05.01.2010

Richter des Todes

() Gsf 2010 Drama Beitrag

"Sie bringen den Menschen nur Unheil", sprach der Richter, der streng auf den Angeklagten herabblickte. Der Tod schaute einen kurzen Augenblick drein, als wenn er sich schuldig fühlte, besann sich doch sofort wieder, denn er war sich im Klaren darüber, wer er eigentlich war. Die meisten Menschen hatten Angst vor ihm. Wieso sollte er sich also vor einem einzigen Menschen, wenn es auch ein einflussreicher Richter war, fürchten? Also lehnte sich der Tod genüsslich zurück und lauschte entspannt und siegessicher den Worten des Juristen:

"Sie haben Milliarden von Menschen auf dem Gewissen. Sie haben ständig irgendwo auf unserem Planeten Ihre Finger im Spiel und setzen den Leben unserer Erdenbewohner ein Ende. Damit muss nun endlich Schluss sein. Haben Sie denn kein schlechtes Gewissen bei all Ihren Gräueltaten: Hier ein Verkehrsunfall, dort ein Herzinfarkt. Muss das denn sein?"

"Ich bin schließlich der Tod", sagte der Tod, "ich habe nichts anderes gelernt und meine Aufgabe ist es nun mal, Leute aus dem Leben zu reißen. Ich heiße ja nicht umsonst so wie ich heiße. Ich handele nur nach den Vorgaben meines Auftraggebers." - "Wer ist denn Ihr Auftraggeber", fragte der Richter. Der Tod schaute etwas überrascht drein. Hatte er da wirklich gerade von seinem Arbeitgeber gesprochen? Er wollte doch keine Namen nennen, er wollte niemanden mit reinziehen. Er war stark genug, das hier alleine durchzustehen und wollte sich ehrenhaft den Vorwürfen stellen, ohne jemand anderen an der Last teilhaben zu lassen.

Mit den Worten "Ich wiederhole mein Frage, wer ist Ihr Auftraggeber", hakte der Vertreter des Gesetzes noch einmal forsch nach, so dass dem Tod schließlich nichts anderes übrig blieb, als seinen Arbeitgeber zu nennen. "Es ist Luzifer höchstpersönlich, mein Herr. Ich werde von ihm gut bezahlt. Pro Leiche, die ich ihm in der Hölle abliefere, bekomme ich eine stattliche Summe Geld!" - "Wenn wir diesen Herrn Luzifer in die Finger bekommen, wird er, ebenso wie Sie nun, eine große Strafe zu erleiden haben. Meine Amtskollegen, die, genau wie ich, für Zucht und Ordnung auf diesem Planeten sorgen, werden sich darum kümmern, Ihren Auftraggeber ausfindig zu machen. Doch wenn ihnen dies gelingen wird, werden Sie nicht mehr unter den Lebenden sein. Ich verurteile Sie hiermit zur Todesstrafe durch das Fallbeil wegen milliardenfachen Mordes."

Nach der Bekräftigung des Urteils durch den Hammer des Richters musste der Tod heftig schlucken. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Wie konnte es ein menschliches sterbliches Wesen wagen, ihn in einer so vehementen Art und Weise zu verteilen. Nach kurzem Nachdenken war der Tod sich jedoch darüber bewusst, dass er sich die Suppe selbst einbrockt hatte und sie somit auch selbst wieder auslöffeln musste. Schließlich hatte er alle seine Gräueltaten vor dem Gericht zugegeben und diese zu keinem Zeitpunkt bereut, so dass er auch mit keinerlei Begnadigung rechnen konnte. Obendrein war er noch so unvorsichtig und verriet mit leichtfertiger Zunge seinen Auftraggeber. Alleine dafür hatte er die Todesstrafe verdient.

Am nächsten Tag war es bereits soweit. Der Tod wurde von zwei großen kräfigen Herren aus seinem Kerker geholt und durch die Straßen zum Schafott geführt. Es säumten auffallend wenige Menschen den letzten Gang des Todes. Diejenigen, die an den Straßenrändern standen, waren alle sehr ruhig und schienen verängstigt zu sein. Wahrscheinlich befürchteten sie, dass der Tod ihnen kurz vor seinem Ableben noch ihr eigenes Leben aushauchen würde und sie die Hinrichtung folglich gar nicht mehr miterleben würden. Also versuchte niemand aufzufallen. Die ängstlichen Leute schwiegen, obwohl sie nicht einmal mehr die Sense des Todes fürchten mussten, da ihm diese bereits bei seiner Verhaftung weggenommen wurde.

Schon bald waren die zwei menschlichen Muskelberge mit dem Verurteilten im Schlepptau an der Guillotine angekommen. Der Tod wurde mit seinem Nacken unter das Fallbeil gelegt, so dass die Hinrichtung nun kurz bevorstand. Die wenigen Leute, die um das Schafott herum platziert waren, waren vollkommen still. Der Henker trat an die Guillotine heran und löste das Beil aus. Doch was war das? Die Klinge hätte längst seinen Kopf abgetrennt haben müssen, doch der Tod bewegte sich, als wenn nichts geschehen wäre. Weitere Versuche durch den erstaunten Henker brachten auch kein anderes Ergebnis. Den Tod konnte man offensichtlich nicht mit sich selbst bestrafen. Man konnte ihn nicht aus dem Leben reißen. Was man auch immer versuchen würde, der Tod war unbesiegbar.



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Kommentar von Alill:
(18.11.2011 um 16:25 Uhr)

Die Geschichte gefällt mir! Die beste Stelle -meiner Meinung nach- ist die, in der die Menschen ängstlich an der Straße stehen, obwohl dem Tod seine Sense bereits bei der Verhaftung abgenommen wurde. Der Text ist echt witzig zu lesen!

Kommentar von Heinzelmannberater:
(07.11.2011 um 17:07 Uhr)

Danke für dein Lob! Deine einschränkende Hoffnung ist angebracht und eröffnet Platz für Spekulationen. Du kannst gerne meine Geschichte weiterführen und in einem zweiten Teil die Ungewissheit beseitigen.

Kommentar von Sweder:
(21.09.2011 um 22:52 Uhr)

Hat mir gefallen! Eine winzige Einschränkung- ich hoffe doch sehr, dass nicht alle Verstorbenen in der Hölle landen. LG Sweder




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