27.02.2010

Julie im Mondeslicht

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Sanftes Mondlicht erhellt die hohen Räume des stillen Herrenhauses, welches schon seit Jahren Spinnen und Ratten beherbergt. Staub -Schleier der langen Zeit- bedeckt mit seinem Grauton die alte aber dennoch prunkvolle Möbel. Eine Wendeltreppe gotischer Bauart führt mich -knarrend durch das Alter des Holzes aus dem sie ist- hinauf zum Schlafgemach. Doch ist dies nicht das Ziel meiner Besichtigung. Denn auch dort ist Staub auf den Kissen der Vergangenheit. Mein Weg führt vorbei am Raume entlang eines langen Flures. Ein vom Alter verwelkendes Ölgemälde erhascht meine Aufmersamkeit. Die feinen Risse, welche wie Adern die Struktur des Bildes durchziehen, verleihen diesem einen trostlosen Teint. Ein blasses, vom Leben gezeichnetes, aber dennoch schönes Gesicht schaut mir daraus entgegen. Soweit der Zustand des Bildnisses es zulässt, erkenne ich jadegrüne Augen und blutrote Lippen umhüllt von rabenschwarzen, lockigen Haarsträhnen, welche teilweise noch in einem wohlüberlegtem Zopf enden. „Für Juli...., .ieb. m...s Leb...“ entnehme ich der almodischen Schrift am linken unteren Bildrand noch. Denn auch hier hatte das Alter zugschlagen. Eine leichte Brise, welche der heulende Wind durch die scheibenlosen Fenster schickt, nimmt kleine Stücke dieses, mit Mühe erschaffenen, Bildnisses mit sich.

Doch nun setze ich meinen Weg fort, entlang dem Flur bei Mondeslicht. Eine Maus erschreckt mich, als sie aus einer dunklen Nische herauspirscht und Staub aufwirbelt. Doch gewinne ich meine Fassung schnell wieder und betrachte die Spur die das Tier im Staub hinterlassen hat. Roter Teppich kommt zum Vorschein. Ich folge der Spur und bemerke eine Unebene darin. Bedacht strecke ich die Hand danach aus und halte einen goldenen, mit mystischen Zeichen verzierten Bilderrahmen darin. Behutsam lege ich diesen wieder an seinen Ursprungsort zurück und mein Blick folgt nun einem anderen Flur in dem ich, unter Spinnweben versteckt, ein weiteres Bild bemerke. Als ich diesem näher trete um die Weben zu beseitigen läuft eine kleine Hausspinne hinter dem Bild hervor und verschwindet im Dunkel. Und auch dieses Gemälde hat starke Verwesungserscheinungen. Ein stattlicher Mann ist darauf zu erkennen. Sein Blick wirkt wohlüberlegt und auch wenn er ein Schwert hält, so sehe ich, dass seine Hände die eines Künstlers sind. Sein Haar ist durch den Zustand des Bildes nicht mehr zu erkennen, doch ein wohlgeformter Bart rahmt sein Gesicht ein. Gerade noch erkenne ich einen Sessel, doch weiter sehe ich nur die Wand dieses stillen Hauses.

Ein schabendes, ja gar schlurfendes Geräusch dringt aus der Tiefe des Flures zu mir. Bemüht, mit meinem Auge die Quelle diesens auszumachen, erblicke ich jedoch nur das verschlingende Dunkel der Nacht. „Könnte jemand ihm Haus sein ?!“ erklingt es warnend ihn meinen Gedanken und noch konzentrierter richte ich meinen Blick in das Dunkel. „Schrr, schrr“ erklingt es wieder. Meine Sinne, durch die aufsteigende Angst verfälscht, lassen das Geräusch näher und lauter wirken. Und auch mein Auge fängt an, mir wegen der vielen Schatten, einen Streich zu spielen. Eine Hitzewelle ergreift meinen Körper und das Herz steigt mir in den Hals. „Schrrrr, schrrr“. „Was soll ich tun ?!“ überschlagen sich meine Gedanken. Einen kurzen Moment noch verharre ich im Griff nackter Angst. Doch meine Neugier siegt und mein sachlicher Verstand sagt mir, das dieses schöne, alte Haus seit Jahren unangetastet von menschlicher Hand ist. Entschlossen raffe ich mich auf und gehe hinein in das Dunkel des Flures.

Mit tastenden Händen, der vollkommenen Dunkelheit wegen, schreite ich voran. Nur unscharf erkenne ich den Schemen einer Tür. Und schon ertönt wieder das kratzend schlürfende Geräusch. Nun, soweit vorangekommen, merke ich, das es von der anderen Seite dieser Tür herführt. Behutsam nähere ich mich dieser und lege eine Hand um die kalte Klinke. Entschlossen drücke ich sie nieder und öffne die Tür. Sowohl mein Gegenüber als auch ich erschrecken kurz. Doch schon nach diesem kurzen Moment entpuppt sich mein Gegenüber als eine schwarze Katze mit Katzenbuckel, welche wohl ihre Klauen am Holze der Tür geschärft haben muss. Entzückt über das Tier und erleichtern um meine Angst, nehme ich den mir neu sichtbaren Raum in Augenschein. Es ist ein großer Saal, ähnlich dem Atellier eines Malers. Alte, schon längst vertrocknete Farbfässer stehen einzelnd verstreut auf dem Boden. Ich bemerke einen Raben, der sich wohl hierhin verirrt haben musste und nun wachsam am Fensterrand nach Beute Ausschau hält. Und in der Mitte des Saales entblösst sich mir ein Kunstwerk purer Schönheit. Das Bild ist ein Arm hoch und zwei breit. Ich erkenne sofort, das es sich um „Juli“ handelt, die Frau deren Schönheit ich auf dem ersten Bild schon bewundern durfte. Doch dieses Bild wirkt um ein vielfaches ergreifender. Es zeigt „Juli“, die bei Nacht an einem Brunnen lehnt. Dabei werden ihre Reize –und es sind wahrlich Reize der Persephone selbst- von einem Seidentuch verhüllt. Ihre grünen Augen wirken wie die einer Katze, verspielt und doch aufmerksam. Der Künstler selbst musste sie als Muse gehabt haben. Den die Farben dieses Gemäldes harmonieren derart miteinander, das ich fast der Meinung bin, die Frau stehe hier und jetzt vor mir. Eine Weile geniesse ich noch die Wirkung dieser magischen Kunst. Es ist der Rabe der davonflattert und mich diesem Bann entzieht.

Langsamen Schrittes gehe ich aus dem Saal und schließe die Tür wieder, weil ich das Gefühl habe sonst die wundervolle Aura, welche den Saal umgibt, mit meiner Anwesenheit gestört zu haben. Und vor mir enblösst sich ein Detail, welches ich wohl in meiner Angst übersehen haben musste. Es ist wieder ein Bild und stellt den Mann mit dem Schwert dar. Allerdings hatte sich etwas Entscheidendes geändert. Eine Narbe ziert seine linke Gesichtshälfte. Sie fängt über dem Auge an und endet am Kinn. Und auch ist das Gesicht hager und verströmt eine Ernsthaftigkeit, die an einen General erinnert. Einer seiner Arme hängt noch in einer Schlinge und selbst ein Laie würde erkennen, das die Hand daran nie wieder ihrer Funkiton fähig war. Und obwohl dieser Mann sein Leben retten konnte, so ergreift doch eine tiefe Trauer seine Augen und wird durch die feinen Linien alter Farbe verstärkt. Ich kann sie beinahe schon greifen und trete einen Schritt zurück.

Beklommen durch des Kriegers Bildnis, schreite ich weiter voran. Gardinen wehen mir entgegen und streifen mein Gesicht, da dieser Teil des Flures viele Fenster hat. Ich schaue aus einem dieser Fenster und betrachte den Mond, welcher bisher immer noch meine einzige Lichtquelle ist. Doch bin ich wohl nicht der Einzige, der dies gerade tut. In einiger Ferne fängt ein Wolf zu heulen an und ich setze mein Weg, gefolgt vom Heulen des Wolfes, fort. Ich betrete ein Esszimmer, welches bis auf einen alten, rottenden Tisch auch nur noch Staub und Ungeziefer zu bieten hat. Der Tisch selbst wirkt wie ein untergehendes Schiff, welches unter den Wogen des Alters langsam erdrückt wird. Ich bemerke einen Kamin zun meiner Rechten. Bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass dort ein Bild, welches wohl nicht dem Feuer zum Opfer gefallen ist, liegt.

Behutsam hebe ich es auf und puste den Staub mitsamt einiger Bildfetzen von ihm. Und mir entblösst sich ein Werk entgegen dem was ich bisher gesehen hatte. Waren die anderen Gemälde schön und sauber, so wirkt dieses geradezu abstrakt und düster. Es scheint, als würde es unter mehreren starken Krämpfen gemalt worden sein, da an einigen Stellen die Linien ihrer sanften Bewegung nicht nachkommen. Und auch das Dargestellte erstaunt mich. Hat sich der Künstler vorher reale Vorbilder gesucht, so muss dieses eine seiner Fantasie entsprungen sein. Auf der einen Seite erkenne ich einen Krieger, welcher von seinem Pferd aus die Klinge schwingt. Leider sehe ich nicht mehr, wem oder was diese Klinge gewidmet ist, denn an dieser Stelle siegte das Alter des Bildes. Durch eine Mauer getrennt, sehe ich auf der anderen Seite eine Frau in den Klauen von etwas sehr Schwarzem. Es hat einen schädelförmigen Kopf der trotz der Schwärze hervorsticht. Und obwohl das Bildniss nur grau- und schwarztöne beinhaltet waren die Augen der Frau grün. So betrachte ich also eine Weile den Krieger auf der einen Seite und die Frau in den Klauen des schwarzen Totenkopfs auf der anderen. Erschüttert über den Wandel des Künstlers lege ich das Bild wieder in den Kamin. „Vielleicht sollte es verbrannt werden“ denke ich mir noch und belasse alles an Ort und Stelle.

Leichteren Schrittes verlasse ich den Raum und durchquere wieder den Flur. Ich gehe an den drei Bildern vorbei und würdige jedem einen kurzen Blick. Und auch diesmal knarrt die alte Wendeltreppe, als ich die Flure auf dem Weg nach unten verlasse. Kurz vor der Tür zur Aussenwelt bleibe ich stehen. Nach kurzem Überlegen drehe ich mich um und bemerke eine Tür, da das Mondlicht sie geradewegs anstrahlt. Nach einigem Zögern trete ich näher und öffne sie. Ratten fliehen als sie meine Gegenwart bemerken. Dieses Zimmer musste wohl einmal ein Empfangszimmer gewesen sein. Überreste von Kleiderschränken begegnen meinen Augen. Dieser Raum hat etwas von einer Kapelle, da die Dachbalken frei sichtbar sind und ich über ihnen ein Schar Fledermäuse erblicke. Etwas in der Mitte des Empfangszimmers gewinnt meine Aufmerksamkeit. Bei näherem Betrachten sehe ich, das dies wohl einmal ein Stuhl gewesen war. Auf dem Weg zurück zur Tür merke ich das ich fast auf etwas trete. Glücklicherweise verhindere ich das Schlimmste und falle hin. Nun widme ich mich dem Objekt welches für meinen Fall verantwortlich ist. Es entpuppt sich als Bild. Nur fehlt der Bilderrahmen.

Wieder sehe ich den Mann mit dem Schwert. Und der Zustand des Bildes verrät das dies wohl das neuste Werk des Künstlers ist. In diesem Fall erkennne ich, das es sich um ein Selbstbildnis handelt, da die Narbe im Gesichte des Mannes auf der rechten und nicht auf der linken Seite ist. Es scheint bei gedämpftem Licht, etwa Kerzenlicht, entstanden zu sein. Die Augen des Mannes sind blutunterlaufen und seine Haut ist aschfahl. Ich erkenne auch, das es sich auf dem Gemälde um dieses Zimmer handelt, in dessen Mitte am Boden ein Stuhl steht und in der Luft ein Strick baumelt.

„Edward“ spricht plötzlich eine Stimme zu mir.

Ich wende mich ab vom Bild der Stimme zu.

„Warum kannst du nicht aufhören über dein Leben nachzudenken ?“ fragt die Frau der diese Stimme gehört und nähert sich mir.

„Wenn mir dies bekannt wäre, wäre ich dann noch hier, Juliette ?“

Juliette umarmt mich und sieht mir in die Augen.

„Es gibt Dinge, die werden wir niemals verstehen ob tot oder lebendig. Willst du also ewig bei Vollmond durch dein eigenes Leben geistern ?“

„Es kommt mir selbst wie das eines Anderen vor“ gebe ich zurück.

Das Mondeslicht fängt zu flackern an und ich widme mich der Schönheit Juliettes.

„Warum bist du noch hier Liebste ? Du weißt das du jederzeit gehen kannst und nicht mehr an diese Welt gebunden bist wie ich.“

„Ist das denn so abwägig Edward ?“

Ich schaue sie fragend an. Sie schmunzelt und gibt zurück:

„Edward du alter Dickkopf. Warum bin ich wohl noch hier, hmm ?

Habe ich es nicht verdient, meinen Gatten nach langer Kriegszeit wiederzusehen ?“

„Doch, das hast du. Aber mir, der sich selbst das Leben nahm, sollte dein Anblick verwehrt bleiben.

„Du bist mal wieder viel zu ernst wie ich sehe.“ ist ihre Antwort.

„Ich bin hier weil ich dich liebe, ob nun verdient oder nicht !“

Mein Herz wird weich und ich strafe mich innerlich für mein Benehmen.

„Ich liebe dich auch“ sage ich und küsse sie, die ewig auf mich wartet.

Und während wir uns küssen, geht das Mondlicht und nimmt uns mit sich, damit ein neuer Tag seine Strahlen in dieses Haus senden mag.



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