19.10.2009

Die Schöne mit der Maske

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Ihr Gesicht war nicht ganz zu erkennen. Nur die zarte Linie ihres Kinns und ihrer Wangen war sichtbar. Auf ihren Lippen lag ein verheißungsvolles Lächeln. Die Stirn war fast vollkommen von ihren schwarzen Haaren verborgen, doch er sah eine kleine, helle Narbe auf ihrer sonst so makellosen, blassen Haut. Hinter der goldenen Maske funkelten gelb-grüne Augen, so kalt wie tausend Diamanten. Leicht hob sie die Hand, ihr Blick wandte sich ab und der Wind wehte ihre langen Strähnen aus dem Gesicht. Dann war sie mit einem letzten Aufleuchten ihres grünen Kleides in der Menge der Tanzenden verschwunden.

Hier auf den Straßen, am Tag der Klänge, zeigte niemand sein wahres Gesicht vor dem nächsten Sonnenaufgang. Bis dahin, das schwor er sich, würde er sie gefunden und nach ihrem Namen gefragt haben. Vielleicht würde sie ja dadurch diese Faszination verloren haben, die ihn anzog wie eine Kerzenflamme die Motte.

Entschlossen wandte er sich in die Richtung, in der die Schöne verschwunden war. Zum Palast am See.

Nach kurzer Zeit stand er in der großen Flügeltür zum Spiegelsaal. Die Kerzen ließen den Raum hell erstrahlen, ihr Licht tausendfach in den Spiegeln gebrochen. Bunte Kleider wirbelten zur Musik durcheinander, im Tanz miteinander verbunden. Kunstvolle Frisuren, Hüte mit Federn und Schmuck, wohin das Auge reichte. Auf jedem Gesicht eine Maske und ein Lächeln.

Und dort, am Ende des Saals, stand die Schöne mit ihrem grünen Kleid und dem Haar wie Rabenschwingen. Ungeschickt drängte er sich durch die Massen, erntete hier einen Knuff, da ein böses Wort und spürte gierige Blicke auf sich ruhen. Doch so oft er sich auch umsah, niemand schien ihn zu beachten. Verwirrt wandte er sich wieder seiner Angebeteten zu, doch das Gefühl, etwas würde nicht stimmen, blieb. Fast hatte er sie erreicht, als sie ihn plötzlich am Arm packte und hinter eine Säule zog. Verblüfft starrte er sie an, von ihrer schönen, aber unnahbaren Präsenz eingenommen.

“Was tust du hier, Mensch?”, flüsterte sie ihm eindringlich zu.

Mensch? Irritiert antwortete er ihr: “Ich wollte dich wieder sehen.”

“Mich wieder sehen? Du kennst mich doch gar nicht.”

“Das schon, aber ich möchte eins unbedingt wissen: Wie heißt du?”

“Ich habe viele Namen, doch keinen werde ich dir nennen.”

Enttäuscht sah er sie an. “Und, darf ich fragen, warum?”

Da lächelte sie, doch er erschrak zutiefst, als er zwei spitze Zähne aufblitzen sah.

“Weil Vampire sich sonst deiner bemächtigen könnten. Du würdest Tag und Nacht nur noch an mich denken.” Leicht legte sie die Hand auf seinen Arm. “Du würdest dich nach mir verzehren, und doch niemals mit mir zusammen sein können. Dir wäre das Leben egal, du würdest den Tod begrüßen. Nur um noch einen letzten Blick auf mich werfen zu können.”

Ihre Augen schienen ihn gefangen zu nehmen. Er hatte gegen nichts von alledem etwas einzuwenden.

Langsam beugte sie sich vor. “Willst du es trotzdem riskieren?”

Benommen nickte er, was sie leise lachen ließ. Er dachte bei diesem Laut an einen zerschellenden Eiszapfen.

“Ich werde aber nicht mehr länger bleiben. Die Sonne geht gleich auf. Vorher verschwinde ich mit meinen Brüdern und Schwestern.” Ihre Stimme war direkt an seinem Ohr, als sie ihn nach seinem Namen fragte.

“Joseph.” Es war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Amüsiert wandte sie sich ab. Über die Schulter sagte sie zu ihm: “Nun dann, Joseph, bis zum nächsten Jahr. Halte am Tag der Klänge nach Danielle Ausschau. Ich werde auf dich warten.” Mit diesen Worten verschwand sie in der Menge.

Wie erstarrt blieb er hinter der Säule und erwachte erst aus diesem Zustand, als die ersten Sonnenstrahlen sich im vollkommen menschenleeren Saal in den Spiegeln brachen.



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