betreten des Gebäudes begegnet ist, gewesen sein musste. Sofort griff er zum Telefon und alarmierte die Polizei. Während er auf die Behörden wartete, entdeckte er inmitten der Blutlache, die Herrn Grentzaus umgab, seltsame Regungen. Bei genauerem Betrachten bemerkte er eine kleine bläuliche Gestalt, die da im Blut tanzte und Andreas versuchte etwas mitzuteilen und schließlich, als er sich zu ihr hinunterbeugte ihm auf die Schulter sprang. Noch ehe er sich näher mit der seltsamen Gestalt befassen konnte, öffnete sich hinter ihm die Tür und mehrere uniformierte Polizisten drangen in den Raum ein. Nachdem sie ihn kurz vernommen hatten und einige Notizen gemacht hatten, machten sie Platz für die Spurensicherung und führten Herrn Bürgerlich auf das nahegelegene Polizeirevier, wo seine Beobachtungen ausgewertet werden sollten und es eine Gegenüberstellung mit dem mutmaßlichen Täter geben sollte, der bei einem versuchten Taschendiebstahl in der Innenstadt gestellt wurde und in dessen Taschen unter anderem ein blutverschmiertes Messer gefunden wurde. Als Andreas im Polizeirevier sich vehement wehrte, seine Taschen zu entleeren, da sich laut seiner Angaben darin nichts befand, wurden seine Taschen von einem Beamten durchsucht,  worauf er einen Metallgegenstand aus seiner Hose zog. Wie dieser dahingekommen war, war Andreas ein Rätsel, er begann an sich selbst zu zweifeln, während ihm das Wesen auf seiner Schulter unentwegt schreckliche Dinge ins Ohr flüsterte, die ihn dazu aufforderten die Polizisten „abzuschlachten“ oder „ihnen den Bauch aufzuschneiden“. Andreas war hiervon angewidert, doch er versuchte nicht, das Wesen zu entfernen, da er intuitiv wusste, dass es auf der einen Seite unmöglich schien, das Wesen zu entfernen, auf der anderen Seite wollte er nicht negativ auffallen.

Schließlich wurde Andreas in einen Raum gebeten, wo es zur Gegenüberstellung kommen sollte. Er saß darin und starrte auf die Glasscheibe, die ihn von dem mutmaßlichen Täter und den verkleideten Beamten trennte und lies seinen Blick aufmerksam durch die Reihen schweifen. Dort erkannte er ihn, zwischen einem muskulösen kurzgeschorenen Typen und einem etwas schmächtigeren älteren Herrn, dessen Haar bereits grau war. Dort stand er mit dem Gesicht, dass ihm so bekannt vorkam und den wirren Augen, deren Blicke im ganzen Raum umherzuirren schienen und als er ihn näher betrachtete, entdeckte er auf dessen beiden Schultern jeweils ein kleines Wesen, dessen Körper mit azurblauem Fell überzogen war. Die gestalt hob die Hände. Sie waren blutverschmiert. Er blickte auf seine Hände und entdeckte Blut. Er schaute rechts neben sich und entdeckte einen vergreisten schmächtigen und links neben sich einen großen blonden Mann. Ihm wurde schummrig und er begriff nicht mehr was vor sich ging. Er wollte sich noch einmal vergewissern, wie der Täter aussah und blickte durch die vermeintlichen Scheiben. Er sah sein eigenes Gesicht. Im Spiegel.



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Kommentar von Heinzelmannberater:
(23.10.2009 um 15:21 Uhr)

Eine sensationell gute Story. Da bleibt mir nur eins zu schreiben: Mehr davon!

Kommentar von Bortid:
(30.11.2008 um 17:19 Uhr)

Hallo Rall,
danke erstmal für dein Lob. Die Geschichte entsprechen den Vorgaben der Fantastik, was meiner Meinung nach deie deutsche Entsprechung des Wortes Fantasy ist ( auch wenn es nicht die exakte Übersetzung ist)
Vielleicht denkst du ja eher an Science Ficition als an Fantasy?
Freundliche Grüße
Bortid

Kommentar von Rall Schorrdas:
(07.11.2008 um 13:14 Uhr)

Die Geschichte ist gut. Ich denke nur, sie hat irgendwie das Thema verfehlt. Fantasy ist sie definitiv nicht; und auch eine Auslegung zur Phantastik hin ist zwar möglich, aber nicht erforderlich. Eigendlich ist sie einfach eine psychologisierende Anekdote.

Kommentar von Bortid:
(17.10.2008 um 18:20 Uhr)

Danke, hört man gerne =)

Kommentar von Alill:
(16.10.2008 um 14:52 Uhr)

zu der geschichte fällt mir nur ein einziges wort zu ein: Wow!!




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