23.04.2010

Meine Schäflein

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Der Wolf stand auf dem großen Hügel und blickte auf die riesige grüne Wiese, auf der sich Dutzende von Schafen tummelten. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, denn er hatte noch nichts gefrühstückt und sein leerer Magen war gerade im Begriff, ihn an diesen Umstand zu erinnern. Er knurrte unaufhörlich, während der Sabber des Tiers bereits zu Boden tropfte.

Aus der Höhe sah der Wolf, dass der Hirte der Schafherde gerade ein Nickerchen hielt. Weit und breit waren keinerlei Hunde zu sehen, die die Schafe bewachen sollten, so dass das einzige, was den Wolf an der Einnahme seines leckeren Mahls hinderte, der niedrige Zaun war, der die Herde davon abhalten sollte, sich von der Wiese zu entfernen.

Ein immer lauter werdendes Knurren stellte schließlich das Startsignal zu einem wilden unbeherrschten Angriff des Vierbeiners dar, der in einer unglaublich hohen Geschwindigkeit zielsicher auf die Schafherde losstürmte. Der Wolf übersprang mit Leichtigkeit den Zaun und stürzte sich auf das erste Schaf, das er in Bruchteilen von Sekunden verspeist hatte. Danach machte er sich an weitere fünf Opfer heran, die der Wolf in wenigen Minuten komplett verschlang. Danach lief er vollgefressen wieder zurück auf den Hügel und schaute von dort zufrieden auf die dezimierte Schafherde. Er sah, wie der Hirte, der von dem Angriff des Wolfes nichts mitbekommen hatte, immer noch tief und fest schlafend neben seinen Schafen lag. Kurz später drehte sich der Gesättigte um und lief gemächlich zurück nach Hause.

Den Abend verbrachte der Wolf mit etwas Staubwischen und dem Hören seines Lieblingshörspiels 'Der Wolf und die sieben Geislein'. Wie immer ging er pünktlich um 22 Uhr ins Bett, um für die Schafjagd, die er sich für den nächsten Tag vorgenommen hatte, ausgeruht zu sein. Doch in dieser Nacht sollte alles anders sein als sonst.

Der Wolf wälzte sich in seinem Bett hin und her und sprach zu sich selbst: 'Was ist mit mir los? Ich kann doch sonst immer so gut schlafen? Ich drehe mich schon seit einer Stunde hin und her, wie lange soll das denn noch so gehen?' Also begann der Wolf Schafe zu zählen, um endlich seine wohlverdiente Nachtruhe zu bekommen und in einen tiefen erholsamen Schlaf zu sinken: '1... 2... 3...' Er zählte und zählte, doch es sollte anscheinend einfach nicht sein, dass er in dieser Nacht einschlief. '... 141... 142..., das gibt es doch gar nicht', sagte der Wolf, 'selbst die Zählerei hilft nicht mehr. Woran kann das denn liegen?' Er hörte auf zu zählen und dachte eine Weile nach. Plötzlich hörte er eine Stimme:

'Hallo Wolf. Ich bin's, dein Gewissen. Findest du es richtig, dass du heute am Tage wehrlose Schafe gerissen hast? Also ich meine, du solltest dich für dein Verhalten was schämen. Ich würde dir vorschlagen, dass du ab morgen keine Schafe mehr belästigen wirst. Werde doch Vegetarierer. Es ist sowieso viel gesünder, Obst und Gemüse statt Schaffleisch zu essen.'

Der Wolf überlegte kurz und sprach dann zu seinem Gewissen: 'Du hast recht. Ich bin so ein schlechter Wolf. Ich werde nie wieder Schafe töten und nur noch Broccoli, Kohl und Sonstiges essen.' Der Vierbeiner fing furchtbar an zu schluchzen und zu weinen angesichts seines schlechten Gewissens und er wiederholte den Satz immer und immer wieder: 'Ich bin so schlecht,... ich bin so schlecht.' Er warf sich mit seinem Maul heulend in sein Kissen und schlief schließlich doch noch ein.

Am nächsten Morgen war er ein anderer Wolf als zuvor. Er nahm etwas Lauch und Brot aus dem Kühlschrank und aß soviel davon, bis er endlich satt und gestärkt für den vor ihm liegenden Tag war. Dann zog er sein schönstes Holzfällerhemd und seine Lederhose an und ging hinaus in die große weite Welt, besser gesagt genau zu dem Ort, an dem er sich tags zuvor befand, nämlich zu dem Hügel.

Diesmal würde er nicht auf die Schafe stürzen, ganz im Gegenteil. An diesem Tag würde er die armen kleinen Schäflein bewachen, so dass ihnen nichts passieren würde. Er schaute den ganzen Tag lang in die verschiedenen Himmelsrichtungen, um eventuelle Gefahren schon von weitem zu erkennen. Bis in die frühen Abendstunden war nichts Gefährliches zu erkennen, doch plötzlich sah er weit in der Ferne einen schwarzen Fleck, der sich langsam näherte.

Der Wolf machte sich zur Verteidigung bereit. Fünf Minuten später erkannte er, dass aus dem Fleck ein großer schwarzer Bär geworden war, der direkt auf die Schafherde zusteuerte. Mit affenartiger Geschwindigkeit eilte der Wolf in Richtung des Bären, um seine geliebten Schafe zu beschützen. Als sich die beiden Gegner schließlich gegenüberstanden und sich gegenseitig grimmig in die Augen schauten, stand ein blutiger Kampf kurz bevor.

Der Bär zögerte nicht lang, nachdem er erkannt hatte, welche Rolle der Wolf in diesem Spiel einnahm. Das schwarze Ungetüm stürzte sich auf ihn und kratzte und biss ihn, so dass der Beschützer der Herde arge Probleme hatte sich zu verteidigen. Doch nach kurzer Zeit des Kampfes dachte der Wolf über die Wichtigkeit seiner Aufgabe nach und besann sich seiner körperlichen sowie geistigen Stärke. Er erwiderte die Angriffe des Bären mit heftigem Kratzen und Bissen seinerseits. Dabei verletzte er seinen Gegner so stark, dass dieser dadurch an Kraft zu verlieren schien. Die Attacken des Bären wurden immer schwächer, bis sie schließlich ganz aufhörten. Der Gegner war besiegt, die Schafe waren gerettet. Der Bär trat die Flucht nach hinten an und verschwand am Horizont, genauso wie er gekommen war, als schwarzer Fleck.

Der Hirte, der zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung nicht wie tags zuvor geschlafen hatte, musste den Kampf beobachtet haben, denn schon bald stand er neben dem Wolf und gratulierte ihm zu seinem grandiosen Sieg. Der Hüter über die Schafe war sich sofort bewusst darüber, welche große Gefahr der Bär für seine Herde darstellte und bedankte sich überschwenglich bei dem Wolf. Beide gingen daraufhin glücklich zur umzäunten Wiese, wo der Hirte seinen Verbandskasten gelagert hatte. Nachdem er die Verletzungen des Wolfs versorgte hatte, feierten alle zusammen den Sieg über den großen gefährlichen Bären. Die Schafe blökten zufrieden vor sich hin und fraßen Gras, während der Wolf und der Hirte selbstgebrannten Schnaps tranken.

Dies ist das Ende unserer Geschichte, bei der aus einem bösen über Nacht ein guter Wolf geworden ist. Und wenn er nicht gestorben ist, dann beschützt er noch heute die Schafe.



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