03.03.2011

Märtyrer

() Gsf Fantasyaktion 2011

Das Lächeln auf ihrem Gesicht musste nicht so angespannt wirken wie es sich anfühlte. Denn als Ravaanga sich erhob, sah die Mutter des kranken Kindes, das sie gerade behandelt hatte, sie glücklich an. „Habt Dank!“, krächzte die Frau, geschwächt von den vielen Stunden, die sie am Bett ihres Sohnes gewacht hatte. „Mit den neuen Gesetzen ist es für das einfache Volk sehr schwierig geworden, Hilfe zu bekommen.“

„Der Macher behandelt seine Kinder alle gleich. Er macht keinen Unterschied zwischen Reichtum und Armut“, antwortete die Klerikerin in einer Verbeugung und ließ sich dann aus der einfachen Hütte geleiten. Hinter ihr hörte Ravaanga noch eine Danksagung, doch die Klerikerin beschleunigte ihren Schritt nur, als sie Richtung Tempel ging.

Ekel breitete sich in ihr aus, Ekel und Abscheu gegenüber der Tat, die sie begangen hatte. Es gab einen guten Grund, warum es das einfache Volk schwierig hatte! Niemand hatte ihnen vorgeschrieben, dass sie sich damit zufrieden geben sollen, nur gewöhnlich zu sein. Ravaangas Gang wurde langsamer, als sie ihre Gedanken hörte, und schockiert holte sie Luft. Da war er wieder, dieser diabolische Drang, ein Werk der Teufel musste es sein! Sie war also immernoch besessen … Noch nicht einmal als Klerikerin des Machers wurde sie von diesen verfluchten Gedanken gereinigt! Und das, obwohl sie soviel Gutes tat.

Ravaanga nickte geistesabwesend, als die Wachen am Tor des Tempels sie begrüßten und ignorierte auch die anderen Kleriker und Anhänger des Machers, bis sie in ihrem kleinen Privatgemach angekommen war. Erst als sie die Tür hinter sich schloss, verflüchtigte sich das starre Lächeln der Klerikerin und sie zitterte heftig, während sie versuchte, ruhig zu atmen. Doch Ravaanga spürte, wie ihr Verstand langsam unter dem ständigen Wispern des Stimmen nachgab und zu zerbrechen drohte. Mit einem heiseren Aufschrei presste sie die Hände gegen beide Schläfen und ihr Herz schlug dabei wild gegen ihre Brust, während in ihrem Kopf eine zügellose Kraft die Macht ergriff und Ravaangas Willen niederrung. Der innere Kampf dauerte nur einige Sekunden, dann verstummte die Klerikerin und blickte mit einem bizarren Ausdruck in den Augen auf. Mit drei großen Schritten hatte sie ihre Kammer durchquert und stand vor ihrem Schreibtisch, in dessen Schublade ein unauffälliger Dolch lag, der mehr einem Brieföffner glich als einer richtigen Waffe, nach dem sie griff. Einen Moment lang grinste sie die blanke Klinge an, und Blutlust stieg in ihr auf, als es plötzlich an der Türe klopfte und sie in der nächsten Sekunde aufgestoßen wurde. Erz, ein Novize des Ordens, stand im Türrahmen und wirkte besorgt. Schnell ließ Ravaanga den Dolch in den weiten Ärmeln ihrer Robe verschwinden und fühlte das erste Mal den Zorn und die Abscheu, die seine Gestalt stets in ihr hervorgerufen hatte, ohne sie unterdrücken zu müssen. Erz … Mit seinen heilenden Händen und Visionen, glaubte er tatsächlich, er könne sie beeindrucken, mit Kräften, die er alleine dem Machen zu verdanken hatte. Scheinheiliges Schwein …

„Ravaanga, alles in Ordnung? Ich hörte dich schreien“, sagte er mit einer Sorge, die der Klerikerin die Galle hochkommen ließ.

„Ich muss etwas erledigen. Oberpriester Ries ist in seinem Gemach?“ Ohne Erz weiter zu beachten, schob sie sich an ihm vorbei, beide Hände in ihren Ärmeln verborgen und einem seltsam klaren Blick. Irgendetwas lief falsch mit ihrem inneren Drang, Böses zu schaffen. Hass konnte sich unmöglich so … befreiend anfühlen. Oder fühlte es sich nicht nur gut sondern auch richtig an, weil sie es nicht mehr bekämpfte? Ein Schauer rieselte durch Ravaangas Körper, der selbst in ihren Zehenspitzen kribbelte, und sie beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken. Oder besser gesagt, etwas in ihr hatte beschlossen, dass es Wichtigeres gab, und die Klerikerin hatte kein Problem damit, sich von dieser Intuition leiten zu lassen.

Einige Novizen und Kleriker, denen sie auf dem Weg begegnete, warfen ihr erschrockene Blicke zu, als der Gang von einer unheilvollen Energie erfüllt wurde. Kurz vor der Türe, die zum Gemach des Oberpriesters führte, blieb Ravaanga stehen und wartete ab, bis nur noch sie und die Wache vor der Türe zu sehen waren. Mit einem aufgesetzten Lächeln trat sie vor den Wachposten, verbeugte sich und hielt ihm, bevor er irgendetwas sagen konnte, ihre Hand vor das Gesicht. Ein weißes Licht blitzte auf und im nächsten Moment sackte der Mann in sich zusammen. Raavangas Miene wurde weich und entschuldigend, als sie über den leblosen Körper stieg. Sie versteinerte sich wieder, als sie die Türe des des Oberpriesters erreichte und sie ohne Vorwarnung aufstieß. Jetzt musste es schnell gehen.

Das Herz der Klerikerin machte einen Sprung und in ihrer Kehle entstand ein animalisches Knurren, als Oberpriester Ries verwundert den Kopf hob. „Ja?“, fragte er sanft, doch sein Blick sagte genau, was er davon hielt, zu so später Stunde und auch noch unangekündigt gestört zu werden.

„Ich bin Euer Richter, Ries“, rief Ravaanga laut und war sich nicht ganz sicher, woher diese Worte kamen, doch dann stürzte sie sich auf ihn und rammte ihm mit einem wilden Schrei die Klinge in den Brustkorb. Auch Ries begann zu schreien, laut rief er um Hilfe, wand sich unter den Händen der Klerikerin. Diese fuhr unerbitterlich mit ihrer Tat fort, bis sie jemand von hinten packte und vom Priester wegriss. Kreischend wehrte sie sich gegen den Griff, der sie eisern von hinten festhielt und ihr so den Arm verdrehte, sodass der Dolch klirrend zu Boden fiel.

„Bringt sie fort …“, murmelte Ries schwach und in Ravaanga machte sich bei diesem Flüstern Panik breit. Er musste sterben, beim Macher! Sie versuchte noch einmal vergeblich, sich von den Leibwächtern des Priesters zu lösen, um ihre Aufgabe zu erfüllen, doch der geübte Krieger erlaubte sich keinen Fehler, der sie flüchten ließ. Unbarmherzig schleiften sie die Klerikerin weiter in die Richtung der Kerker des Tempels.

 

Habt Ihr schon gehört? Ries wurde angegriffen … von einer Klerikerin, sie war mit den Teufeln im Bunde. Oder etwa vom Macher erfüllt … ? Solche und andere Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und dem umliegenden Land. Wenn vor diesem Zwischenfall Unruhen und Missfallen geherrscht hatten, dann war nun das Fass übergelaufen. Auch wenn man sehr vorsichtig mit seinen Worten war, hörten alle, selbst die Diener des Tempels, was unter der Hand und in den dunkelsten Ecken der Tavernen gesprochen wurde: Dieses Mädchen hatte nicht im Namen der Teufel gehandelt, sondern war vom Macher gesandt worden, um seine Kirche von der Korruption zu befreien, mit der Ries sie führte. Natürlich schürzte man Schock und Trauer vor, aber nur, damit man seinen eigenen Kopf auf den Schultern behalten durfte. Nicht so wie Ravaanga Telgana. Der Anschlag war gerade mal vier Tage her und heute wurde schon das Urteil ihrer Verhandlung bekannt: Tod auf dem Schafott. Überall waren bereits Plakate aufgehängt worden, die dazu einluden, an dem Spektakel teilzunehmen, der Ketzerin zuzusehen, wie sie ihrer gerechten Strafe zugeführt wurde. Ries wollte selbst an den „Feierlichkeiten“ teilnehmen, doch sein Zustand war immernoch bedenklich, wenn auch nicht mehr tödlich. Es waren nicht wenige, die schweren Mutes seufzten, als sie die Nachricht seiner Genesung erhielten. Wenn das so weiter ging, würde die Ausbeutung des Volkes durch den Tempel niemals aufhören …

Kaum war die Sonne am untergehen, wurden die Fackeln an den Straßenrändern entzündet und einige Minuten später war der Marktplatz voll mit Menschen, die der Hinrichtung beiwohnen wollten. Auf ihren Gesichtern spiegelten sich die verschiedensten Emotionen wider: Angst, Zweifel, Zorn, Mitleid und auch Enttäuschung, nur Glück oder Erleichterung waren Gefühle, die man auf keinem einzigen Gesicht fand.

„Klerikerin Ravaanga Telgana!“ Die Menge wurde still, als der laute Ruf über den vollen Platz hallte. „Ihr wurdet des Hochverrats an der Kirche des Machers, der versuchten Tötung des obersten Priester Ries', der Verschwörung mit den Teufeln und der Ketzerei angeklagt und für schuldig befunden! Die Geschworenen des Tempels mit dem Macher als ihren obersten Richter verurteilen dich hiermit zum Tod durch Abschlagen des Kopfs!“ Kaum einer auf dem Platz konnte etwas sehen, doch die, die ganz vorne standen, sahen, wie man die Klerikerin auf die Knie zwang und ihren Kopf auf den Richtblock legte.

Der Scharfrichter beugte sich zu Ravaanga herab. „Vergibst du mir?“, fragte er und durch den Leinensack, den man ihr über den Kopf gestülpt hatte, hörte sie die Stimme nur gedämpft.

„Die Teufel werden Eure Seele holen!“, rief sie laut, bezweifelte jedoch, dass irgendjemand außer ihm die Verwünschung wahrnahm. Dann schloss sie die Augen, bereit ihre Strafe entgegen zu nehmen.

 

Die Menge verstummte gänzlich, als das Beil des Scharfrichters hinab schnellte und im nächsten Augenblick der Kopf der Klerikerin in den Korb vor dem Richtblock fiel. Eine unnatürliche Spannung hatte sich ausgebaut, als hätten alle insgeheim gehofft, dass der Macher selbst erscheinen würde, ob die Klerikerin zu retten. Doch als nichts geschah, schien die Spannung so groß und unerträglich, dass etwas in den Bewohnern selbst zerbrach. Ein Mutiger unter den Zuschauern begann zu klatschen, bejubelte die junge Klerikerin, die ihre Angst vor der Strafe überwunden und den Bewohnern ihrer Heimat Freiheit schenken wollte, bis schließlich der ganze Platz schrie und jubelte. Die Tempeldiener auf dem Schafott wechselten Blicke, dachten, dass sie über die Hinrichtung jubelten. Erst als es schon zu spät war, bemerkten sie, dass nicht Ravaangas Tod sondern ihre Tat gefeiert wurde. Der Mob wuchs zu einer unkontrollierbaren Größe und schließlich fielen die Diener auf die Knie, um zu ihrem Gott zu beten. Sekunden später wurden sie unter den wütenden Füßen der Menge zertrampelt.

Binnen weniger Minuten stand der ganze Tempel in Flammen und Ravaanga Telganas Aufgabe wurde doch noch erfüllt.



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