13.01.2012

Falsche Vorstellungen

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Da stand ich nun in meinem kurzen Hemd, so sagt man das doch jedenfalls, wenn man sich in einer nicht allzu aussichtsreichen Situation befindet. Wobei stehen hier nun wirklich die falsche Definition ist. Wenn ich doch wenigstens sitzen könnte, vor ein paar Minuten konnte ich das ja auch noch. Konnte den warmen gepolsterten Sitz unter meinem Allerwertesten spüren, den leckeren Cocktail mit dem obligatorischen Schirmchen am Rand des Glases genießen. Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt, als ich heute Morgen aufstand, mich vom Bett ins Bad quälte. Ich gebe zu, ich schlafe gerne und lange. Liv sagte mir mal, ich würde einen sehr zufriedenen glücklichen Eindruck beim Schlafen machen. Ich weiß nicht ob das wahr ist, aber ich weiß, dass ich mich eigentlich nie an meine Träume erinnert habe, vielleicht deshalb der ruhige Schlaf. Ich weiß auch das es schlauer war, Liv nicht zu sagen, wie sie schlief. Ich fand das oftmals witzig und amüsant, Liv hätte das sicher anders empfunden. Diese lustigen kleinen Grimassen, die sie im Schlaf zog, oder die kurzen „Gespräche“ die sie führte. Manchmal lohnte es sich wirklich einmal nicht zu schlafen.
    Einige Menschen empfinden schlafen ja als pure Vergeudung der kostbaren Lebenszeit. Der Witz ist, hätte ich damals schon gewusst, wie der Tag heute verläuft, ich würde diesen Besserwissern Recht geben und zugeben, dass ich vielleicht besseres mit meiner Zeit hätte anfangen sollen, als schlafen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer, hat meine Oma auch schon immer gesagt. Wie es ihr nun wohl geht? Hab sie lange nicht gesehen, werde ihr aber einen Besuch abstatten und sie fragen. Ich denke ich werde sowieso ihre Hilfe brauchen können.
    Im Augenblick kommt mir diese Situation, in der ich mich befinde auch wie ein Traum vor, so gar nicht real, gar nicht greifbar, alles rast an mir vorbei, passiert mit enormer Geschwindigkeit. Ich meine, ich stehe auf Geschwindigkeit, hohe Geschwindigkeit, so hoch, dass mir das Adrenalin mein Blut zum Kochen bringt. Auf meinem Motorrad hab ich es auch immer extrem genossen, dieses schier unbeschreibliche Gefühl, wenn einem das Adrenalin durch den gesamten Körper, ja regelrecht geschossen wird. Der Puls, der beinahe so hoch ist, dass er mir die Halsschlagader sprengen könnte.
    Aber das hier ist anders. Genuss ist anders. Das hier ist alles, aber kein Vergnügen mehr.
Bin gespannt, wie lange ich hier noch über solch unsinnige Dinge nachdenken kann, zwei vielleicht drei Minuten? Keine Ahnung, habe so etwas schließlich noch nie vorher gemacht und bei Gott, das werde ich auch kein weiteres Mal erleben. Das könnte die längste, kürzeste Zeit in meinem Leben werden. Klingt paradox, ist es aber nicht, wenn ich genau darüber nachdenke, wie viel Zeit sich in zwei Minuten quetschen lässt. Was einem da alles durch den Schädel schießen kann. Heißt es nicht auch, in den letzten Augenblicken des Lebens, läuft einem selbiges noch einmal wie ein Film vor den Augen ab? Ich kann das nicht beurteilen, aber wer weiß, vielleicht wird sich dieses Geheimnis ja noch lüften lassen.
    Langsam wird mir auch kalt, viel frische Luft soll zwar gesund sein, aber so viel ist wahrlich übertrieben. Ich bin nicht in der Lage irgendetwas daran zu ändern, bin nur noch Passagier im schnellen Strom der Zeit, aber in einigen Momenten herrscht wieder Ruhe, leider beruhigt mich das nicht. Ich werde versuchen Liv zu erreichen. Ich habe ein gutes Zahlengedächtnis, zum Glück, Zeit für das Telefonbuch habe ich auch nicht mehr.
Es klingelt, bitte geh an Dein Telefon, bitte, ein letztes Mal.
Mailbox. Das war es. Warum konntest Du dieses eine Mal nicht ans Telefon gehen?
    Mein Pulsschlag macht mich wahnsinnig, ich werde wahnsinnig, ich kann nichts mehr ändern. Schlagartig überfällt mich die Panik. Kann mich nicht bewegen, kann nicht von hier weg. Will meine Augen schließen aber ich kann nicht.
Ich zittere vor Angst, die Kälte spielt schon keine Rolle mehr. Sämtliche Gedanken und Bilder jagen mir durch den Kopf. Kindheitserinnerungen, meine Eltern, meine Schwester, mein Hund, plötzlich scheint die Zeit fast wie eingefroren. Alles wird grau. Wie Gewehrsalven feuern mir jetzt die Gedanken durch den Kopf. Kein klares Bild mehr, nur noch Fragmente.
Theorie bestätigt, der Film des Lebens, passt in einige Augenblicke.
Diese Angst… Oh mein…

    Olivia kam vollgepackt mit Einkaufstüten durch die Wohnungstür. Ihr Telefon klingelte, sie hatte es bereits vor der Tür gehört.
„Ja ja, ich mach ja schon“ Hektisch versuchte sie den Einkauf abzustellen, ohne alles im Chaos und verstreuten Lebensmitteln enden zu lassen. Das Telefon klingelte unermüdlich weiter. „Also wer so hartnäckig ist, der hat wirklich was zu sagen“.
Sie erreichte das Mobilteil und drückte den grünen Knopf. „Hallo?“
„Hey Mum, tut mir leid, ich bin gerade erst…“ Sie brach den Satz ab. „Was? Was soll ich? Nun beruhige Dich doch mal, ich verstehe ja kaum ein Wort“. Man sah Olivia die Hektik und die Verunsicherung an, die zu übermannen schien. „Okay, auf welchem Kanal?“ Sie griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Ihre Finger zitterten, als sie die Kanäle wechselte. Bei dem Nachrichtensender angelangt, traf es sie wie einen Schlag in die Magengrube. Die Worte des Sprechers prallten an ihr ab, die Bilder die sie sah, waren zu schlimm. Ein Hubschrauber schien um die Unglücksstelle zu kreisen. Von oben war das Ausmaß der Katastrohe besser zu erkennen. Ein kleiner Wald, viel mehr der Rest von ihm stand in Flammen, wie ein heftiger Einschlag eines Meteors wirkte dieses Szenario. Aber es war kein Meteor der dieses Inferno zum Leben erweckt hatte. Als die wackeligen Kamerabilder deutlicher wurden und näher in das Unglück hineinzoomten, wurde deutlich das ein Flugzeugabsturz die Ursache war. Olivia ließ das Telefon fallen und sank langsam auf die Knie. Sprachlos blickte sie auf den Fernseher und flüsterte leise die Kennung des Flugzeuges vor sich hin, die auf einem Rumpfteil das nicht brannte, zu lesen war.
Es war die Maschine, die Ihren Freund hätte nach Hause bringen sollte. „Oh mein Gott“ war das letzte dass sie hervorbrachte, bevor sich die Ohnmacht erst über ihren Kopf, dann über den gesamten Körper hermachte.



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Kommentar von Indy:
(13.01.2012 um 13:03 Uhr)

Vielen Dank, war der erste Versuch einer Kurzgeschichte! :)

Kommentar von Kerstin77:
(13.01.2012 um 12:55 Uhr)

Wow! Das ist ein packende und sehr starke Geschichte! Ich mag deinen Schreibstiel. Weiter so!




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