30.06.2008

Spieluhr

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Das Leben das sie kannte, hatte sie wieder einmal im Stich gelassen. Sie konnte nicht verstehen, weshalb in der letzten Zeit so vieles unter ihren Füßen bröckelte und sich aufzulösen schien. Seid einiger Zeit hatte man sie nicht mehr lachen sehen und nur schwer, konnte man aus ihrem Verhalten Schlüsse ziehen. Simon kannte sie von früher, doch an jenem verregneten Tag am Bahnsteig, hatte er das Mädchen fast nicht erkannt. Lana starrte stumm in die Ferne. Niemand hatte sich zu ihr gesellt. In einen dunklen Mantel gehüllt und von aller Welt verlassen, ähnelte sie dem Mädchen, das Simon von früher kannte, kaum. Als plötzlich der Träger ihrer Tasche riss und ihre Sachen sich über den Boden verteilten, glitt ein silbernes Kästchen heraus. Simon erkannte die reich verzierte Spieluhr und konnte nun nicht mehr ruhig stehen bleiben.

Er half dem Mädchen die Sachen aufzusammeln. Lana sah ihn nicht an und blieb auch weiterhin stumm. Als nun die beiden gleichzeitig nach der Spieluhr griffen, hob sie den Kopf und sah dem Jungen tief in die Augen. Er erwiderte ihren Blick und schenkte ihr ein kurzes Lächeln.  Lana umklammerte die Spieluhr nun so fest, dass ihre Finger weiß anliefen. Als sie nun die Spieluhr zurück in die Tasche schieben wollte, glitt ihr das silberne Kästchen aus der Hand. Sie wurde bleich. Instinktiv fing Simon die Spieluhr auf, ehe sie auf dem harten Betonboden des Bahnsteigs zerschellen konnte. Als Lana erkannte, dass Simon ihren kleinen Schatz gerettet hatte, wurde sie merklich gelassener. Simon, der seine Neugier nun nicht mehr unterdrücken konnte öffnete die Spieluhr. Eine ruhige Melodie erfüllte die Luft des Bahnsteigs. Sie hatte etwas sehr fröhliches aber im selben Moment etwas eben so trauriges an sich. Simon strich mit dem Finger über die Gravur im inneren des Deckels.

Die Reise nach Australien werden wir alleine antreten müssen, aber wir werden dich niemals vergessen

S & D

Als Simon den Deckel zuschnappen lies, zuckte Lana merklich zusammen. Dann sagte er plötzlich: „Eine wunderschöne Melodie, findest du nicht auch?“ Lana nickte nur, sagte jedoch nichts.

Simon war sich nicht sicher, ob sie ihn wieder erkannt hatte, doch war er sich nun sicherer als zuvor, das sie das Mädchen war, mit dem er einst aufwuchs. Simon starrte nun auch wie Lana in die Ferne bis sie, ohne ihn anzusehen, sagte: „Die Spieluhr hat es dir also verraten. Dieses alte Ding, das Daniel und du mir hinterlassen hattet, als ihr ohne ein Wort zu sagen aufgebrochen seid. In den letzten Tagen ist sie mir sehr ans Herz gewachsen.“   Simon kramte aus seiner Tasche einen Brief, der an ihn und Lana adressiert war. Er sah aus, als hätte er ihn hunderte Male gelesen um seinen Inhalt zu verstehen. Der Absender war bereits unleserlich geworden, dennoch erkannte Lana den Poststempel sofort als den der australischen Hauptstadt. Lana riss ihn förmlich aus Simons fingern und begann aufgeregt die Zeilen aus blauer Tinte zu lesen. Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf das Papier. „Ich kann noch immer nicht fassen, dass er nun zu dieser Vergangenheit gehörte, von der auch das Lied der Spieluhr erzählt.“, sagte sie als sie in die Tasche griff und die silberne Spieluhr herausholte.   Simone murmelte: „Ja, er ist zurück geflogen um dich zu holen und heute stehen wir beide hier und warten auf den Zug, der uns ein letztes Mal Abschied nehmen lässt, sagte Simon einige Sekunden ehe der Zug einfuhr. Lana schleuderte die Spieluhr auf die Gleise. Während die beiden in den Zug stiegen hörte man leise die Melodie ihres Kummers.



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