14.03.2011

Kein Kirschbaumkind

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Kein Kirschbaumkind

„Hast Du es gelesen? Was sie geschrieben haben? Über Lisa?“
Kopfschütteln.
Ein Blick, der nicht nach außen gerichtet, sich verliert in den Bildern der Erinnerung.
Der Vater schweigt.
Ihm fehlen die Worte, seit wenigen Wochen.
Es ist nicht so, dass sie nicht da wären.
Aber sie wollen nicht über seinen Mund kommen.
Und es wären zu viele. Und sie wären nicht geordnet, ergäben am Ende keinen Sinn.
Alles ergibt keinen Sinn.
Nicht mehr.
Seit wenigen Wochen.
Und wo dem Vater nur das Schweigen hilft, da geht die Mutter den anderen Weg.
Sie redet.
Sie kann nicht aufhören, zu erzählen.
Von den Freunden.
Von all den Briefen, die kamen.
Auch von offizieller Seite.
Von den Zeitungen, die sich interessieren.
Von all den fremden Menschen, die sich ihnen so nah fühlen, seit es geschah.
    „Sogar die Wischniewskis, die seit Jahren auf die andere Seite sehen, ...“,
sagt sie nun und dreht das Glas Wasser auf dem kahlen Tisch.
Und der Vater sieht an ihr vorbei, hinaus aufs Meer.
Er kann die Möwen rufen hören, von denen Lisa erzählte, sie habe ihnen Brot über Bord
hinaus geworfen. In der Luft noch hätten sie es gefangen und sich darum gezankt.
‚Möwen zanken ungemein elegant, Papa. Es sieht aus, als würden sie miteinander tanzen, dort in der Luft. Und mit dem Wind.‘
Immer, wenn seine Lisa von der See sprach, umfasste sie mit der Hand ihr Haar im Nacken, als würde sie die nächste kräftige Boe erwarten, die ihr Spiel mit den langen,
blonden Strähnen zu beginnen sucht.

Dem Blick des Vaters, in all seiner Verlorenheit, begegnen die Augen der Mutter.
Suchend.
    „Sie schreiben, sie habe von einem ‚Kraftloch‘ gesprochen, zuletzt.
Und dass sie nur auf halbe Höhe klettern sollte. Aufentern, in die ... in den Mast,
wie sie schreiben.“
Die Mutter findet nicht das rechte Wort. Sie kennt sich nicht aus, mit Schiffen.
    „Marssaling.“, ergänzt die tonlose Stimme des Vaters.
Und die Mutter verstummt, weil sie das erste Wort, das sie ihn nun seit vielen Stunden sprechen hört, weil sie es nicht kennt.
Und weil sie nicht wusste, dass er es kennt.
    „Marssaling.“, wiederholt sie dann leise.
Die Mutter wird nun auch still.
Dass Lisa tolle Augen hatte, sagt Steffen den Zeitungen. Und eine große Klappe.
Wie freundlich sie war. Und hilfsbereit.
Nun lächelt die Mutter matt und trinkt vom Wasser.
Und der Vater füttert die Möwen mit Brot und wischt sich die aufspritzende Gischt von der Haut.

Er mag das Meer.
Er mag es noch immer.

    „Siebenmal mussten sie da hoch. Sieben Male.“
Es ist ein Satz, den die Mutter oft sagt.
Vielleicht, weil - würde nicht die Zahl 7 darin vorkommen - vielleicht,
weil dann alles anders wäre?

Sie hat das Meer nie gemocht.
Und wird es niemals mögen.

Und der Vater blickt aufs Meer hinaus. Und sieht sein Kind.
Schwimmend.
In Formalin.
So machen sie das, wenn der Weg nach Hause weit ist.

Als Lisa ein kleines Mädchen war, da brachte er ihr bei, zu schwimmen.
Er warf sie von sich. Und sie schrie und jauchzte. Und paddelte zurück zu ihm.
Immer und immer wieder kam sie zurück, zu ihm.
Schwimmend.

Von der Marineschule hat sie ihm erzählt. Und davon, dass Flensburg schön sei.
‚Wie ein Puppendorf, mit all den hübschen Häuschen.‘
Und vom Bier, das so sehr bitter sei, dass es von allein Grimassen machte,
wenn man es trinkt.
‚Es ploppt, beim Öffnen, Papa. Wie die alten Apfelsaftflaschen von euch.‘

Woran man sich erinnert, wenn man sich erinnern will?
Der Vater sieht vom Meer weg auf seine Hände.

    „Siebenmal.“, hört er sie sagen.
Dann steht sie auf und geht zum Herd.
    „Sie haben sie getötet.“, sagt die Mutter in den Topf hinein.
    „Sie schreiben, der Kommandant sage, dass die jungen Menschen sich nicht mehr
bewegen würden. Dass sie unsportlich seien. Dass heut kein Kind mehr in einem
Kirschbaum sitze, nur noch vor dem PC. „
Sie weint ohne Tränen, er kann es hören.

Sie haben geschrieben, Lisa sei dick gewesen. Und viel zu klein.
Achtzig Kilogramm, so stand es in den Zeitungen.
Sie haben das Formalin vergessen.

    „Weißt Du noch?“, fängt die Mutter an.
Und der Vater hört nicht hin.
Er sieht seinem Mädchen zu, wie es über den Strand läuft. Wie die blonden, fast weißen Haare im Wind flattern, kleinen Segeln gleich. Er sieht ihr zu, wie sie schwimmt,
so weit hinaus, dass ihm bang wird, im Herzen. Und er nach ihr rufen muss.

    „Steffen ...“ Die Mutter trägt die Teller auf, und legt zwei Löffel auf den Tisch.
    „Sie schreiben, Steffen habe gesagt, Lisa sei ein Kirschbaumkind.“

Ein Großmast ist kein Kirschbaum, denkt der Vater.
Und dass es nur noch ein Jahr gewesen wäre.

‚Papa. Papa. Schau. Schau her. Ich bin eine Meerjungfrau.‘
Lisa rudert mit den Armen und paddelt schnell und kräftig mit ihren kurzen Beinen.
Erst, als der Vater ihr Winken erwidert, kehrt sie um, zurück an Land.
Und schüttelt sich, wie Hunde es tun, um das Wasser aus dem Fell zu bringen.
Und dann klammert sich ihr kleiner, nasser, kalter Kinderleib an sein Bein
und er hört sie außer Atem sagen:
    „Ich bin eine Tochter des Meeres, Papa. Und gleich hab ich keine Beine mehr.
Nur eine Flosse wird dort sein. Und Du musst mich tragen, wenn ich an Land bin.
Im Wasser bin ich schnell. Und leicht. Und flink, wie ein Fisch.‘
Und da lacht sie und springt um ihn herum.

Und der Vater schiebt den Teller beiseite. Und den Löffel auch.
Er steht auf.

    „Der Kommandant hat Recht. Lisa war nie ein Kirschbaumkind.“

Und dann geht er nach draußen, auf die Veranda.
Und sieht aufs Meer der Dächer hinaus und darüber hinweg.

Sie war meine Meerjungfrau.



http://missglueckdotcom.wordpress.com/

Anmerkung:
Für Sarah Seele.
Diese Geschichte entspricht nicht den Tatsachen.
Sie ist vom Tod der jungen Offiziersanwärterin Lisa abgesehen, erfunden.
Ich beziehe mich auf einen Bericht aus dem Spiegel, der mich bewegt hat,
eine kurze Geschichte über das kurze Leben einer jungen Frau zu schreiben.



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