11.05.2010

Flieg Micha, flieg!

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„Schatz?“

„Ja, Hasi?“

„Du musst los!“

Micha, 32 Jahre alt, Büroangestellter und leidenschaftlicher Flugzeugmodellbauer, schlurfte die knarrende Wendeltreppe vom Dach ins Erdgeschoss hinunter. Seine Hände waren mit grauer Lackfarbe beschmiert, das Hemd, welches er am Morgen frisch gebügelt von seiner Frau erhielt, hing nun zerknittert aus der Hose. Nachdem er den gesamten Samstagmorgen in Ruhe an seinem neuesten Modell – einer FX 410 – gebastelt hatte, blickte Micha, unten angekommen, verständnislos in die grünen Augen seines Hasis.

„Was wolltest du von mir?“ fragte er sie.

„Na, du hast doch deinen ersten Flug heute.“

„Oooh!“ - ´Mist´ fügte er in Gedanken hinzu. Das flaue Gefühl, das ihn gestern Abend vergeblich in den Schlaf wiegen wollte und sich nur durch intensives Kleben und Malen auf ein erträgliches Maß mindern ließ, war mit einem Schlag wieder da. Dafür aber gewaltiger als je zuvor. Er fühlte sich, als wäre er zwischen Wand und Tür eingeklemmt und so bemerkte er nicht einmal, wie seine Frau ihm das Hemd zurück in die Hose steckte, seine Haare in Ordnung brachte und mitsamt dem Autoschlüssel aus dem Haus bugsierte. Der Knall der zufliegenden Tür setzte seine Gehirnfunktion wieder in Betrieb. Ach, hätte er sein Häschen doch einfach ignoriert. Sofort fielen ihm tausend Dinge ein, die noch zu erledigen waren, wie etwa das Saubermachen der Dachrinne, Abstauben der Obstbäume, Frisieren des Fahrrads und natürlich das Lackieren der Mülltonnen.

Micha wusste, dass sein Schnuckiputzi ihn niemals ohne triftigen Grund wieder einlassen würde. Außerdem hing sein Hausschlüssel an seinem Stammplatz, hinten rechts, gleich beim Spiegel in der Diele. Entmachtet schlenderte er höchst gemächlich zu seinem geliebten und geerdeten fahrbaren Untersatz und stieg ein. Heute war der perfekte Tag, um einmal richtig den Moment zu genießen. So steckte er den Schlüssel ganz behutsam ins Zündschloss, drehte ihn liebevoll ein halbes Mal um ihn selbst, doch irgendwann hatte jede Prozedur ein Ende, da befand sich Micha bereits auf der Autobahn Richtung Flughafen.

Gerade bemerkte er ein Ziehen in seiner rechten Wade, aus dem er einen Muskelfaserriss folgerte, was selbstverständlich einen sofortigen Krankenhausaufenthalt erforderte, als Fortuna ein einsehen mit ihm hatte und ihn an einer ungesicherten Unfallstelle vorbeiführte. Als guter Bundesbürger war es seine Pflicht dem Unglücksraben zu helfen. Schnell führ er auf den Standstreifen und lief ein paar Meter zurück zum Pannenauto.

„Kann ich ihnen helfen?“ fragte Micha mit unpassend guter Laune angesichts des Schrotts, der sich vor ihm präsentierte.

„Ja, bitte.“ antwortete der Andere etwas kurzatmig. „Könnten sie mich ein Stückchen mitnehmen? Ich muss zum Flughafen. Ist gleich die nächste Ausfahrt. Habe heut’ noch ne Flugzeugtaufe und so’n Kerl mit Flugangst – den muss ich auch noch in die Lüfte katapultieren.“ Sofort spürte Micha, wie die Schwerkraft an seinen Mundwinkeln riss.

„Sollten wir nicht erst auf Polizei, Rettungswagen und Feuerwehr warten“? meinte Micha.

„Nicht nötig. Mein Mitfahrer hat das Ganze locker unter Kontrolle.“

Den zweiten Mann, den er zuvor übersehen hatte, schickte er telepathisch seine schlimmsten Verfluchungen.

In diesem Moment fühlte sich Micha wie eine halbe Stunde zuvor. Vollkommen überrumpelt und unfähig zu seinen Gunsten zu reagieren. Resigniert ging er zurück zum Auto, ließ wie vorher mit Bedacht seinen Wagen an und schlich vorwärts. Der Pilot neben ihm schien höchst beunruhigt zu sein. Ohne zu wissen warum, schien der Eisengehalt in seinem rechten Fuß zuzunehmen, was unweigerlich zur baldigen Ankunft am Flughafen führte. Schnell trennten sich ihre Wege. Der Pilot rannte zu seiner Flugzeugtaufe, Micha dagegen wanderte auf direktem Weg in die nächste Bar. Sechzig gegen  Alkohol eingetauschte Euro später, taumelte er etwas benommen wieder nach draußen. Als er gegen einen harten Gegenstand prallte und ihm ein Mann aufhalf, erkannte er in diesem den Piloten.

„Na, na, na. Nicht so stürmisch. Wo wollen’s denn hin?”

„Muss fliegen!” stöhnte Micha.

„Na, dann woll’n wir mal“

Kurz darauf, spürte er wie er in einer kleinen Kabine mit Rundumblick saß und die Startbahn entlang rollte. Von einem Moment auf den nächsten, nahm die Geschwindigkeit rapide zu und noch bevor Micha imstande war Einspruch zu erheben, wurde er schon in den Sitz gedrückt. Selbst diese Beklemmung verschwand ganz schnell. Das Flugzeug legte sich in die Kurve und ihm offenbarte sich ein herrlicher Ausblick. Ein angenehmes Kribbeln füllte seinen Bauchraum, so dass Micha sich schwor, niemals wieder irgendwohin zu Fuß zu gehen.



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