28.01.2010

Gut behütet, aber machtlos

() 1. Platz - Gsf 2010 Drama Beitrag

Ich war immer besorgt. Jeden Tag und jede Nacht. Schutz und Obdach wollte ich bieten. Geborgenheit war mir immer wichtig. Und so hatte ich ein Auge auf alle, die bei mir ein Heim suchten.

Wie gern hätte ich sie alle gerettet, aber das war nicht möglich. Ich war stets stark. Überstand die Stürme, die Unwetter, ja sogar Kämpfe und Kriege. Doch manchmal konnte ich nur hilflos zusehen, egal, wie sehr ich mich bemühte, oder wie sehr ich sie liebte.

Maria gehörte zu jenen Menschen, für die ich nichts tun konnte. Sie war erst fünf Jahre alt. Sie hatte wundervoll blondes Haar. Goldene Locken, glänzend und seidig. Engelshaar hätte nicht schöner sein können. Wenn Maria vor einem Erwachsenen stand, und mit ihren großen, runden himmelblauen Augen zu einem aufsah, das Gesichtchen umrahmt von ihren goldenen Löckchen, konnte man ihr nicht widerstehen. Sie wusste diese Gabe sehr gut einzusetzen.

Doch dann kamen die Pocken. Ihre Mutter wusste, dass sie selbst nichts gegen eine Ansteckung tun konnte, und so betete sie jeden Abend zu Gott, dass er Maria verschone, aber Gott hatte sie nicht erhört. Pusteln traten aus ihrem Gesicht heraus. Erst einzelne, kleine Bläschen. Sie verbreiteten sich über den Hals, befielen die Arme, den Rücken und den Rest des Körpers. Dann wurden es so viele, bis ihr kleiner Körper nur noch aus Pocken bestand. In nur einer Woche war von ihrer Schönheit nichts mehr übrig. Doch vielleicht hatte Gott doch Mitleid mit ihr. Ihre Mutter wünschte Maria eine gute Nacht. Und von da an war für Maria immer Nacht, denn am darauf folgenden Morgen war sie erblindet, und drei Tage später tot. An diesem Morgen weinten die Engel im Himmel so dicke Tränen, dass es auf Erden sintflutartig regnete. Doch als die kleine Maria unter der Erde war, brach die Sonne hervor und warme, goldene Strahlen schienen auf mich hernieder.

Die Jahrzehnte vergingen und die Zeit brachte Veränderungen mit sich. Ich befand mich nicht einfach mehr auf einem Stück Land. Meine Herkunft war nun einem Schutzbezirk zugeordnet. Ich beherbergte eine Familie, dessen Oberhaupt nicht gerade meine aufrichtigsten Sympathien für sich gewinnen konnte, dennoch war er zu einer wichtigen Person geworden. Meine Jugend war vorüber, und ich entwickelte erste Begleiterscheinungen des Alters. Johannes war stets zur Stelle und immer sehr um mich bemüht.

Wie auch an jenem frühen Abend, als er mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages einige kosmetische Neuerungen an mir vornahm. Er wollte gerade den Pinsel in einen Eimer Farbe tauchen, als er sich erbrach. Er verschwieg es einer Familie und setzte seine Arbeit fort, doch schon nach wenigen Tagen war es nicht mehr zu verheimlichen. Ständig musste er über den Hof zur Toilette. Als seine Frau den Verdacht äußerte, dass er an Cholera erkrankt wäre, winkte er ab und sagte, es handele sich nur um eine Grippe. Doch die Familie wusste es besser, und er wusste, dass sie es wussten. Noch einen Tag später stieg er morgens nicht mehr aus dem Bett. Sein Körper war völlig ausgetrocknet. Der Arzt konnte nicht kommen, er hatte zu viele andere Patienten. Er sicherte aber zu, so schnell wie möglich einen Hausbesuch zu machen. Als der Doktor endlich kam, hatte er bereits die Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren, und schlimme Muskelkrämpfe quälten ihn. Seine Haut hatte sich grau verfärbt, seine Augen waren eingesunken und die Haut voller Falten. Einige Tage später war er tot.

Der Verlust war groß. Für die Familie ebenso wie für mich. Der Ernährer war weg, und die Söhne mussten noch mehr anpacken, als sie es sowieso schon getan hatten. Nur an mich verschwendete lange Zeit niemand einen Gedanken, hatten meine Bewohner doch ganz andere Sorgen. Das machte sich bemerkbar. Doch die Kinder wuchsen heran. Ihre Mutter starb. Die Mädchen verheirateten sich und zogen zu ihren Ehemännern, und die Buben wuchsen zu kräftigen, gesunden, jungen Männern heran. Und als die meisten von ihnen schon ihrer eigenen Wege gingen, entschied sich der jüngste von Ihnen, bei mir zu bleiben, ein gutes Heim zu schaffen und seiner Angebeteten sein Herz zu öffnen.
Mit sehr viel Liebe verhalf er mir zu neuem Glanz und alter Stärke. Man blieb wieder stehen, um mich zu bewundern. Und weil ich doch zu groß war für einen jungen Mann mit seiner Verlobten, restaurierte er die unteren Zimmer so, dass er sie vermieten konnte. Und so zogen noch einige Arbeiter mit ihren Familien bei mir ein.

Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Es war nur der bei mir zu Hause, der hier Arbeit finden konnte. Mal gab es mehr, und mal weniger Arbeit, und so konnte es zeitweise sehr eng werden. Es dauerte daher nicht lange, bis die ersten an Tuberkulose erkrankten. Viele kamen in die Sanatorien, die überall errichtet worden waren. Manche blieben ein paar Wochen dort, andere Monate, einige kamen nie wieder.

Doch es blieben genug, denen ich Schutz und Geborgenheit geben konnte, und so veränderten sich wieder die Zeiten und die Jahre gingen voran. Es wurde irgendwie ruhiger, aber die Menschen insgesamt hektischer, die Luft veränderte sich und mein Platz veränderte sich. Ich veränderte mich. Sie nennen es Denkmalschutz. Groß und schwer bin ich geworden, aber durchsichtig und hell, aber doch irgendwie in die Jahre gekommen. Gut erhalten, würden die Menschen sagen. Die Arbeiter sind gegangen und die Künstler sind gekommen. Zwei Männer, Olaf und Sascha. Sie leben still und zurückgezogen. Aber die Leute reden. Ich kann sie hören, wie sie auf der Straße flüstern, wenn sie an mir vorbei gehen. Sie wollen sicher sein, dass es nicht laut ausgesprochen wird, denn eigentlich spricht man nicht darüber. Ich hab es aber dennoch hören können. Sie sagen, die beiden wären anders. Sie sagen, sie sähen krank aus. Und sie hätten von ähnlichen Schicksalen gehört. Olaf sei krank. Und ja, vielleicht Sascha auch. Vielleicht habe auch er dieses Virus, das das Immunsystem zerstört. Sie haben es AIDS genannt.

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es so. Es spielt keine Rolle. Ich werde hier sein, und ihnen eine Bleibe bieten. Ich werde auch sie in diesen Wänden beschützen, wenn ich nur irgendwie kann, und man mich lässt.



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Kommentar von leseratte:
(10.03.2010 um 22:50 Uhr)

Einfach super! Genial, die Geschichte aus Sicht des Hauses zu schreiben. Hätte gern noch mehr gelesen! Weiter so!




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  • Tag, Nacht, Stürme, Unwetter, Gott, Mitleid, Maria, Mutter, Strahlen, Veränderungen, Schicksal, krank, Virus, Immunsystem, Olaf, Sascha, Bleibe
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