22.03.2010

In letzter Minute

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Mit einer ruckartigen Bewegung fuhr die S-Bahn weiter Richtung Stadt auswärts. Ich, James Pearl, saß sitzend in einer Ecke und versuchte meine Sinne einzuschärfen. Jedes Wort, jede auffällige Bewegung musste realisiert werden.

Das Warten wurde unerträglich. In mir baute sich eine Spannung auf und das kribbeln durchfuhr meinen Körper. Um mich zu beruhigen, nahm ich das Foto aus meiner rechten Hosentasche und konzentrierte mich. Auf dem Foto lächelte mir ein junges Mädchen entgegen. Gül war ihr Name und sie war gerade mal 17 Jahre jung. Sie sah wie eine reife erwachsene Frau aus. Die schwarzen Augen strahlten nur so vor Selbstbewusstsein. Das schmale Gesicht war von dunkelbraunen dichten Haaren umgeben. Als die S-Bahn in der nächsten Haltestelle anhielt, setzte mein Herz für einen Moment aus und begann dann heftig zu pochen. Das gleiche Mädchen auf dem Foto stieg gerade ein. Sie stand ein paar Meter vor mir entfernt. Jetzt hatte ich meine Spur und zeigte meine reichlichen Erfahrungen als Agent. Ich steckte das Foto weg und schaute unauffällig mal hier und da. Sich selber zu tarnen war das wichtigste. Niemand, vor allem nicht Gül, darf sich beobachtet oder gar verfolgt fühlen. Ich bekam einen leichten Schock, als ich merke, dass zwei Männer, die mit ein gestiegen sind, zur Gül gehörten. Auch wenn die drei nicht miteinander reden und so tun als kennen sie sich nicht. Jahrelange Erfahrung zeigte mir, dass die Männer Gül beschützten. Man merkte das an der steifen Haltung, als würden sie sich auf einen Kampf vorbereiten. Die Köpfe waren unnormal starr in eine Richtung gerichtet. Aber die Augen bewegten sich in hin und her, um alle Passagiere im Wagon wahrzunehmen und so die Gefahr einzustufen. Ich kam nicht unter Verdacht und konnte ein Lächeln nicht verkneifen. Sie sind unerfahrene Agenten oder haben sich selbst als solche benannt. Doch Gül war auf gar keinen Fall in Sicherheit, nicht wenn ich meine Finger im Spiel hatte.

Ich bereitete mich auf meine Mission vor und ging nochmal das Gespräch mit Güls Vater durch. Der alte türkische Mann bitte mich seinen Wunsch zu erfüllen, ja sogar angefleht hatte er mich. Gül hatte zwei weitere Brüder. Die, so wie der Vater meinte, eine glänzende Zukunft vor sich hätten. Sie sollten auf gar keinen Fall in Schwierigkeiten gebracht werden oder sogar in Verdacht. Ich sollte mir die einzige Tochter der gläubigen Familie vorknüpfen. „Ihr Name bedeute Rose. Doch anstatt so schön heranzuwachsen brachte Gül eine große Schande über meine gute Familie“, sagte der Vater und reichte mir einen dicken Bündel Geldscheine. Ich wollte nicht Gefühllos wirken. Ich war regelrecht geschockt, welche Aufgabe mir zugeteilt wurde. Doch das viele Geld brachte meinen gesunden Menschenverstand durcheinander. Die letzten Worte des Vaters waren: „ Inschallah“. So Gott will.

Als die S-Bahn an der nächsten Haltestelle zum Stillstand kam, stiegen Gül und ihre Beschützer aus. Schnell tat ich das gleiche und schaute mich unschuldig um. Da sah ich sie die Treppe hochsteigen und nahm die Verfolgung auf.

Plötzlich drehte sich einer der Männer um und bemerkte mich und riss gleichzeitig seine weiten Augen auf. Gleich darauf schauten mich zwei weitere paar Augen an. Und die richtige Verfolgung begann! Sie liefen so schnell wie möglich weiter von mir weg. Sofort reagierte ich und bewegte mich auch immer schneller. Doch da machten sie einen groben Fehler, dass mir den Sieg einheimste. Die zwei Männer waren schneller und liefen vorne. Hinter ihnen war Gül schutzlos. Ich kam von hinten und packte sie an ihren Arm. Zu dem Zeitpunkt waren wir in der Nähe einer alten Fabrik. Ich packte Gül fester und lief zum Eingang. Ich hatte Vorsprung, denn die Männer bemerkten zu spät, dass Gül nicht mehr hinter ihnen waren.

Es war ein langer dunkler Gang. Links und rechts waren dutzende Türen. Die Wände waren feucht und es roch modrig. Gül war außer Puste und hatte nicht mal die Kraft nach Hilfe zu rufen, geschweige sich aus meinen Griff zu entwenden. Ich schleppte sie hinter mir her und hielt Ausschau nach den Männern. Sie verfolgten mich, doch ich war schneller. Am Ende des Ganges gab es eine große Metall Tür. Mit voller Wucht machte ich es auf und bemerkte rechtzeitig, dass es nicht zu einem Raum führte. Ein paar Meter rechts von mir war eine Leiter, der nach unten führte. Der Keller vielleicht. Ich stupste Gül und wir kletterten die Leiter runter. Ich achtete darauf, dass kein großer Abstand zwischen mir und Gül gab. Plötzlich hörten wir einen entsetzlichen Krachen und etwas fiel aus der Tür nach unten. Es waren die Männer, die sich nicht schnell genug zum stehen bringen konnten. Sie haben zu spät bemerkt, dass die Tür nicht zu einem Raum führt. Es war zu dunkel um zu erkennen, wie schlimm die Männer zu gerichtet wurden. Als wir unten ankamen packte ich Gül am Arm und lief zur nächsten Tür. Ich hatte kein gutes Gefühl und drehte mich zu ihr um. Sie war die ganze Zeit so ungewöhnlich still. Hatte sie keine Angst? Obwohl es recht düster war, sah ich ihre entsetzlichen Augen. Sie hatte die ganze Zeit stumm geweint. Die Augen waren blutunterlaufen. Sie zeigte mir etwas, dass mich an ihre Mutter erinnerte. Mit dem Gespräch des Vaters, versteckte die Mutter sich hinter ihm. Doch sie hatte auch dieses etwas in ihren Augen. Jetzt sah ich genau den gleichen Hilferuf in Gül. Ein Mädchen sollte nicht mehr leben, das war meine Mission. Ein Ehrenmord, dass ich vollführen sollte.

Doch in letzte Minute entschied ich mich für die Mutter und erfüllte ihren Wunsch. Ich machte den Hintereingang auf und ließ sie gehen. Verwirrt blickte sie panisch mich an und setzte ein Schritt nach draußen. Ich erledigte meine Mission und gab das was sie wollten. Freiheit.



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