20.11.2009

Baby

() 1. Platz - Gsf 2009 Fantasy Beitrag

Ich schreibe

Ich bin Verbalakrobat, jedenfalls war ich das einmal. Im Augenblick habe ich nicht die Möglichkeit mit Worten zu spielen. Das richtige Publikum steht mir derzeit leider nicht zur Verfügung. Irgendwie weiß man meine Kreativität hier nicht zu schätzen, aber das ist in Ordnung. Das ist nichts, was ich nicht schon kennen würde. Ich bin einfach meiner Zeit voraus. Ich teile das Schicksal vieler Persönlichkeiten, die erst nach ihrem Ableben anerkannte Künstler geworden sind, zumindest sagte meine Frau Sarah das immer wieder gern. Ich weiß noch, wie ich Tag für Tag versuchte, inmitten von bunten Blümchen, kleinen Deckchen und süßen Kissen meinen Ro-manhelden einen eiskalt geplanten Mord aufklären zu lassen. Das war nicht immer leicht, dass können Sie mir glauben.

 

Es war schön, nach einem langen Tag nach Hause zu kommen und die Musik von ihrem Lieblingssender im Radio spielen zu hören. Sie sang oft mit. Zwar nicht besonders gut, aber dafür mit immer währender Freude. Wenn ich mich ganz stark konzentriere, kann ich für einige Minuten die Musik in meinen Ohren hören, doch dann schlägt mir die Realität hammerhart in die Magengrube, und ich kann nur keuchend zu Boden sinken. Wenn ich nachts in meinem Bett liege, dann träume ich. Ich kann sie sehen, hören, riechen und spüren. Ja, ich kann die alte Zeit richtig vor mir sehen.

Damals saß ich oft auf der Couch im Wohnzimmer, ein paar Bögen Papier an einem Klemmbrett befestigt und mit einem roten Kugelschreiber in der Hand, ein Werbegeschenk irgendeiner Gewerkschaft. Ich schrieb Kurzgeschichten der verschie-densten Arten. Lustige und Traurige, Ernste und Wundersame. Ich hatte so viele Ideen – ich war ein Quell übersprudelnder Inspiration. Leider sahen die Redaktionen und Verlagshäuser dieses Landes das anders. ‚Es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen,…’, jeder verdammte Brief fing so an. Und jedes Mal stand Sarah in der Tür, den Kopf gegen den Rahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, während ich laut vorlas. Wenn ich den Brief dann zerknüllt und in den Papierkorb geworfen hatte, kam sie mit langsamen Schritten auf mich zu, lächelte, ihre Arme

umschlangen meinen Hals und sie sagte:“ Gib nicht auf, mein Schatz. Denk daran, du erntest, was du säest.“ Doch an jedem Abend konnte und wollte ich mir das nicht anhören. Es erschien mir, als machte jedes Mal ein schweres Unwetter meine Ernte zunichte. Ich unterlag Begebenheiten, die ich nicht beeinflussen konnte. Zum ersten Mal betrachtete ich sie nicht bewundernd liebevoll. Diesmal war ich wütend. Ich empfand es als dumme, dahergesagte Floskel, völlig nichts sagend, und das machte mich aggressiv. Wie die Frage: Wie geht es Ihnen? Als ob es dein Gegenüber wirklich interessieren würde! Ich schob sie etwas unsanft beiseite und murmelte irgendetwas, an das ich mich heute nicht mehr erinnere. Ich musste aus diesem Zimmer heraus. Irgendetwas anderes tun. Ich entschied mich, eine zeitlang nicht mehr an irgendeiner Geschichte zu arbeiten, sondern diesen Brief und seine vielen Vorgänger erst einmal zu verdauen. Ich würde endlich den Keller aufräumen, denn das versprach ich Sarah schon seit Monaten. Die körperliche Arbeit würde mir bestimmt gut tun. Danach könnte ich mit neuer Kraft wieder ans Werk gehen. Und so ging ich hinunter, bewaffnet mit einigen Müllsäcken, Kartons, Handschuhen, Zigaretten und transportabler Musik.

 

Der Keller sah wesentlich schlimmer aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Mit viel taktischem Geschick war ich ihm aus dem Weg gegangen, und mit allen möglichen Tricks hatte ich es vermieden, irgendetwas in den Keller zu bringen oder holen zu müssen. Aber nun war die Zeit gekommen, in der wir uns intensiv miteinander beschäftigen würden. Ich gab mir mehr Bass auf die Ohren und legte los. Stunde um Stunde wühlte ich mich durch diese riesigen Berge von Zeug. Ich hatte einfach irgendwo begonnen. Wahllos nahm ich Gegenstände auf, betrachtete sie, und entschied dann über ihr Schicksal. Das war ein gutes Gefühl. Ich allein traf die Entscheidung. Es würde das passieren, was ich angeordnet hatte. Wenn es doch sonst auch so wäre. Mit dieser Wunschvorstellung nahm ich eine Flasche Cola aus einer der Kisten, die wir im Keller lagerten, setzte mich auf einen der ausrangierten Klappstühle und zündete mir eine Zigarette an.

 

Ich leerte in einem Zug die halbe Flasche und wollte sie gerade wieder ver-schließen, als mein Blick auf die gegenüberliegende Wand fiel. Da war ein Stein, der mir ins Auge stach. Er stand ein wenig heraus und passte irgendwie nicht ins Mauerwerk. Seine Farbe war anders und er sah abgegriffen aus. Ich bemerkte gar nicht, wie ich die Zigarette ausdrückte, die Musik abstellte und fast automatisch nach dem Stein griff. Ich packte ihn und zog ihn aus der Wand. Sofort erstrahlte etwas in leuchtendem Silber, so stark, dass es meine Augen blendete. Ich kniff sie ganz fest zusammen. Mechanisch streckte ich die Hand wieder nach dem so wunderbar glänzenden Etwas aus, und meine Finger umschlossen etwas Langes, Dünnes. Ich zog es heraus und sah den begehrenswertesten Füllfederhalter, den ich je gesehen hatte. Eine Pracht, die nur ein Schriftsteller zu würdigen weiß. Was ich dort in der Hand hielt, war nicht nur ein Füller. Es war Schönheit, Schwung und Stärke in vollendeter Perfektion. Eine einzigartige schnittige Torpedoform. Ich wusste sofort, dass dieses Baby mich zum Erfolg führen würde. Zusammen würden wir Geschichten schreiben, wie es sie noch nie gegeben hatte. So lustig, dass meinen Lesern das Herz vor Freude in der Brust zerspringen würde, so ernst, dass ihnen das Herz so schwer wie Blei werden konnte, so traurig, dass ihnen vor Sehnsucht das Herz brechen sollte und so unheimlich, dass ihnen vor Schreck das Herz stehen bleiben musste. Ich verspürte eine Aufregung, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Mein Herz klopfte wie wild, mein Puls raste, das Blut schoss mir heiß in den Kopf, meine Hände zitterten und es kribbelte irre in den Fingern. Diesmal würde der Erfolg kommen. Der Tatendrang fraß sich wie ein Schwarm Heuschrecken durch jeden Zentimeter meines Körpers. Mit weit aufge-rissenen Augen und Schweißflecken unter den Armen verbarg ich mein Baby unter meinem Hemd. Ich schob die aufwendig sortierten Kellerschätze grob zusammen, verriegelte die Tür und stürmte durchs Treppenhaus in meine Wohnung.

 

Ich musste mich sofort an die Arbeit machen. Es durfte nicht unnötig Zeit ver-streichen. Die Sache duldete einfach keinen Aufschub. Sarah öffnete den Mund und holte Luft, doch mit einer blitzschnellen, messerscharfen Handbewegung brachte ich sie zum Schweigen. „Jetzt nicht!“, sagte ich knapp. Ich sah sie nicht einmal an und verschwand in meinem provisorischen Arbeitszimmer, das einen kleinen Teil des Schlafzimmers ausmachte. Ich verriegelte die Tür, was ich noch nie zuvor getan hatte, und schaltete meine Schreibtischlampe ein. Ich riss alles Papier aus dem Drucker und spannte es in mein Klemmbrett. Dann griff ich in meine Hemdtasche und zog mein Baby heraus. Hier, an seinem Bestimmungsort, sah dieser Füller noch prachtvoller aus. Ich nahm die Kappe ab und zum Vorscheinen kam die schönste Feder, die ich je an einem Füllfederhalter gesehen hatte. Was dann geschah, war die reinste Magie. Nicht ich setzte mit dem Stift zum Schreiben an, sondern mein Baby selbst wollte Kontakt zum Papier aufnehmen. Der Füller zog meinen Arm zum Blatt, und sofort begann er zu schreiben. Doch meine Hand war einfach nicht schnell genug. Ich kam nicht hinterher. Ich bemühte mich krampfhaft, das Tempo zu reduzieren, aber es wollte mir nicht gelingen. Ein regelrechter Kampf brach aus. Ich war gezwungen die Worte abzukürzen. Es würde kein Problem sein, sie hinterher wieder zusammenzusetzen. Ich würde jede einzelne Zeile kennen. Jedes Wort, jeden Satz, jede Beschreibung und jeden Dialog. Ich musste diesen Zwang irgendwie bändigen. Ich musste die Ruhe aufbringen, den Text Wort für Wort zu Papier zu bringen. Doch mein Baby hatte mehr Macht über mich, als ich selbst mich je unter Kontrolle gehabt hatte. Und so saß ich in meinem Arbeitszimmer und schrieb, und schrieb und schrieb.

 

Ich trank nicht, ich aß nicht, ich hörte nichts, ich sah nichts. Es gab keinen Raum, es gab keine Zeit. Ich verspürte keinen Hunger, keinen Durst. Ich bemerkte nicht einmal, dass ich einer großen Pfütze aus Urin saß. Auch die Schmerzen konnte ich nicht mehr spüren. Meine Finger waren zu Klauen verkrampft, meine Hand ganz steif. Der Schmerz war von den Fingerspitzen über die Schulter bis in den Rücken gekrochen. Meine Finger bluteten. Das Blut lief den Stift entlang, es war auf dem Papier, auf dem Tisch, an meiner Kleidung und es klebte mir im Gesicht. Meine Augen schmerzten und brannten heißer als das Feuer der Hölle sein konnte. Mein Kopf drohte zu explodieren. Jede Sekunde hätte es soweit sein können. Aber das spielte keine Rolle. Ich saß neben mir und sah mir selbst beim Schreiben zu. Ich spornte mich zu Höchstleistungen an, indem ich mir selbst ins Ohr brüllte und mit den Füßen auf den Boden stampfte. Mehr gab es nicht. Nur mich und diesen unendlichen Raum von Nichts. Es gab nur mich und die Story. Die beste Story aller Zeiten, der ultimative Bestseller, auf den ich mein Leben lang gewartet hatte. Mein Traum würde endlich wahr werden. Ich würde es ihnen schon zeigen. Hatte es denn jemals jemanden gegeben, der auch nur eine Sekunde lang wirklich an mich geglaubt hätte? Nein, niemanden. Nicht einmal Sarah. Höflich hatte sie alle meine kleinen Geschichten belächelt, die am Ende dann doch abgelehnt worden sind. Und jedes Mal konnte ich sie sehen, diese Blicke, die sagen wollten: Wusste ich es doch! Diese Blicke waren immer da, auch wenn sie sich noch so viel Mühe gab, sie zu verbergen. Und dann spendete sie mir mit gespaltener Zunge Worte des Trostes, um sich dann wieder um die Suppe auf dem Herd oder einem Telefonat zu widmen. Sarah war die Anführerin der Heuchler und Lügner. Endlich hatte ich dies erkannt. Sie wollte mich für dumm verkaufen, aber das war ihr gründlich misslungen. Am Ende würde der Triumph mein sein und voller Neid würden sie mich betrachten. Meine Freunde werden sie sein wollen, aber ich werde sie nicht an meinem Ruhm teilhaben lassen. Niemanden von ihnen. Mein soll das gesamte Geld sein, und es würde schon bald so kommen, denn die Geschichte stand kurz vor ihrer Vollendung. Ich spürte, dass sich das Tempo auf einmal drosselte. Gleich würde es soweit sein, gleich würde die brillanteste Geschichte der Welt geschrieben sein.

Doch plötzlich ein Pochen. Wie konnte das sein? Es hörte sich an wie ein Klopfen an einer Tür. Mein Verstand überschlug sich. Das war nicht greifbar. Ein Klopfen in einer Phase göttlichen Schaffens? Es hatte doch auch nicht geklopft, als Gott die Welt erschuf. Und wieder. Diesmal ein Hämmern. Eine Stimme. Schreien, Weinen. Sarah. Wände fielen um mich herum nieder, der Boden erbebte unter meinen Füßen. Fenster, Bilder, Möbel. Mein Verstand erfasste zum ersten Mal seit Tagen seine Umwelt. Ich roch etwas. Urin. Ich blickte an mir herunter. Ich fühlte die Hose, sie klebte an mir. Und dann kam der Schmerz. Ich schrie, drückte mir die Hände in die Augen. Mein Kopf würde nun wirklich zerspringen. Ich schmierte mir das Blut meiner Hände in die Haare und ins Gesicht. Ich taumelte durchs Zimmer, bis mich der Schmerz auf die Knie zwang. Ich erinnere mich an einen letzten Aufschrei, dann hatten mir die Schmerzen das Bewusstsein geraubt.

 

Nur Gott weiß, wie lange ich dort lag. Ich erinnere ich mich nicht. Genauso wenig wie an alles andere. Sie sagten mir, dass Sarah tot sei. Sie sagten, jemand habe ihr einen Füllfederhalter in die Halsschlagader gerammt. Sie sagten, man hätte uns in unserer Wohnung gefunden. Sarahs Augen schreckensweit aufgerissen, ich hätte einen Füller in der Hand gehalten. Im Schlafzimmer hätte man Berge von Papier vorgefunden, auf denen nur zusammenhanglose Sätze und undefinierbares Gekritzel gestanden hätten. Sie haben mein Baby in einen Plastikbeutel gesteckt und als Beweismittel missbraucht. Ich habe dieses Goldstück seitdem nicht wieder gesehen. Das wird sich rächen. Mein Baby wird sich rächen, es wird mich rächen.

 

Diese Dummköpfe. Im Augenblick haben Ignoranten über wahres Genie gesiegt. Doch ich habe die Geschichte im Kopf. Ich weiß genau, was mein Baby und ich an jenem Tag schrieben. Sie geben mir keinen Stift. Aus Sicherheitsgründen, behaupten sie. Aber das macht nichts. Die genialste Geschichte aller Zeiten über den wahnsinnigen Niedergang eines erfolglosen Schriftstellers, der seine Frau aus wilder Raserei umbringt, wird seinen Weg an die Öffentlichkeit finden. Schade, dass Sarah meinen großen Durchbruch nicht miterleben wird.



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Kommentar von icdeddpeople:
(31.03.2012 um 13:34 Uhr)

Vielen Dank für die Zeit, die du dir für das Lesen genommen hast. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Für Lob und Kritik bin ich immer zu haben und nehme alles dankend an. Liebe Grüße!

Kommentar von Sweder:
(27.03.2012 um 14:20 Uhr)

PS- wollte ich mailen, dass es keiner als Kritik versteht, aber klappte nicht. Der Schluss ist natürlich völlig in Ordnung. Etwas gekürzt ist es eine Variante, die ich auch ganz gut finde. Der Leser muss hier (so er möchte) seine eigene Fantasie ins Spiel bringen, wird nicht aufgeklärt.... Aber das macht nichts. Die genialste Geschichte aller Zeiten, wird ihren Weg an die Öffentlichkeit finden. Schade, dass Sarah meinem großen Durchbruch nicht mehr miterleben wird. Gruß Sweder

Kommentar von Sweder:
(27.03.2012 um 13:58 Uhr)

Ja, Misserfolge können zum Schizzo machen. Fand die Story sehr gut komponiert und den Schreibstil genauso. Ich mag solche Sachen, die bei aller Fantasie, der Realität doch verbunden bleiben. Dank und Gruß Sweder




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