20.02.2010

Der Irrsinn der Gedanken

() 3. Platz - Gsf 2010 Drama Beitrag

Stumm blickte sie auf ihre leeren, zitternden Hände. Wenn man sie so dasitzen sähe, könnte man glauben, sie würde nur meditieren, aber im Gegensatz zur inneren Stille der Meditation wirbelten ihre Gedanken unaufhörlich in ihrem Kopf umher. Jeder einzelne Gedankenstrang, führte ihr ihre ausweglose Situation ein Stückchen mehr vor Augen. Dann, für den Beobachter ganz unvermutet begann sie haltlos zu Zittern und zu Weinen. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer stumm schreienden Maske die pure Verzweiflung vermuten ließ. Die Schwere ihrer Augenlider verschleierte ihren Blick für das Wesentliche. Konnte oder wollte sie das Leben um sie herum nicht mehr sehen? Keine Sehnsucht, keine Freude, kein Halt. Etwas in ihr regte sich, es wollte heraus, es musste heraus. Es fühlte sich an, als würden Milliarden von Käfern in ihren Blutbahnen auf und ab laufen. Jeder einzelne Käfer war ein scheinbar zerstörerischer Gedanke, der aus ihr herausbrechen wollte und ihre Schreie waren nicht zu hören. Die Haut, die eine Barriere, die sie noch vom Ziel trennte, brannte unaufhörlich. Mit ihren langen Fingernägeln begann sie ganz mechanisch an ihrem Arm auf und ab zu fahren. Immer und immer stärker. Auf und ab ... und auf und ab. Sie fühlte das wohltuende Brennen, das ihr schon vor so langer Zeit zum vertrauten Freund wurde. Der Einzige, der sie daran erinnerte, dass sie noch die Bürde des Lebens trug und der sie dabei wärmend umhüllte. Doch dieses Mal schien die erhoffte Wirkung, sich wieder ins hier und jetzt zu Kratzen, nicht einzutreten. Es war ihr alles schon vor langer Zeit egal geworden, genau wie sie allen anderen egal war.

 

Ihre Gedanken kreisten weiter und das Ende war leicht zu fassen.

Ihr Entschluss stand fest.

Ihre Augen waren weit geöffnet und blickten suchend in ihrem Zimmer umher.

 

Bis sie letztendlich das gesuchte Metall fanden und mit starrem Blick festhielten. Da war er nun – der Ausweg. Das verheißungsvolle Ende war gekommen.

 

Aber Etwas zerrte an ihr. Jetzt, da alles in greifbarer Nähe war, wurde ihr schlagartig bewusst, dass etwas Entscheidendes fehlte. War es richtig für immer zu gehen ohne Vorbereitungen getroffen zu haben? Ohne Verabschiedung konnte sie nicht gehen. Schnell wanderten ihre Gedanken weiter, fanden eine Lösung des Problems, und sie hakte es auf ihrer imaginären Liste ab. Nächstes Problem. Sie musste Aufräumen. Schließlich sollte das Ende würdevoll von Statten gehen. Sie schrieb es in Gedanken auf die Seite, die noch zu erledigen war. Außerdem musste sie die Haustür öffnen, damit sie schnell gefunden wurde. Also gab es auch dafür eine Lösung. Lösung?

 

Die Gedanken wurden immer klarer und überschaubarer. Sie malte sich die Briefe an ihre Angehörigen aus, sah sie deutlich vor sich, überarbeitete Formulierungen bis sie vollständig zufrieden war. Der Atem ging ruhiger, die Käfer zogen sich in ihren Bau zurück und betrachteten zufrieden das Werk, das sie geschaffen hatten. Für jedes Problem, dass sich ihr in den Weg zum Ende stellte, fand sich ein Gedankengebilde, das eine Lösung prophezeite. Fragend zog sie die Brauen fest zusammen. Dann riss sie die Augen auf und es wurde ihr alles klar.

Sie fand Lösungen. Sie findet auch diesmal eine Lösung: Hilfe!



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Kommentar von Hanna:
(11.06.2012 um 11:54 Uhr)

Oh Kinnie, ich bin sprachlos. Du hast alles gesagt und wie du es gesagt hast. Staunen, Berührung, tief und schmerzhaft und doch tröstlich. Genau auf den Punkt eben. Mein Geschreibsel ist Geschwafel neben dieser Geschichte. LG Hanna




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