14.09.2010

Bild zu Ich würde mich durchaus als toleranten Mann bezeichnen. So habe ich noch nie meinen Unmut zu erkennen gegeben, wenn meine Freundin mal wieder ihre ach so geliebten Vorabendserien anschaut, wenn sie mal wieder nachts aufsteht, um sich aus dem Kühlschrank ein winziges Stück Schokolade mit Joghurtgeschmack zu nehmen und es sich einzuverleiben oder wenn sie während gewisser Tage zeitweise weniger erträglich ist. Doch bei einem Thema stößt meine Toleranz an Grenzen: Schuhe. Wie kann ein einziger Mensch 78 Paar davon besitzen und trotzdem ständig das Bedürfnis verspüren, diese riesige Sammlung noch zu erweitern? So hatte ich erst letzten Samstag diesbezüglich ein Erlebnis, was ich so schnell nicht aus meinem Gedächtnis streichen werde:

Ich ging mit Janina die völlig überfüllte Einkaufsstraße entlang, als ich merkte, wie sie von Schritt zu Schritt unruhiger wurde. Um zu begreifen, was vor sich ging, hob ich meinen Kopf und konnte sofort die großen Lettern erkennen, die ungefähr noch 30 Meter von uns beiden entfernt waren. "Schuhe Meier" prangte in großen leuchtenden Buchstaben vor meinen Augen. Nun war nicht nur meine Freundin nervös, sondern auch bei mir begannen die Alarmglocken zu schlagen. Was sollte ich nun tun? Sollte ich mich umdrehen und panisch wegrennen oder sollte ich mich der aussichtslosen Situation stellen? Es half alles nichts. Ich war mit dieser durchaus attraktiven und in vielen Phasen auch erträglichen Person zusammen, also musste ich auch gewisse Torturen, wie die mir bevorstehende, auf mich nehmen. Gewillt stark zu bleiben, schritt ich also mit meiner Freundin Meter um Meter dem Unheil entgegen.

Ich konnte förmlich spüren, wie Janinas Puls mit jedem Schritt anstieg und gleichzeitig ihr Gang immer wackliger und sichtbar unsicherer wurde. "Was ist los Schatz? Wieso bist du so nervös und wieso läufst du auf einmal so komisch?", fragte ich meine Freundin. "Mensch, Bernd. Irgendwie kann ich in den Schuhen nicht mehr gut laufen. Ich brauche dringend neue!" antwortete meine bessere Hälfte und war scheinbar davon überzeugt, mich mit diesem billigen Trick reinlegen zu können. So ziemlich jedesmal, wenn wir uns in der Nähe eines Schuhgeschäfts befanden, brachte Sie diese Sätze hervor. Wie immer argumentierte ich daraufhin mit folgenden, aus meiner Sicht nachvollziehbaren, Worten: "Häschen, du hast gefühlt 1000 Paar Schuhe zu Hause. Wieso musst du dir denn jetzt noch eins kaufen?" Dieser Aussage konnte Janina verständlicherweise nichts entgegensetzen, also versuchte sie auf andere Art und Weise in den Schuhladen zu kommen.

"Bernd, mir ist schlecht! Ich brauche ein Glas Wasser. Vielleicht kann ich in diesem Geschäft eins bekommen", meinte meine Freundin, während sie mit dem Zeigefinger auf die Türe zeigte, durch die ich keinenfalls schreiten wollte. Auf diese Finte würde ich nicht reinfallen, dachte ich so bei mir, bis ich mich schließlich wenige Augenblicke später mit Janina zusammen an dem Ort des Grauens wiederfand. Hier schien es meiner Freundin schon viel besser zu gehen und so verschwendete sie keinen Gedanken mehr an ein Glas Wasser, sondern wendete sich vielmehr den Schuhen zu, von denen reichlich - für meinen Geschmack sogar viel zu viele - in diesem Geschäft vorhanden waren.

Janinas Augen leuchteten, während sie vor den Regalen mit der Beschriftung "38" stand. Sie drehte sich kurz zu mir, so dass ich ihr Strahlen und ihr breites Grinsen gut sehen konnte. Dann widmete sie sich wieder ihrer größten Leidenschaft und probierte ein Paar nach dem anderen an. Das Schlimme daran war nicht, dass ich eine geschlagene Stunde dasitzen und dem Spektakel zuschauen musste, sondern dass meine Freundin mich ständig fragte, was ich von den Tretern, die sie gerade an den Füßen trug, halten würde. "Ja, schön! Können wir jetzt gehen" oder "Nimm die!" waren z.B. meine Antworten, die allesamt darauf abzielten, diesen Ort schnellstmöglich zu verlassen. Doch Janina schien gar nicht darauf zu hören, was ich zu den Schuhen zu sagen hatte und schien in einem Rausch des Anprobierens und Bewunderns gefangen zu sein.

Nachdem sie sämtliche Paare, die es in ihrer Größe gab, angezogen hatte, stand meine bessere Hälfte etwas fragend vor dem Regal und dem Haufen anprobierter Schuhe und war kein bisschen schlauer als vor dem Betreten des Ladens: "Mann, Bernd. Die sind alle so toll! Ich kann mich gar nicht entscheiden! Ich glaube ich probiere die noch mal an... und die... und die...". So vergingen weitere qualvolle Minuten für mich, bis Janina ihre Entscheidung endlich getroffen zu haben schien. "Ok, Bernd", sagte sie zu mir. Ich atmete tief durch und war heilfroh, dass das Schauspiel nun ein Ende zu haben schien, bevor ich ihren Worten weiter zuhörte: "Ich nehme diese 5 Paar. Hast du etwas Geld dabei, ich habe leider nicht genug eingepackt und meine Karte habe ich auch nicht mit." Ich wusste, dass sowas kommen würde und fragte Janina, wieviel Geld sie denn bräuchte. Nachdem sie mir eine Antwort gegeben hatte, die mir alles andere als gefiel, gab ich ihr die benötigten 400 Euro aus meinem Portemonnaie und wir gingen gemeinsam zur Kasse.

Und so endete ein aufregender Einkaufsbummel in meinem Leben, denn für weitere Einkäufe war weder Zeit noch Geld vorhanden.



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Kommentar von Kinnie:
(29.09.2010 um 23:23 Uhr)

Angeblich ja, kenne aber auch keinen mit diesem Problem. Eigentich ist es richtig übel, dass ihr beide die einzigen seid, die diesmal in der Liga was geschrieben haben. Teilweise werden noch nichtmal Themen gestellt.

Kommentar von Heinzelmannberater:
(18.09.2010 um 00:18 Uhr)

Nun ja, die Schuhindustrie ist bestimmt nicht traurig darüber, dass manche Frauen einen Tick in dieser Hinsicht haben. Aber es gibt bestimmt auch den einen oder anderen Mann, der Schuhe sammelt... obwohl mir da spontan keiner einfällt.

Kommentar von Kinnie:
(17.09.2010 um 11:22 Uhr)

Nee, gar nicht. Ich hab' (einschließlich Haus - und Turnschuhe) nicht mehr als 10. Aber ich beobachte das Verhalten an anderen. Da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.

Kommentar von Heinzelmannberater:
(16.09.2010 um 13:02 Uhr)

Danke sehr, Kinnie. Hast du auch Schuhe gern?

Kommentar von Kinnie:
(16.09.2010 um 11:13 Uhr)

Herrlich! Du hast das Thema echt gut getroffen. Typisch Heinzelmannberater eben.




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