30.01.2010

DEMÜTIGUNG

() Gsf 2010 Drama Beitrag

Dies ist die Geschichte eines jungen Mädchens, das einem skrupellosen Blender in die Finger gefallen ist. Menschen, die sich über die Folgen ihres Handelns keine Gedanken machen, gibt es leider zuhauf. Schutz und Einfühlung bedürftige Menschen, die darunter leiden, leider auch.

*

DER MANN
Oberflächlich, egoistisch und ein Blender. In der Gesellschaft der oberflächlichen Blender und egoistischen Wichtigtuer fällt er damit aus dem Rahmen, dass er mit anderen Pfunden wuchert, als mit dem Geld des Vaters oder dem edlen Namen der Familie, der tragenden Funktion der Mutter in der Gesellschaft oder mit der Zugehörigkeit zu einer alteingesessenen Familie. Er hat sich seinen Platz am Rande dieser Scheinwelt der Eitelkeiten und Boshaftigkeiten durch seine makellose Erscheinung und seine Virilität erstritten.

Groß und schlank, muskulös ohne abstoßend zu wirken, breite Schultern und schmale Hüften, festes und wohl gerundetes Gesäß, sonnenstudiogebräunt, haarlos in den Achseln mit nackter Brust und glatt rasierter Scham. Langes und leicht gewelltes, strohblondes Haar, die ein markantes Gesicht umgeben, volle Lippen und Augen, so durchscheinend blau wie ein Gletschersee im Morgenlicht. Dazu der einstudierte, leicht spöttische Zug um den linken Mundwinkel und der mildfreundliche Blick seiner Augen. Seine, mal neidvoll gemusterte, mal lobend bewunderte, wohlproportionierte Männlichkeit und die geschätzten wie ungewöhnlichen sexuellen Praktiken und Spielarten sind das zweite Pfund, mit dem er wuchert.

Solange er sein Leben weiterhin unter seinesgleichen verbringt, wird er niemanden ernsthaft wehtun, und das, was er tut, wird auch niemanden innerhalb dieses Kosmos´ ernstlich interessieren, da sie alle das Gleiche tun und alle dasselbe wollen und ihnen dafür fast jedes Mittel Recht erscheint.

Einmal jedoch tritt er für einen unseligen Moment aus dem Getto dieser Schattenwelt in das Licht der Wirklichkeit und Wahrheit und beschließt aus einer Laune heraus, sich mit dem etwas unsicher und hilflos wirkenden, scheuen Reh ein paar kurzweilige Stunden zu gönnen, so wie er eine Auster schlürft und die leere Schale achtlos zur Seite wirft, ohne je einen Blick auf die eventuell vorhandene Perle zu vergeuden.

DIE JUNGE FRAU
Im Sternzeichen Löwe geboren und als Element das Feuer; das charakterisiert zutreffend ihre Eigenart. Diese junge Frau ist aufgeschlossen, interessiert und wissbegierig. Sie ist stolz und anspruchsvoll und gibt sich nicht mit Halbheiten zufrieden. Sie gibt viel und verlangt viel, wenn nicht gar alles. Sie ist liebenswert, freundlich und ausgesprochen hilfsbereit; oft keck bis frech, unkonventionell und unternehmungslustig, aber auch das unsichere und scheue Mädchen, das manchen Situationen hilflos oder verzagt gegenübersteht, das gelegentlich rot wird und es ihr ab und an die Sprache verschlägt, worüber sie sich maßlos ärgert. Sie saugt das quirle Leben auf, das ihr auf Schritt und Tritt und Tag für Tag begegnet, wie ein trockener Schwamm. Sie steht am Anfang ihres Lebens und hält so viele ihrer noch zu lebenden Jahre in den Händen, dass eine einzige Woche noch endlos lang erscheint und ihr die Monate ganz sacht und behutsam durch ihre Finger rinnen wie feiner weißer Eieruhrensand und ihre Jugend schier endlos andauert. Und auf ihrem Rücken trägt sie einen großen Sack, prall gefüllt mit ihren Träumen und Wünschen, dazwischen die Hoffnungen und Sehnsüchte. Und sie trägt die Ungeduld der Jugend, das Leben mit all seinen Ecken und Kanten, mit allen Rundungen und Kurven, mit den Höhen und Tiefen und den Überraschungen, erleben zu wollen, und das sofort, spätestens jedoch am nächsten Tag. So sorgenfrei und erwartungsvoll erwacht sie jeden Morgen und unbekümmert und neugierig legt sie sich jeden Abend schlafen.

Sie hat eine ansprechende Figur. Mittelgroß, schlank und langbeinig. Hier und da fehlen ihr noch die fraulichen Rundungen. Das dunkelbraune, fast schwarze, samtweiche Haar, das wie ein Schleier auf die zarten Schultern fällt und so erfrischend duftet wie eine Frühlingswiese nach einem lauen Sommerregen, umrahmt das ovale Gesicht, in dem zwei braune Augen lodernd Funken sprühen, und ein volles Lippenpaar neben einer zierlichen Stupsnase ruhen. Ein Gesicht ohne Aufregungen, weder langweilig oder ungewöhnlich noch die Fantasie beflügelnd. Verweilt der Blick jedoch den Bruchteil einer Sekunde länger in diesem Antlitz, dann breitet sich eine Ahnung des Außergewöhnlichen aus, und einen Moment später, wenn sich die Blicke kurz kreuzen, keimt die Hoffnung auf etwas Besonderes, etwas Einmaliges auf. Ihr scheuer Augenkontakt nimmt gefangen, das kurze Niederschlagen der Augenlider, die leichte, abwendende Bewegung des Kopfes zur Seite und der nachfolgend aus den Augenwinkeln zurückgeworfene, unschuldig fragende, neugierige Blick lassen Hoffnung und Ahnung zur Gewissheit werden; ein außergewöhnlicher Mensch, ein denkwürdiger Augenblick, der die Fantasie beflügelt, das Herz hüpfen und Wünsche aufsteigen lässt. Die Worte verstummen in aufkeimenden Sehnsüchten, rufen Verblüffung, Unruhe und Unbeweglichkeit, lähmende Starre hervor.

MEIN ÖDES LANDLEBEN
Das Leben! Wenn ich es so recht bedanke, ist es weder Bestimmung noch Schicksal, es ist, wie immer ist, seit ich denken kann, meine eigene Entscheidung. Löwin im Feuer geboren, beide Augen zu und durch. Gibt es etwas Langweiligeres für ein quirliges und erlebenshungriges Wesen, als die spannendste und aufregendste Zeit des Lebens, seine Jugend, auf dem platten Lande zu verbringen mit Nichts drum herum, als bloß Landschaft? Mein Dorf liegt mitten im Nirgendwo, eine Straße führt hinein und auf der anderen Seite schnell wieder hinaus, ohne länger zu verweilen, weil es nicht das geringste gibt, was ein Verweilen lohnen könnte. Vergessen dämmert es Tag für Tag, Einerlei für Einerlei dahin, weitab vom Leben und den Vielfältigkeiten der Abwechslung und den Erlebnissen, umgeben von stillen Wäldern, ruhigen Wiesen und flüsternden Kornfeldern, von nachdenklichen Rübenfeldern und Kartoffeläckern, muhenden Schafen und blökenden Kühen oder auch andersrum, Hühner und Schweine fütternden Tanten und Pfeife rauchenden, pflügenden und mähenden Onkel.

Der Spannungsbogen der Öde erstreckt sich vom Freitagabendlichen Tanz im Dorfgasthaus bei Blasmusik oder Schifferklavierbegleitung über das sonnabendliche Herumhängen mit den anderen Gelangweilten im Buswartehäuschen am Dorfanger bis hin zum sonntäglichen Kirchgang, dem nachfolgenden Mittagessen und der üblichen Kaffeetafel mit herbstlichen Käsekuchen, sommerlichen Obstböden oder winterliches Adventsgebäck, dem obligatorischen Spaziergang durch Wiesen und Felder, vorbei an Rüben und Getreide, vorbei an Pferden, Kühen und Schafen und dem Besuch bei Oma auf dem Friedhof. Wann hat das endlich ein Ende?

START IN DAS LEBEN
Hanne hat sich zu ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag ein Auto gekauft mit finanzieller Unterstützung ihres Opas. Es ist zwar eine schon alte und etwas klapperige Karre, aber es ist ein Auto, mit dem sie dieser Eintönigkeit wenigstens an den Wochenenden entfliehen kann. Sie hat mir angeboten, mich am Sonnabend in die Stadt mitzunehmen zum Discobesuch. Juhu, endlich einmal raus aus dieser ländlichen Idylle, endlich was erleben, tanzen bis zum Morgengrauen. Ich freue mich riesig. Großstadt, ich komme.

Mutti und Vati sind dagegen, wie immer, wenn mir etwas Spaß macht. Diese Spießer. Es sind immer die gleichen Ängste und Besorgnisse: Die Großstadt voller Drogendealer und das junge Mädchen, das unter die Räder kommt durch Drogenkonsum, das verführt wird oder gar vergewaltigt und all die anderen Ängste und Vorurteile. Ich bin doch kein Kind mehr, – mit fast achtzehn kann ich schon alleine auf mich aufpassen. Ich wühle mich durch meinen Kleiderschrank auf der Suche nach einem fetzigen Outfit. Scheibenkleister, ich habe nichts Gescheites anzuziehen. Mit den unmodernen und mottenzerfressenen Klamotten aus meinen Kindertagen erkennt doch gleich jeder, aus welchem Rückstandsgebiet ich ausgebrochen bin, da kann ich ja gleich in meinen Gummistiefeln und der Kittelschürze losziehen. Hanne hat mir ausgeholfen; nichts Umwerfendes, aber besser, als meine Fummel.

Natürlich bin ich mitgefahren und es hat sich gelohnt. Ich habe ihn kennengelernt, meinem Traum von einem Mann, einem richtigen Mann. Groß und schlank mit langen blonden Haaren und himmelblauen Augen, einer muskulösen Figur und knackigem Hintern, einer sehr schmeichelnden Stimme, einem verschmitzten Lachen. Ein paar Jahre älter ist er und fährt einen silbergrauen Porsche. Sein Geld verdient er als Finanz- und Anlageberater bei der Deutschen Bank, – ein Traummann halt. Ich habe ihn in der Diskothek völlig schwärmerisch angestarrt und scheu den Kopf abgewendet, wenn sich unsere Blicke kreuzten. Irgendwann habe ich mich in erotische Fantasien ergangen, mit meinen Gedanken in der blumigen Traumwelt der Wirklichkeit entrückt ihn einen Moment zu lange angeschaut ...
Er hat mich angelächelt, als wüsste er genau, was mir durch den Kopf geht und mir zugezwinkert, – das Blut ist in mir hochgeschossen, ich bin knallrot geworden bis über beide Ohren, wie ein kleines Schulmädchen, – wie peinlich. Es hat ihn amüsiert und er hat gelacht, seine weißen Zähne haben geblitzt, als er mir zugenickt hat. Ich bin wieder rot geworden und habe in die entgegengesetzte Richtung geschaut. Plötzlich stand er vor mir, in jeder Hand ein Glas, schaute mir viel zu tief in die Augen. Ich bin wieder rot geworden, diesmal von den Haarspitzen bis hinunter in die kleinen Zehen. Es amüsierte ihn. Ob wir mal etwas gemeinsam unternehmen könnten.
Als er mich ansprach, versagte mir die Stimme, keine Antwort, nur ein Kopfnicken. Ich fand meine Stimme erst wieder, nachdem ich den angebotenen Cocktail in einem Zug ausgetrunken hatte. Wir verabredeten uns für das kommende Wochenende. Er hat mir die Nummer seines Mobiltelefons gegeben. Ich glaube, ich habe mich unsterblich in ihn verliebt. Ich weiß, dass ich mich unsterblich in ihn verliebt habe.

Zwei Wochenenden Ausgangssperre, noch nicht einmal das jährliche Kirchweihfest darf ich besuchen. Mein Bitten, mein Flehen, meine Schwüre, mein Rotz und Wasser heulen, es hat alles nichts genutzt. Ich habe jeden Tag mit ihm telefoniert. Mich entschuldigt, dass ich am Wochenende doch nicht kommen kann und plötzliche Verpflichtungen vorgeschützt. Er soll doch um des Himmels willen nicht glauben, ich sei noch ein Kind und hätte Hausarrest. Nach fast drei sich endlos dahinschleppenden Wochen habe ich ihn wiedergesehen. Freitagnacht in der Diskothek. Wir haben bis zum Morgen zusammengesessen, getanzt, geredet und getanzt und geredet und geredet. Ich glaube, er hat sich auch in mich verliebt.
Seine scheuen Berührungen, seine unaufdringlichen Annäherungen, das vorsichtige Streicheln meines Armes, die liebkosende Hand auf meiner Hüfte und der sanfte Körperkontakt beim Tanzen. Zum Abschied der zarte Kuss auf meine Wange, der tiefe Blick in meine Augen und das Gehauchte »Bis bald …«

Schwebend und selig verlasse ich mit hochrotem Kopf und mit Hanne an der Hand die Diskothek. Dann der traumhafte Flug in Hannes goldener Kutsche durch rosarote Wolken nach Hause ins Aschenputtelheim. Ich will immer bei ihm sein.

FORTGANG
Meinen achtzehnten Geburtstag habe ich ohne ihn gefeiert. Ich hatte ihn eingeladen, er wollte auch kommen, aber ein wichtiger geschäftlicher Termin ist ihm leider dazwischen gekommen. Vier Monate ist es jetzt her, seit ich ihn das erste Mal getroffen habe. Ich halte die langen Trennungen zwischen den Wochenenden nicht mehr aus.

Ich ziehe zusammen mit Hanne in die Stadt. Sie hat eine sehr, sehr kleine Wohnung in der Nähe des Savignyplatz´ gemietet. Hanne und ich haben jede ein kleines Zimmer, eine gemeinsame Küche mit einem winzigen Balkon und ein Badezimmer mit Klosett, Waschbecken und Dusche. Mama hat geweint, ich habe sie in den Arm genommen und versucht ihre Ängste vor dem Untergang ihrer einzigen Tochter zu zerstreuen, – bei Müttern scheint das aber nicht nachhaltig zu klappen. Papa hat beim Umzug geholfen, mein Mädchenzimmer, Omas alte Waschmaschine, mein Fahrrad und ein bisschen Hausrat von Mutti.

Die folgenden zwei Wochen sind himmlisch. Wir haben uns fast jeden Tag gesehen und die Wochenenden durchgetanzt. Er ist mir so vertraut, als würde ich ihn schon seit meiner Kindheit kennen.

VORSPIEL
Er will mir seine Wohnung zeigen. Ich könnte beruhigt mit ihm gehen. Am Anfang habe ich mich noch geziert. Anständige junge Frauen tun das nicht. Ich habe auf schüchtern gemacht aus Angst vor dem möglicherweise ersten Mal. Es geht doch nicht so einfach und glatt, wie ich mir immer den Verlust meiner Kindlichkeit vorgestellt habe. Nach langem Zögern bin ich dann doch noch mitgegangen in seine Wohnung, auf ein einziges Glas Champagner. Dabei ist es dann auch geblieben. Er ist enttäuscht, es ist ihm deutlich anzusehen. Er hat mich dann nach Hause gefahren. Ich bin dann hoch in die Wohnung im 5. Stock, allein. Puh, ich bin froh, noch einmal unversehrt davon gekommen zu sein. Es ist doch nicht so ein einfacher Schritt, das aufzugeben, was ich jetzt schon achtzehn Jahre mit mir herumtrage.

Am Dienstag habe ich ihn angerufen und ihn für das kommende Wochenende in mein kleines Zimmer zu Kaffee mit selbst gebackenen Kuchen eingeladen, Heimspiel sozusagen.

DER ERSTE AKT
Du hast mir einen großen Strauß Frühlingsblumen mitgebracht und eine Flasche Champagner Veuve Clicquot. Bei einer Tasse Kaffee und Kuchen sollte es nicht bleiben. Es kam so, wie es kommen musste, wie es kommen sollte, weil ich es jetzt so wollte. Das erste Glas Champagner habe ich vor lauter Nervosität in einem Zuge ausgetrunken. Nach dem ersten Glas mundete auch das zweite, das dritte prickelte in der Nase und im Kopf; ich war ganz schön locker. Romantische Musik zum Träumen, nette Komplimente, kleine freche Anzüglichkeiten, flüchtige Hautkontakte, einige Tänzchen auf Socken und deine Hände an meinem schon kribbelnden Körper, das ermattete Hinsinken auf die Liegecouch. Meine Scheu und meine Ängstlichkeit sind im Schampus ertrunken, ich bin angeheitert, nervös und aufgekratzt gleichermaßen und merkwürdig erregt. Ein wenig Streicheln, dein heißer Atem in meinem Nacken, das leichte Streifen deiner Hand über meinen Brust, dein inniger Kuss, dein fester Griff an mein Gesäß, das Kribbeln in meinem Bauch …
Ein Gläschen Champagner noch, deine Hand fest auf meinem Busen, meine halbherzige Abwehr, unser Lippenkontakt, deine Zunge, die sich zwischen meine Zähne drängt, mein stilles Nachgeben, dein nachdrückliches Fordern, deine Hand gleitet in meinem Slip ...
»Mein Gott, stell dich nicht so an ...«, denke ich mir, »... lass dich einfach gehen, irgendwann muss es sein ...«.
 Mein zaudernder, vorsichtiger und neugieriger Griff an deine Hüfte, an deinen Schenkel und dann zögerlich und neugierig zwischen deine Beine. So ganz nüchtern bin ich nicht mehr. Du reißt mir fast grob meine Klamotten vom Leib, aus purer Geilheit. Du willst mich und ich will dich, – jetzt und gleich. Dein Hemd zerreißt, während du dich deiner Hosen und der Socken entledigst. Du wirfst dich auf mich, drängst dich zwischen meine leicht geöffneten Schenkel ...
Meinen erschreckten Gesichtsausdruck, meinen kleinen, spitzen Schrei hast du wahrgenommen, einen kurzen Moment innegehalten, ihn wohl für den Ausdruck meines Verlangens gehalten und mir dann meinen Mund mit deinen Lippen verschlossen ...

DER ZWEITE AKT
Nachdem du dich von mir zurückgezogen hast, ist es dir aufgefallen, die Flecken auf dem Laken, – da ist es dir klar geworden: ich bin Jungfrau, – gewesen. Du bist irritiert und betroffen, so scheint es mir, und mit einem Schlage nüchtern. Dauernd stammelst du vor dich hin, du hättest es merken müssen, meine Unerfahrenheit, mein Zögern, meine Passivität, das Geschehen lassen, du hättest es wissen müssen. Hätte, hätte, hätte, – passiert ist passiert.
Es ist okay für mich, – ich habe es so gewollt.
Du bist dann unter die Dusche gegangen. Du hast mich verwirrt und vollkommen durcheinander zurückgelassen. Unter dem warmen Wasser ist deine Verstimmung dann scheinbar verflogen. Als du zurückgekommen bist hast du mich unter das Badetuch genommen, warme Haut auf heißer Haut. Dann hast du dich entschuldigt; – es hat ehrlich und aufrichtig geklungen. Du hast mir ins Ohr geflüstert, dass wir noch einen langen und schönen Abend vor uns haben, den ich niemals vergessen werde, und nun darf ich dich zur Abwechslung mal verwöhnen. Dann hast du mir gezeigt, wie du es gerne hast.

Es war eine lange Nacht, eine sehr, sehr lange Nacht, und sie dauerte bis in den früh- en Morgen. Es war eine Nacht voller Überraschungen und Aufregungen, eine Nacht voller rosaroter Wolken, Ohnmachten und Unerwartetem, Abartigkeiten und blüten- übersäten Momenten, durchsetzt mit dornigen Augenblicken, Ekel und Wonnen …

Als die Morgensonne in mein Fenster blickt, war ich vor Erschöpfung schon eingeschlafen. Als ich Stunden später aus der Dusche zurück ins Zimmer komme, da warst du schon weg. Wahrscheinlich Brötchen holen zum Frühstück, – wie lieb von dir. Ich habe lange auf dich gewartet, sehr lange.
Du bist den ganzen Tag nicht zurückgekommen.
Am Abend bin ich dann aus der Wohnung, um dich zu treffen.
Du hast nicht geöffnet, du bist nicht dort gewesen.
Meine Anrufe hast du nicht entgegen genommen, meine Handy-Nachrichten nicht beantwortet und auf meine Briefe nicht reagiert. Ich liebe dich doch und du liebst mich doch auch. Ich verstehe das alles nicht, ich bin verzweifelt und ratlos.

DIE VERZWEIFLUNG
Die darauf folgenden Tage, Wochen und Monate haben sich träge dahingeschleppt, ohne Hoffnung und ohne Zuversicht. Die Stunden und Tage waren zahllos und unendlich, die Nächte unruhig und schlaflos. Niemand nimmt die Einsamkeit wahr, die mich umgibt und gefangen hält mit kalten Klauen. Hanne kümmert sich rührend um mich, doch sie kann mich auch nicht aus dem Kerker der Resignation befreien. In mir lodert ein Feuer, das mich verbrennt, doch Kälte und Finsternis haben ihre Arme um mich gelegt und halten mich fest umschlungen. Das Licht ist fahl geworden und die Wärme erloschen, seitdem du dich von mir abgewendet hast. Du fehlst mir, – schon zwei Schritte von dir beginnt meine Einsamkeit. An den langen Abenden und den endlosen Wochenenden sitze ich in meinem Zimmer und träume von dir. Ich vermisse dich in den langen, dunk¬len Stunden der Wintertage, ich vermisse dich in den kurzen, kühlen Stunden der Sommernächte.
Kein herzliches Wort, keine leidenschlaftliche Umarmung, kein zärtlicher Kuss von dir. Nur der spärliche Schein einer Kerze spendet mir ein wenig Wärme und ihr matter Rauch streicht kühl über meinen Mund.
Auch die leisen Worte, die du in meinen quälenden Träumen zu mir sprichst, sie ermuntern mich nicht. Ich bin traurig und einsam ohne dich. Meine Wünsche und meine Hoffnungen versinken still mit stummem Schrei im Morast meiner Verzweiflung. Ich bin unglücklich und ruhelos. Ich suche deine Nähe seit Tagen, seit Wochen und Monaten.

DAS WIEDERSEHEN
Seit dem Tag, an dem du dich wortlos aus meinem Leben verabschiedet hast, hoffe ich auf ein Wiedersehen, einen neuen Anfang. Du bist mir so vertraut wie mein eigenes Leben. Bevor ich dich sah, kannte ich dich schon, bevor ich dich traf, liebte ich dich schon, seitdem ich dich kenne, verzehre ich mich nach dir. Wenn morgens mein Wecker klingelt, stehst du mit mir auf, du begleitest mich den langen Tag und du legst dich zu mir in der Nacht, du streifst durch meine unruhigen Träume und lässt mich nicht schlafen.
An diesem Sonntag habe ich nach einer unruhigen und albtraumschweren Nacht den ganzen Tag in Erinnerungen und mit Tränen verbracht. Die erfrischende Kühle der Abendstunden streicht durch mein Zimmer und vertreibt die drückende Schwüle des Tages. Ein paar Schritte durch den Tiergarten werden mir jetzt gut tun.
In dieser kühlen Sommernacht begegne ich dir. Unerwartet und unverhofft stehst du vor mir. Mein Herz setzt für einen kurzen Moment aus, um dann wie wild zu schlagen. Wir stehen uns gegenüber, wortlos, überrascht, Minuten lang. Ich will die schmerzende Wortlosigkeit zwischen uns beenden, hier, jetzt, – und für immer. Langsam gehe ich mit bangem Herzen auf dich zu, ängstlich und hoffnungsvoll zugleich, Schritt für Schritt. Meine Gefühle und meine Sehnsüchte wogen in mir, drängen in mein Bewusstsein, legen einen feinen Schleier der Hoffnung über meine Gedanken. Du kommst mir entgegen, zögerst, bleibst stehen, zwei Schritte von mir. In mir keimt zart das Gefühl der Zuversicht.

HOFFNUNG
Ich blicke dir in die Augen, Sekunden verrinnen und Minuten enteilen, Stunden scheinen zu vergehen. Wir stehen uns gegenüber, zwei Schritte voneinander getrennt, wortlos, regungslos wie zu Anbeginn der Zeit, vor schier endlosen Unendlichkeiten. Wir sehen uns an, erkennen einander und ich sehne mich danach, in deinen Augen das zu lesen, was meine Erstarrung lösen kann, das bedrohlich Unerkannte begreiflich macht, das mich gefangen hält. Ich fühle, dass wir uns nah sind trotz des trennenden Abstands.
Nur noch zwei Schritte Einsamkeit liegen zwischen uns. Ich möchte die endlosen Tage der Freudlosigkeit und der Trauer vergessen, mich in deine Arme begeben und deine Stimme soll mich verzaubern, deine Hände meine Unruhe und Freudlosigkeit aus meinem Körper streicheln. Ich möchte deinen warmen Atem auf meinem Gesicht fühlen, deine Hände zärtlich auf meiner Haut spüren, ich will aus dem Gefängnis meiner Apathie und meiner Unentschlossenheit fliehen in das Paradies der bunten Träume und des Blütenhimmels mit den Wiesen der erfüllten Hoffnungen und dich mit mir nehmen. Meine Gedanken sind bei dir, mein Herz verlangt nach dir, mein Körper schreit nach dir, nachdrücklich und laut, er fordert dich, jetzt, in diesen Augenblick.

ERWARTUNG
Quälend lange habe ich mich danach gesehnt, dich wieder zu sehen. Ewigkeiten habe ich gehofft auf diesen Moment der Begegnung. In diesem Augenblick, in dieser Nacht soll der Sternenhimmel nur uns gehören und Musik mit rhythmischen Klängen die Luft erfüllen und tanzende Noten den Wind verzaubern und der milde Lufthauch der Zärtlichkeit uns in den Himmel der Erfüllung tragen. Bedächtig strecke ich dir meine Arme entgegen, öffne langsam meine Hände, gehe einen der uns noch trennenden Schritte auf dich zu, um meiner Einsamkeit zu entfliehen.
Mein Körper zittert vor Erinnerung, bebt bei dem Gedanken an meine Sehnsucht, mein Verlangen, meine Hingabe. Mein Mut ängstigt mich und eine leise Ungewissheit trübt mein Wohlgefühl.
Ich zaudere, zweifle und schicke mich an, umzukehren, zu fliehen, den wirbelnden Noten in meinem Kopf und der lieblich süßen Melodie aus Freude, Sehnsucht und Verlangen zu entkommen. Mein Boden wankt unter diesem Schritt, langsam schwindet meine Zuversicht.

BERÜHRUNG
Du wagst den zweiten Schritt und nimmst der Einsamkeit den Raum zwischen uns. Behutsam legst du deine Hände auf meine zitternden Schultern. Ich spüre die Wärme, die vermisste Vertrautheit durch meinen Umhang. Das salzige Nass der Verzweiflung rinnt über meine Wangen, von süßen Tränen der Hoffnung gefolgt; eine Woge aus Erleichterung und Zuversicht, eine Springflut der Emotionen brandet über mein Gesicht. Nebelschwaden der Sehnsucht umfangen mich, ein Sturm der Gefühle braust durch meinen Kopf, Verlangen rast feurig und gierig durch meinen Leib, verschlingt meine Gedanken. Der Rhythmus der Leidenschaft durchdringt mich, mein Blut pulsiert in ihrem Takt, jede Faser meines Körpers beginnt vor Erregung zu zittern, unendliche Zuneigung wogt durch meinen Körper, Hingabe, heißes Verlangen nach dir, nach deinen Zärtlichkeiten, nach deiner Kraft. Ich bin mir sicher, in diesem Moment habe ich dich für mich gewonnen, für immer, – und für alle Zeiten, – für ewig.
Deine Hände gleiten langsam von meinen Schultern über meine Arme hinunter. Wendest du dich von mir ab?
Verzweiflung löscht das helle Licht, die lodernde Glut in mir.
Meine Hoffnung, meine Zuversicht, – sie schwinden.
Meine Augen füllen sich mit den Tränen der Verzweiflung, mein Blick verschwimmt. Habe ich verloren, was ich soeben wiedergefunden?
Totenstille herrscht um mich herum.
Keine Regung in meinem erstarrten Gesicht.
Erschrecken.
Entsetzen.
Kein Herzschlag klopft in meiner Brust.
Leblosigkeit ergreift mich.
Bodenlose Angst greift mit kalter Hand nach mir.
Schiere Verzweiflung packt mich, das blanke Entsetzen drückt mir den Hals zu, Wahnsinn hüllt mich ein ...

ZUVERSICHT
Durch die Tränenflut nehme ich plötzlich dein lächelndes Gesicht wahr. Deine Hände strecken sich mir entgegen: »Komm.«
Bestimmt und fordernd dringt es aus deinem Mund. Zart gehaucht dringt meine Zustimmung an mein Ohr. Ängstlich berühre ich deine Hände, mein Entsetzen, meine Angst weichen neuer Zuversicht, meine Starre löst sich, – langsam und stetig. Das Gefühl, das Leben kehrt zurück. Meine Knie´, – kraftlos, sie geben nach, – ich sinke, – ich falle, – ich stürze ins Bodenlose ...

Du fängst mich auf, hältst mich und gibst mir neues Vertrauen. Hoffnung ermutigt mich, richtet mich auf. Mein Kopf ruht an deiner Schulter, sinkt an deine Brust, müde von Gefühlen, träge vor Glück, willenlos, hemmungslos, hilflos. Erneut rinnen Tränen über mein Gesicht. Du beugst dich mir zu, dein wallendes Haar berührt meine Stirn. Deine Lippen finden die meinen, kosten die salzigen Kristalle meiner Verwunderung, die Tränen meiner Angst, die Tropfen meiner Hoffnung, die Juwelen meiner Sehnsucht, die Perlen meines Glücks von den Wangen und Lippen.
Ich schließe meine Lider, ich spüre deinen samtigen Atem auf meinem Gesicht, den kosenden Hauch in meinem Nacken; Begierde macht mich trunken, unruhig und nervös. Die Worte sind in diesen Sekunden entschwunden und die Sprache hält in diesem verzauberten Moment den Atem an, – beruhigende Stille um mich herum. Meine Gedanken, die Vergangenheit, meine Sehnsucht, die Zukunft, meine Lust mich hinzugeben, deine Gegenwart. Einbildung, Wunschdenken, Wirklichkeit oder nur ein Traum?

VERTRAUEN
Ich spüre, dass du mich vom Boden hebst und in deinen Armen trägst. Du hältst meinen Kopf zärtlich in deiner Hand und nah an deinem Gesicht. Ich atme die Sommernacht, den kühlen Duft der Bäume, der grünen Wiesen Tau und bunter Blumen Farbe, die milde Zärtlichkeit der Nacht und den betörenden Geruch deiner Haut.
Langsam schwinden mir die Sinne, ich gleite aus dem Alltagsgrau der Wirklichkeit in die helle, blumige Welt der Fantasie, der farbenfrohen Träume. Du bettest mich in das abendkühle Gras. Mich fröstelt leicht, du beugst dich zu mir, kommst über mich und gibst mir Schutz, umhüllst mich wie ein wärmendes Tuch. Tausend und Abertausend Gedanken drängen in meinen Kopf, wirbeln durcheinander, verharren kurz, entschwinden, um wiederzukehren und zu verblassen, erneut aufzukeimen bis mein Verlangen alle erstickt.
Schmeichle meinem Leib, schmecke mit deinen Lippen zart die meinen, knabbere lustvoll an meinen Ohren, verbrenne meinen Hals mit deinen Küssen. Atme den Duft meiner Sehnsucht ein und blicke tief in meine Augen, um zu ergründen, was dort für dich verborgen ruht. Lass dich kosen, zart mit meinen Händen schmeicheln, versenk dich tief in meinen Schoß.
Erwartungsvoll und erregt spüre ich, wie du mir – Knopf um Knopf – das Oberkleid öffnest; leicht wie eine Feder weht es meinem Körper fort. Die Brüste sind nun frei und ungebunden. Liebevoll und zärtlich streichelst du die rosa Knospen, die dir verführerisch meine Lust verraten. Mit deinen Händen und mit deinen Lippen herzest du die eine, dann ihre Schwester. Nervös gleitet deine Hand vom Busen hinunter über meine Hüften den wölben Bauch hinab, die Nabelgrube flüchtig streichelnd auf dem Weg zum Schoße hin. Zögerlich schleichen sich deine Finger in den Rock hinein, bahnen sich den Weg zur Scham hinab, um fordernd bald, bald kosend zart die Lippen zu umschmeicheln und flüchtig kurz hineinzugleiten.
Langsam hebe ich mein Becken vom Grase ab, um den Rock von den Hüften zu streifen, gefolgt vom Stoff, der schamhaft noch meine Nacktheit deckt. Sehnsuchtsvoll, erregt und hüllenlos erwarte ich dich mit bittend dir entgegengereckten Armen. Deine Lippen finden die meinen, meine Lider sind geschlossen, flittern sinnlich vor Erinnerung. Deine Arme winden sich um meinen Körper und eng verschlungen, Haut auf Haut, singen wir glückselig die himmlische Melodie. Der Zauber schlägt mich in seinen Bann, trägt meinen Leib behutsam fort in sinnliche Sphären. Ich halt dich fest, umspanne deinen Körper, – jetzt und für alle Zeiten.
Mein Atem flieht dem Munde schneller, stockt in Momenten; genussvoll sind meine Augen mal geschlossen, mal schauen sie weit geöffnet des Himmels Sterne; mein Wohlgefühl bahnt sich aus meiner Brust empor, dringt zu dir hin, meine Schreie der Lust klingen in meinen Ohren. Ich genieße deine wohltuende Nähe, die Vertrautheit deines Körpers, deine entbehrten Liebkosungen, das rhythmische Schwingen unserer Leiber im Takt der Gefühle, deine Kraft, deine Ausdauer, die brennende Glut in meinem Becken, mein Erfülltsein ...
Trunken vor Wonne und Glück geht mir noch bewusst ein letzter Gedanke durch meinen Kopf, kurz bevor mir die Sinne schwinden: – endlich hab´ ich dich wieder ...

ERNÜCHTERUNG
Die ersten Sonnenstrahlen des beginnenden Morgens kitzeln meine Nase und streicheln zärtlich über meine Wangen. Ich nehme den Duft deines Körpers wahr, der gefangen ist in deinem Mantel, der mich vor der Morgenkühle schützend wärmt. Langsam öffne ich blinzelnd meine Augen. Ich erblicke dich, ich erkenne dich, – ich erinnere mich. Ein Lächeln zaubert sich auf mein Gesicht. Der sinnliche Rausch der letzten Nacht, die erfüllten Stunden des Glücks, die Unendlichkeit der Wonnen, die Seligkeit, die Gemeinsamkeit sind mir gegenwärtige Erinnerungen in diesem Moment unendlichen Glücks. Ich habe dich wieder für mich gewonnen, – für imme.
Zuneigung, Glück und Triumph steigen in mir auf, verklären mir die Sinne, mein Herz läuft über und eine einsame Träne rinnt über mein lächelndes Gesicht ... Du sitzt angelehnt, den Baum im Rücken und rauchst eine Zigarette. Du lächelst mich an, – seltsam abwesend, gedankenverloren.
Dein Blick schweift über mich hinweg in die Ferne, dorthin, wo am Abend glutrot die Sonne untergehen wird. Ein Zug an der Zigarette, ein schneller zweiter folgt nervös. Du stehst auf, wendest dich mir zu, dein Schatten wird lang in der Morgensonne. Nach fünf, sechs zögerlichen Schritten gleitet er über mich wie eine unheilvolle Wolke. Du beugst dich zu mir, streckst mir deine Hand entgegen, ich reiche dir die meine, mir aufzuhelfen.
Du zögerst, auf halbem Wege ziehst du deine Hand von mir zurück, schaust mich an, berührst den Kragen deines Mantels, ziehst ihn sacht und mich entblößend von mir ab. Die Morgenkühle streicht mit leichter Hand über meinen nackten Körper und lässt mich frösteln. Ich bin irritiert, Verwunderung trübt meine Gedanken ein und legt meine Stirn in fragende Falten. Mit starrem Blick suche ich verunsichert deine Augen. Du schaust mir ins Gesicht, kurz nur, fast scheu und richtest dich auf. Dein Schatten gleitet über mich, dunkel und kühl, bedrohlich und unheilvoll. Du wirfst dir den Mantel über deine Schultern und sprichst zu mir in meiner Nacktheit.
Aus dem Nebel meiner Verwirrung dringt der Klang deiner Stimme an mein Ohr. Behutsam und bedächtig nehmen deine Worte in meinem Kopfe Platz, vorsichtig und zögerlich, ängstlich fast als wollten sie mich nicht erschrecken, – langsam aber stetig schleicht sich ihre Bedeutung in meinen Verstand, Buchstabe für Buchstabe, Silbe für Silbe wird mir der Sinn deiner Worte bewusst, das Unverständnis weicht dem Verstehen ...

Weißglühendes Eisen rast urplötzlich durch meine Adern.
Meine Augen weiten sich, starr und stier in blankem Entsetzen.
Das Kinn sinkt mir herunter.
Mein Mund steht offen.
Mein Atem stockt, flieht aus meiner Brust.
Bleischwer sinken mir Arme und Beine zu Boden, kleben an ihm fest.
Mein kochendes Blut gefriert mit einem Schlage.
Die Gedanken entrinnen meinem Kopf.

Mein Herz setzt aus bei deinen Worten, die tonnenschwer über mich walzen, noch ehe mich die Ohnmacht gnädig umfängt und ihren schützenden Umhang über mich breitet: »Leb wohl, es war das letzte Mal, – mein Schatz.«

ERWACHEN
Das beruhigende Rauschen des Windes im Laub der Bäume dringt in mein Bewusstsein. Das gleichmäßige Piepen der Vögel dringt an mein Ohr. Wohlige Wärme umgibt mich, hüllt mich ein wie die Arme meiner Mutter in meiner Kindheit. Ich fühle, wie ich auf weichem Moos ruhe, umgeben von Gras, Blumen und Schatten spendenden Bäumen. Der Geruch erdigen Bodens zieht in meine Nase, frisch gebrochener Ackerboden.

Stille.
Weder Motorengeräusche in der Ferne noch das Schlagen von Kirchenglocken stören diese Idylle. Ich genieße diese Ruhe für einen kurzen Moment der Entspannung. Meine Sinne werden langsam wach und aufgeweckter, werfen die Schläfrigkeit beiseite, wie nutzloses Beiwerk. Die Geräusche, die an mein Ohr dringen, erscheinen mir jetzt eingeengt, reflektiert, widerhallend und unnatürlich.
Etwas stimmt nicht mit meiner Wahrnehmung. Das Piepen der Vögel ist zu eintönig, zu gleichbleibend und ungewohnt bizarr. Auch das Blätterrauschen ist zu gleichförmig und kräftig und wiederholt sich immer und immer wieder. Mehr ein leise pustendes und dann ein sanft saugendes Geräusch. Der Geruch der Erde wird zunehmend fremd. Riecht irgendwie sauber und steril und kribbelt leicht in der Nase wie Chlor.

Sinnestäuschungen? Auf jeden Fall sehr merkwürdig und irritierend. Langsam und voller Erwartung öffne ich meine Augen und erblicke eine weißgraue Zimmerdecke über mir. Ich bin verwundert und verwirrt. Angst und Neugier überkommen mich. Wo bin ich hier? Wie komme ich in dieses Zimmer, in dieses Bett? Ich erkenne den Geruch des Zimmers, er wirkt vertraut …
Ich schaue an mir herunter. Ein weißes Laken bedeckt mich; – bin ich tot? Nein, das Laken würde sonst über meinem Gesicht liegen. Mein Erschrecken lässt nach, ich wende meinen Kopf, um mir einen Überblick zu verschaffen. Ein weißer Nachttisch, eine Nische mit Spiegel und Waschbecken, ein weißes Handtuch am Haken neben dem Spiegel, ein mir fremder Bademantel … Ich blicke zur anderen Seite. Meine Augen huschen an einem Bild an der gegenüberliegenden Wand vorbei: Poster, Kaufhausbild, Farbdruck, Gemälde …?
Mein Blick fällt auf ein Fenster, auf gardinenlose Scheiben, durch die Lamellen eines Sonnenschutzrollos nach draußen … Ein sonniger Tag, blauer Himmel, wolkenlos. Welche Jahreszeit haben wir? Herbst, Frühling, Sommer, Winter? Ich liege in einem Krankenhauszimmer! Meine Gedanken schlagen Purzelbäume, laufen wirr durcheinander, stürzen, rappeln sich wieder auf, fallen übereinander …

Was mache ich hier? Was ist passiert? Erinnern, ich muss mich erinnern. Was ist mit mir passiert? Wie komme ich hierher? Hier in dieses Krankenhausbett? Was ist mir geschehen?
Ein Autounfall? – Ich hebe das mich bedeckende Laken hoch, schaue an meinen Körper hinunter, – weder ein Gipsverband an meinen Gliedern noch irgendein Pflaster auf meiner Haut, keine sichtbaren Verletzungen, keine frischen Narben, – nichts. Ich ertaste meinen Kopf, er ist nicht bandagiert. Ich richte mich auf, wende meinen Blick zum Spiegel über dem Waschtisch. Keine Schrammen in meinem Gesicht. Ich konzentriere mich auf das kunterbunte Chaos meiner Gedanken. Nicht so hastig, nicht so durcheinander, langsam und ruhig, – r u h i g.
Die Gedankenflut sortieren, – Ordnung in das Durcheinander bringen, klar denken, mich erinnern. Nach und nach gelingt es mir, die anfliegenden Gedanken der Reihe nach in meinem Kopf landen zu lassen. Meine anfängliche Aufgeregtheit, die anschwellende Panik macht zunehmend einer spannungsgeladenen Gelassenheit Platz. Warum ich hier liege, kann ich mir nicht erklären; mir geht es offensichtlich prima, so wie ich mich fühle. Langsam denke ich auch wieder logisch. Krankenhaus, Schwester, ich sollte mal nach einer Schwester klingeln. Ich sollte mal fragen, was mit mir los ist, warum ich hier bin.

SCHOCK
Die Krankenschwester betritt mein Zimmer. Eine rundliche, Ruhe ausstrahlende Frau um die Fünfzig, freundliches Gesicht, Sorgenfalten. Erwartungsvoll stelle ich meine Fragen, hastig hintereinander, viele, viele Fragen. Sie tritt an mein Bett, beruhigt mich mit sanfter Stimme und streicht tröstend über meinen Kopf.
Der Arzt wird in ein paar Minuten kommen, um mir meine Fragen zu beantworten. Warten, unruhig auf den Arzt warten. Meine Gedanken kommen und gehen, ohne Hektik, geordnet jetzt.
Was mag mit mir geschehen sein? Kreislaufkollaps? – Eher nicht, ich treibe doch Sport, und das regelmäßig. Ich zermartere mir mein Hirn, um herauszufinden, was mir passiert sein könnte; ich finde keine Erklärung, sehe keinen Sinn, – und warte.

Nach einem Minuten anhaltenden Gedankenspiel erscheint der Arzt, älteres Semester, Familienvater, tiefe Falten im Gesicht, überarbeitet, nachdenkliches Gesicht, Sorgenfalten …
Sorgenfalten, schon wieder diese Sorgenfalten. Ich werde erneut etwas unruhig. Er setzt sich auf das Bett, fragt, wie es mir geht, nimmt meine Hand, fühlt meinen Puls und beantwortet meine Fragen …
Ein Krankenwagen hat mich vor drei Tagen hier eingeliefert. Zwei junge Mädchen haben mich auf ihrem Weg zur Schule unbekleidet im Park gefunden. Sie haben die Polizei gerufen. Der Streifenwagen ist zusammen mit dem Krankenwagen dort angekommen. Danach bin ich hier eingeliefert worden, unterkühlt und immer noch bewusstlos. Das war vor drei Tagen, am letzten Montag. Drei Tage Ohnmacht ist nicht lebensbedrohlich, aber doch bedenklich. Die Apparate und der Tropf dienen der Überwachung und der Zufuhr von Elektrolyte und Flüssigkeit und können jetzt abgeschaltet werden. Morgen früh werde ich entlassen.
»Aber zuerst gibt es was zu essen, – Sie müssen doch Hunger haben, so drei Tage ohne was Richtiges im Magen.« Der Arzt lächelt schwach.
Aufmunternd schaut er mich an und tätschelt meine Hand: »Es wird schon wieder.«

Nackt habe ich unter einem Baum gelegen. Meine Kleidung lag verstreut auf der Wiese umher, die Schuhe, der Umhang, Bluse, Socken, Unterkleidung … Ich bin beunruhigt und frage weiter, ich will wissen warum. Die Polizei hat im nahen Umfeld die vorhandenen Spuren gesichert, einige Fußabdrücke im weichen Boden, eine Zigarettenkippe und Stofffasern an einer Baumrinde. Ob ich denn keine Erinnerung an den Vorfall habe? – Nein, ich kann mich nicht entsinnen, ich bin aufgeregt und beunruhigt.
Vor drei Tagen, – Montag. Habe ich am Sonntag die Diskothek besucht? – Ich erinnere mich nicht, beim besten Willen nicht. Zuviel Drinks? Volltrunken, Delirium, Filmriss? – Mein Gott, ich habe noch nie in meinem Leben übermäßig getrunken, vielleicht mal drei, vier Cocktails an einem langen Abend, nie mehr. Keine Erinnerung, keine Ahnung, keinen blassen Schimmer ...
Vielleicht bin ich ein Opfer von KO-Tropfen in einem Longdrink geworden? – Das wäre eine Erklärung; es soll schon gelegentlich vorgekommen sein in dieser Diskothek, hörte ich.
Nackt im Park. In mir steigt eine beängstigende Beklemmung hoch, eine vage Ahnung verdichtet sich zunehmend und wird letztendlich zur Gewissheit.
Die Untersuchung nach meiner Einlieferung im Krankenhaus hat zweifelsfrei ergeben, dass ich vergewaltigt worden bin, – mehrfach. Auch die vorhandenen Spuren von Samenflüssigkeit sind gesichert worden wie auch die Hautfetzen unter meinen Fingernägeln, – zur DNA-Analyse.
In mir kocht für einen kurzen Moment die Wut hoch und gibt dann den Platz frei für eine unsägliche Verzweiflung. Scham und Trostlosigkeit steigen in mir auf und legen sich auf meine Brust wie ein zentnerschwerer, kalter Stein. Tränen füllen mir die Augen und rinnen in stillem Schmerz über mein Gesicht. Ich weine hemmungslos ...

NACHKLANG
Die Schwangerschaft habe ich abgebrochen. An das, was in dieser Nacht geschehen ist, kann ich mich bis heute nicht erinnern. Vielleicht ist es gut so. Das Leben geht weiter. Mein leichter und unruhiger Schlaf lässt mich aus jeder Nacht traumlos in einen neuen, tristen Morgen taumeln.

*

Die folgenden Jahre haben sich träge und freudlos hingeschleppt. Monate ohne Hoffnung vergingen und die Traurigkeit der einsamen Tage und Nächte haben lange Zeit mein Leben bestimmt. In den dunklen Stunden der Wintertage und in den warmen Sommernächten vermisse ich die traute Zweisamkeit, eine starke Schulter und herzliche Umarmungen. Ich bin deswegen niedergeschlagen und einsam, unglücklich und ruhelos.
Meine verzweifelte Suche nach Geborgenheit und Zuspruch, nach einer starken Hand, die mich aus meiner Niedergeschlagenheit führt, hat mich in viele unerquickliche Episoden geführt. Viele endeten schon nach Stunden, nach einer freudlosen Nacht, nach einem schnellen Rausch, einige überdauerten wenige Tage in der Hoffnung auf Verständnis und Aufrichtigkeit, Schutz und Wärme. Ich fürchte, ich bin überhaupt nicht mehr fähig, eine Bindung einzugehen.
Ich glaube, ich finde keinen Menschen mehr, der mich versteht, der mir zuhört, der aufrichtig zu mir ist, der die Geduld aufbringt, meinen Panzer zu durchbrechen. Ich ersticke in meinen Depressionen, ich bin gefesselt in meiner Zaghaftigkeit, ich bin gehemmt in meiner Mutlosigkeit ...

ZARTE HOFFNUNG
Vorgestern habe ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag bei Hanne und ihrer Familie gefeiert. Es war ein warmer, sommerlicher Tag, dieser achte August. Und ich habe heute gelächelt, zum ersten Mal seit ...
Es gibt jetzt Tage, an denen es mir gelingt, Hoffnung zu schöpfen.
Es gibt jetzt Stunden, in denen ich gewillt bin, auf Menschen zuzugehen.
Es gibt jetzt Minuten, in denen ich zaghaft denke, dass es eine Zukunft für mich gibt. Es gibt jetzt Augenblicke, in denen ich dem Blick eines Mannes nicht mehr ausweiche. Es gibt jetzt Momente, in denen ich verzeihen kann.


* * *



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