14.09.2008

Healthy but Tasty

() Gsf 2008 Beitrag

 

Henry Miller sah schweigend aus dem Fenster während unten vor dem Haus die blau-weißen Wagen mitten auf der viel-befahrenen Straße anhielten. Polizisten rissen die Türen auf und stürmten heraus. Dann war es still auf der Straße. Der Verkehr hatte aufgehört, zu fließen.

Miller zog an seiner frischen Zigarette und brannte die Hälfte weg. Er war nervös. Sie hatten gesagt, sie würden ihn holen. Sie hatten gesagt, dass die Polizei kommen würde, aber dann würden sie alle schon im Flieger nach Finnland sitzen. Und er hatte ihnen vertraut.

Schritte im Treppenhaus störten die Stille. Miller zog an seiner Zigarette. Seine Hände zitterten. Er fragte sich, ob er kämpfen könne. Nein, das könne er nicht. Er wurde schon bei dem Anblick einer Waffe bleich, und dann auf jemanden schießen? Nein, das konnte er nicht.

Dann hörte er ein lautes Krachen. Im ersten Stockwerk hatten die Polizisten eine Tür eingetreten.

Jetzt würden sie das Zeug gleich entdecken, dachte Miller. Sein T-Shirt klebte an seinem Oberkörper. Noch immer rührte er sich nicht.

Er würde den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen, dachte er. Oder zumindest seine besten Jahre. Aus seinem Traum, zusammen mit Martha ein Haus in Florida zu bauen würde nichts werden. Ebenso wenig aus seinem Plan, ein eigenes Gasthaus zu gründen. Healthy but Tasty oder andersherum, er war sich noch nicht sicher.

Schritte auf der Treppe. Der dritte Zug und er rauchte den Filter. Antriebslos warf er den Stummel in die Ecke. Scheiß doch drauf, dachte er. Es gibt nichts zu verlieren. Er nahm sich seine Jacke vom Haken und zog sie sich über, steckte die Packung Zigaretten ein, und band sich die Schuhe fester.

Dann ging er wieder zum Fenster. Eine Spinne hangelte sich vor ihm hinab auf die Fensterbank. Er schlug sie tot. Dann öffnete er das Fenster.

Kalte, beißende Winterluft pfiff ihm um die Ohren. Er lief zurück in den Flur und schlang sich einen Schal um den Hals. Scheiß Winter, dachte er. Dann steckte er den Kopf hinaus in die Kälte.

Unten erkannte er einige Polizisten, die nahe der Wagen herum standen. Einer von ihnen rauchte.

Keiner sah zu ihm hinauf. Er fasste Mut. Mit der einen Hand hielt er sich oben am Fensterrahmen fest, mit der anderen tastete er unbeholfen bei der Regen-Rinne über ihm herum. Er fand, was er suchte: die Leiter zum Schornstein. Im nächsten Moment hörte er Schritte im dritten Stock, seiner Etage.

„Police, open the door!“-Polizei, öffnen sie die Tür!- schrie eine Stimme. Dann war es kurz still. Dann wiederholte der Polizist seine Aufforderung. „Police, open the door!“

Miller saß jetzt gebückt auf dem Fenstersims. Er hatte mit der einen Hand die unterste Sprosse der Leiter gepackt, mit der anderen suchte er noch. „Verdammt, wo bist du?“ dachte er.

„Last chance!“-letzte Chance!- schrie der Polizist. „Verdammt, wo bist du?“

„Go!“-Los!- schrie der Polizist. „Verdammt, wo bist du?“

Dann hatte er sie. Mit beiden Händen an der Leiter, schwang sich Miller über der Parc Avenue ins Freie. Fasste nach, stützte sich mit den Füßen an der Hauswand ab, fasste nach. Dann war er auf dem Dach. Unter ihm wurde seine Tür von einem Rammbock in Stücke geschlagen. Er zuckte zusammen und schauderte. Dann hörte er viele Füße sich schnell auf seinem Packett bewegen. Stahlkappen-Schuhe, sie hatten Spezialeinheiten geschickt. Das fand Miller übertrieben.

„There are traces on the sill!“-Da sind Spuren auf der Fensterbank!-schrie diesmal ein anderer Polizist. Miller würgte. Er musste weiter.

Mit Händen und Füßen stieg er die leicht-schräge Leiter nach oben, und da Stellen-weise Regen auf der Leiter gefroren war, rutschte er immer wieder ab und stieß sich an den Spossen die Ellenbogen wund. Dann wurde von unten ein Scheinwerfer auf das Dach gerichtet. Der helle Kegel verfehlte Miller nur um Zentimeter. Vor Schreck ließ er kurz die Leiter los und fiel mit dem Gesicht auf das Dach. Dann fasste er sich, und hechtete über den Giebel. Dort konnte ihn der Scheinwerfer nicht mehr erfassen. Er atmete auf. Jetzt gefiel ihm auf einmal Tasty but Healthy besser.

Wie viel Straf-Minderung es ihm wohl verschaffen würde, wenn er redete, dachte er. Dabei zog er die Packung Zigaretten aus seiner Jackentasche. Er zündete sich eine an.

„There is a light up there!“-Dort oben ist ein Licht!- Es war eine schlechte Idee gewesen. Miller fluchte und drückte die Zigarette auf den Ziegeln aus. Den Stummel schnippte er in die Regen-Rinne. Er traf sogar.

Das Dach erstreckte sich über mehrere hundert Meter die Straße hinab, und so begann er, auf allen Vieren an der rechten Seite des Giebels voran zu kriechen, in der wagen Hoffnung, irgendwo ein Loch oder ein Fenster zu finden, in das er einsteigen konnte. Aber wozu überhaupt weglaufen, fragte er sich plötzlich. Wenn die Polizei wusste, wo er wohnt, dann wussten sie sicher auch schon, bei welcher Bank er seine Konten hatte und hatten schon längst alle gesperrt. Er fluchte erneut.

„Where're those fucking cigaretts?“-Wo sind die verdammten Zigaretten?-

Er hielt hinter einem breiten Schornstein inne und suchte mit seiner Hand in der Tasche herum. „God damn it!“-Verdammt nochmal!“ Er suchte in einer anderen Tasche. Sie mussten ihm heraus gefallen sein, dachte er. Er kroch weiter. Eisiger Regen setzte ein.

Ein Blick zurück verriet ihm, dass die Polizeiwagen noch immer vor seinem Haus standen. Sie gingen also nicht davon aus, er würde auf diesem Weg entkommen. Vielleicht bestand doch noch eine Chance, irgendwie aus der Sache raus zu kommen, dachte er. Oder doch Healthy but Tasty?

 

Durch den dichten Schauer konnte er bald eine Leiter vor sich erkennen, die zunächst grau und rostig am schrägen Dach entlang, und dann an der senkrechten Backstein-Mauer des Häuserblocks herunter führte. Mit letzter Kraft ergriff er die Sprossen. Seine Kleidung war bis auf die Haut durchnässt und er hustete stetig vor sich hin. Noch ein vergeblicher Griff in die Tasche. Dann stieg er die Leiter hinab in den schmalen Vorgarten, dessen kurz-gemähtes Gras sich durch eine Buchsbaum-Hecke von dem Bürgersteig abgrenzte. Hinter dieser Hecke ließ sich Miller auf den Boden fallen und blieb für eine viertel Stunde reglos liegen. Hätte er nicht die sündhaft teure Lederjacke getragen, man hätte ihn für einen Obdachlosen gehalten. Tatsächlich kam keine Polizei. Wahrscheinlich sicherten sie erstmal alle Spuren, überlegte er, wie sie es immer in Krimis taten. War er der Held in einem Krimi? Eher der Schurke, dachte er, und Schurken verlieren immer.

Schließlich stand er auf und rannte in Richtung der Innenstadt. Er kam an einer Bushaltestelle vorbei, und da gerade ein Bus anhielt, stieg er ein und löste eine Fahrkarte. Wie wunderbar warm es in dem Bus war. Er setzte sich. Er fühlte die nasse Kleidung an seinem Körper, roch den unangenehmen Duft seiner feuchten Haare, spürte das angenehme vibrieren des Busses, wenn er über unebene Straßen fuhr. Dann schlief er ein.

 

„Get the hell out!“-Hauen sie ab!- herrschte ihn der massige Busfahrer an. Miller öffnete verschlafen die Augen. Der dicke Mann stand vor ihm in der Tür und sah ihn genervt von oben her an.

„Where are we?“-Wo sind wir?- fragte er.

„West-Bronx.“-West-Bronx- sagte der Busfahrer. Miller richtete sich auf. Seine Kleidung war kein bisschen getrocknet. Er schleppte sich zur Tür und blickte nach draußen. Es war hell geworden, es war wohl am nächsten Morgen. Als er einige Meter von der Bushaltestelle entfernt war, wo er hinaus geworfen wurde, erblickte er vor sich einen Geldautomaten.

Tasty but Healthy.“ sagte er, und ging darauf zu. Er steckte seine Karte in den Schlitz, wie er es immer tat. Er gab seinen Pin ein, wie er es immer tat. Er wählte den Betrag, wie er es immer tat. Es kam kein Geld aus dem Automaten.

„Account blocked.“-Konto gesperrt- flimmerte auf dem Bildschirm. Er wusste, was jetzt geschehen würde. In irgendeiner Polizeizentrale hatte so eben jemand bemerkt, dass jemand versucht hatte, von einem gesperrten Konto Geld abzuheben. In fünf Minuten würden sie hier sein. Sollte er weglaufen? Wohin denn, fragte er sich. Seine vermeintlichen Freunde waren weg. Seine Frau reichte vermutlich gerade die Scheidung ein. Sein Psychiater vögelte wahrscheinlich gerade seine Assistentin. Er konnte nicht weglaufen. Das wusste er genau.

Unweit von dem Automaten lag in einem Hauseingang ein betrunkener Obdachloser und trank Bier.

Da Miller nichts anderes einfiel, ging er zu dem Mann hinüber und setzte sich neben ihm auf den Boden. Er kramte in seiner Tasche. Die Zigaretten waren wieder da.

„Cigarette?“-Zigarette?“ fragte er den Obdachlosen. Dieser blickte müde von seinem Bier auf.

„Yeah, man, very cool, man!“-Ja, Mann, sehr nett, Mann!“ sagte er. Miller streckte ihm eine entgegen. Der Obdachlose nahm sie, ebenso wie das Feuerzeug, dass Miller nach-reichte.

Dann steckte er sie sich an, gab Miller das Feuerzeug zurück und betrachtete ihn.

„Why so friendly, old boy?“-Warum so freundlich, alter Junge?- fragte er.

„I'll be in jail soon.“-Ich bin bald im Knast- antwortete Miller.

„Oh.“ sagte der Obdachlose. „I've never been in jail.“-Ich war noch nie im Knast.-

„Me neither.“-Ich auch nicht- Daraufhin schwiegen sie eine Weile. Miller steckte sich ebenfalls eine Zigarette an. Dann hörten sie die Sirenen in der Ferne aufheulen.

Tasty but Healthy, what do you think of that name?“-,was hälst du von dem Namen?- fragte Miller schließlich.

„Sounds good to me. But I would turn that around.“-Kling gut, aber ich würde das umdrehen.“ sagte der Obdachlose.

Lächelnd ließ sich Miller von den Polizisten zum Auto führen, und während er im Wagen saß und die vielen Straßen zum Revier entlang fuhr, dachte er immer wieder: Ich nicht.

 

 

Von Helge Winckler

 



Weitere Werke von snakius


Literatur News


Ihr Kommentar ...


scode


Kommentar von rusty_knight:
(30.10.2009 um 15:34 Uhr)

Wow! Die Geschichte hat ja wirklich alles. Sie enthält u.a. interessante psychologische Momente. Außerdem ist ein Englischkurs darin enthalten. Man riecht die große weite Welt, wenn man diese Geschichte liest. Die Seite hier wird durch die Kriminalstory mit einem internationalen Flair erfüllt.




Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • Henry Miller abenteuer helge winckler healthy but tasty
nach oben