24.11.2008

Der Tag ohne Sonne

() 2. Platz - Gsf 2008 Fantasy Beitrag

Der Tag ohne Sonne

 

 

Wachsam stand Fyhr auf dem steinernen Vorsprung. Helles Mondlicht fiel auf seine Schuppen und ließ sie in einem dunklen Blau erstrahlen. Sein Blick ruhte auf der leuchtenden Sichel. Langsam schob sich eine Wolke davor und versperrte die Sicht. Als sich immer mehr Wolken hinter ihr auftürmten, wand Fyhr sich schließlich ab. Der Mond würde wohl so schnell nicht wieder zum Vorschein kommen. Er trottete zurück in seine Höhle. Dort legte er sich nieder und schloss die Augen. Vielleicht würde er morgen Nacht ein wenig durch das Gebirge fliegen, vielleicht, wenn er nicht zu müde war.

 

Gähnend erwachte Samatra. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen und fuhr sich durch das zerzauste Haar. Endlich konnte sie sich aufraffen ihr warmes Blätterbett zu verlassen. Als sie sich aus dem Bett gekämpft hatte, betrachtete sie es kritisch. Sie sollte die Blätter in geraumer Zeit einmal wieder erneuern.

Schon ein wenig munterer als eben hüpfte Samatra zum Eingang ihres Schlupfloches. Erst einmal von der Sonne aufwärmen lassen. Sie streckte ihren Kopf aus ihrem Heim. Fröhlich rief sie: „Guten morgen Son...“ Sie schluckte den Rest des Wortes herunter. Draußen im Wald herrschte vollkommene Dunkelheit. Verwundert kniff sich Samatra in ihren dünnen, grünen Arm. Wo war die Sonne? Sie war sich sicher, das es schon später Morgen war. Hastig schüttelte sie ihre Flügel und stieß sich vom Eingang ihrer Höhle ab. Schnell flog sie zum benachbarten Baum und ließ sich am Rand einer weiteren Höhle nieder. „Shaila bist du wach?“ Nach einigen Sekunden Stille folgte die Antwort aus dem Inneren des Loches. „Ja, aber ich komm nicht raus.“ Verwundert legte Samatra den Kopf schräg. „Warum nicht?“ „Weil es draußen dunkel ist.“ „Aber bei dir da drinnen ist es doch auch dunkel.“ Nun klang die Stimme aus dem Loch fast weinerlich. „Das ist was anderes.“ Samatra seufzte. „Weißt du, warum es dunkel ist. Eigentlich müsste die Sonne doch schon aufgegangen sein?“ „Bin ich Gott? Frag die Elfen.“ Die Stimme verstummte. Samatra rollte mit den Augen. Immer musste man die Elfen fragen. Wie konnten diese jämmerlichen Wesen, namens Menschen nur überleben, wo sie doch gar nicht wussten, dass es Elfen gibt? Sie zuckte mit den Schultern, war jetzt auch egal. Wenn niemand anders auf die Idee kam, die Elfen um Rat zu fragen, dann musste sie das halt selber übernehmen.

 

Als Samatra auf die Lichtung flog war niemand zu sehen. Wie immer. Elfen waren nie zu sehen. Sie kamen wann sie wollten und sie gingen wenn es ihnen gefiel.

Missmutig über die fehlende Sonne und über den eher dürftigen Beistand ihrer Freundin, setzte Samatra sich mitten auf der Lichtung ins Gras. Sie wartete.

Plötzlich räusperte sich jemand hinter ihr. Sie drehte ihren Kopf ein wenig. Hinter ihr hockte ein Elf. Seine schmalen Gesichtszüge stachen aus dem Dunkeln heraus. Er schien von Innen zu leuchten. Seine Stimme hatte den Klang eines singenden Vogels. „Eine Fee ist doch bestimmt nicht ohne Grund auf unserer Lichtung?“ Eilig stand Samatra auf. Mit wenigen Flügelschlägen war sie auf seiner Gesichtshöhe. Sie holte tief Luft. „Nein, ich würde gerne wissen, warum es noch dunkel ist.“ Der Elf nickte. „Wir haben nicht gesungen.“ Sie sah ihn fragend an. „Gesungen?“ „Ja gesungen. Jedes Jahr müssen wir Elfen ein Fest abhalten damit die Sonne wiederkehrt.“ Samatra stemmte die Hände in die Hüften. „Und warum habt ihr es dieses Jahr nicht gemacht?“ Der Elf schüttelte den Kopf. „Ihr kleinen Dinger seid nicht zum aushalten.“ Sie überging diese Beleidigung. Als der Elf merkte, dass sie nichts sagen würde, sprach er weiter. „Wir haben nicht gesungen, da unser Mondstein verschwunden ist.“ „Und warum habt ihr nicht nach ihm gesucht?“ „Warum sollte man nach etwas suchen, obwohl man doch weiß, wo es ist?“ Samatra funkelte ihn an. „Wenn ihr wisst wo er ist warum habt ihr ihn dann nicht geholt?“ Der Elf zuckte mit den Schultern. „Elfen brauchen kein Licht zum leben.“ Sie flog noch ein wenig höher. „Ihr vielleicht nicht, andere aber schon. Wo ist dieser blöde Stein?“ Der Elf stand auf. „Ein Drache hat ihn. Er lebt oben im Gebirge.“ Damit war er verschwunden. Samatra schnitt eine Grimasse. „Aber wir sollen unausstehlich sein.“

 

Ein eisiger Wind wehte um die rauen Felsen. Samatra kam nur langsam vorwärts, immer wieder wurde sie vom Wind abgetrieben.

Erschöpft hockte sie sich hinter einen größeren Stein, hinter dem es windstill war. Sie zog die Beine eng an ihren Körper. Das war mal wieder typisch, die Kleinsten durften die schwerste Arbeit verrichten. Sie schob sich wieder hinter dem Stein hervor und kämpfte sich unter großer Anstrengung weiter. Es war klar gewesen, dass ein Drache den Stein gestohlen hatte, diese Viecher waren mondbesessen!

Immer weiter stieg Samatra nach oben. Kurz bevor ihre Kräfte sie verließen, erreichte sie einen großen Felsvorsprung. Sie robbte auf seinem Boden entlang um nicht von einer Windböe erfasst zu werden. Schließlich erreichte sie eine riesige Höhle. Tief aus dem Inneren erklang ein dunkles Grollen. Samatra schluckte. Hatte sie sich das richtig überlegt? Bestimmt würde der Drache sie auffressen. Sie versuchte den Gedanken zu verdrängen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und schritt tapfer in die Höhle.

Sie ging immer tiefer hinein und das Grollen wurde immer lauter, langsam begann ihr Mut wieder zu sinken. Die Höhle war so groß im Gegensatz zu ihr selbst. Schließlich hob sie einige Fuß vom Boden ab. Von dort sah die Höhle schon nicht mehr ganz so riesig aus.

Auf einmal endete der Weg. Versperrt von einem blauen Ungetüm. Das Grollen das Samatra gehört hatte war das Schnarchen des Drachen gewesen. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Angestrengt darum bemüht nicht in panischer Angst davonzulaufen, schlich sie auf den Drachen zu. Plötzlich öffnete er das ihr zugewandte Auge. Mit einem spitzen Schrei und einer Schnelligkeit, die sie sich selber nicht zugetraut hätte, flüchtete Samatra hinter einen Felsen. Sie hörte wie Schuppen an Stein schabten. Vorsichtig warf sie einen Blick hinter den Felsen, der Drache war aufgestanden und blickte sich nun suchend in der Höhle um. „Wer war da?“ Samatra zitterte vor Angst. Sie holte zweimal tief Luft, dann trat sie vor den Drachen. „Ich.“ Ihre Stimme schwankte ein wenig. Der Drache senkte den Kopf um sie genauer in Augenschein zu nehmen. „Wer bist du und was machst du hier?“ Seine Atem schleuderte Samatra nach hinten. Schnell sprang sie wieder auf die Beine. „Ich bin Samatra und ich möchte gerne den Mondstein haben.“ Der Drache lachte. „Warum sollte ich dir den Stein geben?“ „Weil...“ sie überlegte. „Weil ich ihn mir nur ausleihen möchte.“ Er sah sie verwundert an. „Ihn dir ausleihen? Wofür?“ „Um die Sonne wieder zu holen.“ „Die Sonne ist weg?“ „Ja, weil die Elfen nicht singen konnten, da der Mondstein weg war und sie keine Lust hatten, ihn wieder zu holen.“ Der Drache machte ein ratloses Gesicht. „Und warum holst du ihn dann?“ Samatra wurde ungeduldig. „Irgendjemand muss es ja machen.“ „Ich will aber gar keinen Tag, die Nacht ist viel schöner.“ Samatras Augen blitzten. „Ja aber ohne Sonne können die Pflanzen nicht überleben und ohne Pflanzen können die Tiere, die du frisst nicht überleben.“ Der Drache wiegte den Kopf hin und her. „Klingt logisch. Also gut ich gebe ihn dir, aber nur unter der Voraussetzung, dass ich mitkommen darf.“ Samatra nickte eilig. Der Drache drehte sich um und verschwand weiter hinten in der Höhle. Wenig später kehrte er mit einer hellen Kugel im Maul wieder zurück. Mit einem Wink seines Kopfes gab er Samatra zu verstehen, sich an einen seiner Zacken fest zu halten. Sie flog zu seinem Rücken hinauf und ergriff einen der Zacken. Schnell trabte er zum Ausgang der Höhle. Auf dem Vorsprung breitete er seine Flügel aus. Mit einigen Schritten war er an seiner Kante. Ohne beim Laufen innezuhalten stürzte er sich in die Tiefe.

 

Samatra stand wieder auf der Lichtung. Vor ihr stand der Elf und hinter ihr der Drache, der sich als Fyhr vorgestellt hatte. Fyhr trat vor und legte die Kugel vor ihre Füße. Hastig nahm der Elf sie in die Hand. Ohne ein Wort zu sagen, verschwand er im Wald. Samatra konnte ihre Wut nicht mehr zurück halten. „So ein mieses, mickriges Volk. Nicht einmal Danke sagen können sie. Wo würde das enden, wenn wir alle so wären. Ich könnte sie....“ Fyhr unterbrach sie. „Wie können so kleine Wesen nur so gemein sein?“ Samatra drehte sich zu ihm um. „Halt du dich da raus.“ Der Drache schnaubte. „Vielleicht wird ein kleiner Flug dein Gemüt ja etwas abkühlen.“ Samatra, die gerade zu einer gemeinen Antwort ansetzten wollte, stockte. „Gar keine so schlechte Idee. Worauf warten wir noch.“ Sie flog zum Rücken des Drachen und hielt sich an einem Zacken fest. Fyhr stieß sich vom Boden ab und segelte dem dunklen Nachthimmel entgegen. Unter ihnen verklang langsam das Lied der Elfen. Bald war es still um sie herum. Immer weiter flogen sie dem runden Mond entgegen.

 

                                                                               ©Rieka Heidmann




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Kommentar von Bücherwurm:
(12.05.2010 um 20:26 Uhr)

Schade das dies nur der 2. Platz wurde. Ich finde die Geschichte super. Weiter so vielleicht wirst du mal 1. :) Würde mich freuen.

Kommentar von Leseratte:
(08.01.2010 um 11:15 Uhr)

Respekt, eine super Geschichte.
Wann kommt mehr?

Kommentar von Heinzelmannberater:
(23.10.2009 um 15:24 Uhr)

Super, super. Ich liebe Fantasygeschichten wie diese. Und wenn Elfen darin vorkommen, dann hat die Story bei mir sowieso schon gewonnen.

Kommentar von Ronjaa:
(09.12.2008 um 18:05 Uhr)

hallo aillil .. tolle geschichte....ein weiteres meisterwerk .... <3 ronjaa

Kommentar von Alill:
(26.11.2008 um 15:36 Uhr)

Das Problem wurde behoben, alles wieder klar.

Kommentar von Alill:
(24.11.2008 um 15:04 Uhr)

sorry ich hab vergessen den titel anzugeben und jetzt kann ich die geschichte nicht mehr verändern.
auf jedenfall sollte der titel der "tag ohne sonne" sein




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