08.07.2017

Gerettet

()

Gerettet

 

Vierzehn wunderschöne Urlaubstage liegen hinter uns. Es war unsere erste Reise in die Türkei. Mein Mann hatte sie gewonnen, einfach so, als Kunde eines Baumarktes. Lediglich den Flugpreis für mich als mitreisende Ehefrau mussten wir entrichten. Alles Andere war gratis, wenn man mal von den Einkäufen in der Teppichmanufaktur oder der Schmuckmanufaktur oder der Ledermanufaktur absieht. Vom Basar ganz zu schweigen. Aber wir haben uns da sehr zurückgehalten und unsere Aufmerksamkeit lieber den antiken Stätten und Sehenswürdigkeiten in Antalya, Alanya und Hierapolis zugewandt. Unsere Bewunderung galt im Besonderen den einmaligen Kalksinterterrassen von Pamukkale. Und dann haben wir natürlich den Badeurlaub am Strand genossen, in Side an der Türkischen Riviera.

Jetzt sitzen wir wieder im Flieger und werden mit einem Bugsierwagen vom Terminal weg zu einer der Rollbahnen gezogen. Die Flugbegleiterinnen haben kontrolliert, ob alle angeschnallt sind und die Rücklehnen vorschriftsmäßig gerade gestellt sind. Von meinem Fensterplatz, in der Mitte des Flugzeugs, habe ich freie Sicht nach vorn, während auf gleicher Höhe die linke Tragfläche die rückwärtige Sicht behindert. Aber das macht nichts. Aus 10 000 m Höhe, in der wir sicher wieder fliegen werden, ist sowieso nicht viel zu sehen, zumal für den Balkan Wolkenfelder angekündigt sind.

Die Motoren der Boeing 737 werden jetzt lauter. Das bedeutet, der Bugsierwagen ist abgekoppelt und die Maschine rollt jetzt mit eigenem Antrieb.

Bis zur Startbahn ist es es nicht weit. Einmal Kurve rechts, 300 m geradeaus, einmal Kurve links und schon sind wir da.

Hier gibt es nochmals einen kurzen Halt. Die Motoren werden auf Hochtouren gebracht, bevor der Start beginnt. Ich sehe zu meinem Mann und wir fassen uns kurz bei den Händen. Dann geht`s los.

Wir werden leicht in die Sitze gedrückt und dann rumpelt die Maschine über die Piste.

Wir rollen und rollen und irgendwie scheint es mir, als ob wir gar nicht schneller werden.

Jetzt sind wir schon am Terminal vorbei und eigentlich müsste der Flieger jetzt abheben und in einem ziemlich steilen Winkel in die Höhe steigen, denn das nahe Taurusgebirge, das direkt vor uns in Startrichtung liegt, hat eine beträchtliche Höhe.

Doch das Flugzeug kommt nicht auf Touren. Ich höre es am Motorenlärm. Normalerweise steigt der stetig an, bis das Flugzeug die Startphase beendet und seine Mindesthöhe erreicht hat. Aber ich kann mich noch so sehr anstrengen, das Motorengeräusch bleibt konstant und das Tempo auch.

Jetzt wird mir langsam mulmig, meine Hände beginnen zu schwitzen und ich greife zu meinem Mann hinüber. Aber auch er ist beunruhigt und zieht fragend die Augenbrauen hoch. Inzwischen liegen schon zwei Drittel der Startbahn hinter uns und der Flieger rumpelt immer noch mit dem Fahrwerk über die Betonpiste. Ich schließe die Augen und flehe in Gedanken :„Mach schon, gib Schub und reiß die Maschine hoch!“

Der Start und die Landung sind immer die gefährlichsten Phasen eines Fluges. Es tut sich nichts. Keine Veränderung.

Ich glaube, mir wird gleich schlecht. Ich halte die Luft an und presse meine Hände fest gegeneinander. In so einer Situation lernt man, zu beten.

Da schnellt mein Körper plötzlich kräftig nach vorn. Der Kopf fliegt gegen den Vordersitz. Nur die Gurte halten mich auf meinem Sitz.

Der Pilot hat den Start abgebrochen und eine Notbremsung gemacht. In der Maschine ist es mucksmäuschenstill. Ich bin so erleichtert, dass ich vor Freude weinen könnte. Ich hatte uns schon in den Trümmern des Flugzeuges im Taurusgebirge gesehen. Auch mein Mann ist ganz blass im Gesicht .

Jetzt bemerke ich den durchdringenden Geruch von verbranntem Gummi. Das kann nur das Fahrwerk sein. Die Flugzeugreifen müssen einiges aushalten. Sie werden bei jedem Start und vor allem bei jeder Landung stark beansprucht, aber eine Notbremsung erfordert noch einiges mehr.

Das Bordpersonal zeigt Professionalität und bittet alle Passagiere per Bordfunk, bis zum Eintreffen der Gangway ruhig sitzen zu bleiben. Ausnahmsweise befolgen einmal fast alle diese Anordnung. Wahrscheinlich sind sie noch genauso geschockt wie ich.

Aus der Ferne ertönen die Sirenen der Feuerwehrfahrzeuge und nun wird es doch zunehmend unruhig in der Kabine und die Passagiere stehen auf und holen hastig das Handgepäck aus den Klappkästen.

An meinem Kabinenfenster ziehen jetzt schwarze Rauchschwaden vorüber. Irgendetwas ist da unten in Brand geraten. Ich komme gleich wieder ins Schwitzen. Die Tanks in den Tragflächen sind noch voll. Zwar gerät Kerosin nicht so schnell in Brand wie anderer Treibstoff, aber , man weiß ja nie.

Es wird höchste Zeit, dass wir aus dem Flieger kommen.

Die fahrbare Gangway und zwei Transitbusse kommen beinahe zeitgleich mit der Feuerwehr an. Alle Passagiere drängen zum Ausgang und verlassen eiligst die Kabine.

Froh, der Gefahr endlich entronnen zu sein, stürzen wir die Gangway hinunter. An ihrem unteren Ende steht eine der Flugbegleiterinnen und weist uns in den Bus. Ich kann nicht umhin, sie zu umarmen.

„Sagen Sie dem Kapitän ein großes Dankeschön. Er hat uns das Leben gerettet“.

Sie sieht mich fragend an und nickt dann.

Erst im Bus wagen wir einen Blick zurück und sehen, dass am Hauptfahrwerk einer der vier Zwillingsreifen brennt. Die Feuerwehr ist schon beim Löschen.

Wir sind unbeschadet der Gefahr entronnen. Auch unser Gepäck bleibt unversehrt.

Nach einer Stunde Wartezeit ist alles umgeladen und wir können mit einer anderen Maschine den Heimflug antreten.



Literatur News

Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • MonaZowa-Gerettet-Türkei
nach oben