14.09.2011

Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr....

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Von der Frau des Pfarrers wurde in früheren Zeiten erwartet, dass sie sich beherzt in die Gemeindearbeit einbrachte. Und das tat ich ohne Zweifel, auch wenn ich bis heute nicht so ganz sicher bin, ob meine ziemlich kreativen Einbringereien das einstimmige Wohlwollen aller Gemeindemitglieder fand. Diese Geschichte zum Beispiel sorgte für einigen Wirbel unter der regionalen Christenheit.

In unserer Kleinstadtgemeinde sprach eines Wintertages ein waschechter Zirkusdirektor vor. Sein kleiner Wanderzirkus hatte in der Nähe das Winterlager aufgeschlagen. Das Geld für das Tierfutter war knapp geworden. Das Zirkuszelt war nicht winterfest, an Zirkusvorstellungen war bis zum nächsten Frühling nicht zu denken.


Der Pfarrer dachte über eine großzügige Spende nach. Seine Frau jedoch, von weltlicherem Temperament, hatte eine bessere Idee. Man solle dem Zirkus Arbeit geben und die Möglichkeit, im Gemeindesaal aufzutreten. Mein Mann sah die Logik dieser Maßnahme sofort ein. Jetzt ging es nur noch darum, den Kirchenvorstand und vor allem die Küsterin davon zu überzeugen, die verheerende Folgen für den Fußboden des Saales und vor allem die Reputation der Gemeinde vorhersahen. Doch dem Disput mit einem beidseitig eloquenten, entschlossenem Pfarrersehepaar ist wohl kaum jemand wirklich gewachsen. Der Kirchenvorstand wurde an die Pflicht zur christlichen Nächstenliebe - und zwar zu allen Geschöpfen Gottes - gemahnt und vom überragenden Wert der Hilfe zur Selbsthilfe überzeugt.
Die kirchlichen Entscheidungsträger stimmten zu und der Zirkus durfte im Gemeindesaal gastieren. Es wurde eine Anzeige in der Tageszeitung geschaltet und der Gemeindesaal für das große Ereignis vorbereitet. Am ersten Vorstellungstag strömten Kinder , Mütter, Väter, Omas und Opas herbei, viele weniger, um die Vorstellung zu besuchen als vielmehr das Spektakel. Zirkus in der Kirche, das war eine kleine Sensation. Marschierte doch ein leibhaftiges Trampeltier in das Gemeindezentrum, passte mit Mühe und Not durch die Eingangstür, ließ im Flur einen Klacks vor die Füße der entsetzten Küsterin fallen und trampelte lautlos in den bereits mit Zuschauern voll besetzten Gemeindesaal. Es konnte rechnen! Und das besser als viele der anwesenden kleinen Kinder. Stapfte mit dem Fuß auf die Fragen des Dompteurs die unbeirrbar richtige Anwort. Was sind zwei plus eins? Pfft, pfft, pfft machte das Geräusch der weichen Trampeltierpfoten auf dem Gemeindesaalboden. Was sind zwei mal zwei? Pfft, Pfft, Pfft, Pfft. Die Kinder jubelten, die Erziehungsberechtigen auch, es war eine grandiose Stimmung.

 

Intern gab es dann doch noch etwas Ärger. Die Küsterin alarmierte den Kirchenvorstand zu einer Sonderkrisensitzung. Sie erwähnte den Klacks und das Trampeltier, dass mit seinen Rechenkünsten dem Fußboden des Gemeindesaales zerkratzen würde. Es gab einen Ortstermin, man besah sich den befürchteten Schaden und ….fand keine Spuren. Ein übriges taten „Brehms Tierleben“, aus dem die ehrwürdigen Kirchenvorstände über die Fußanatomie von Trampeltieren informiert wurden und die allen Christen bekannte Aussage, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ….na ja. . Im Gegensatz zu Ochs und Esel, die ja im kirchlichen Raum sehr angesehene Tiere sind, hat so ein Trampeltier ganz weiche Füße, die auch für empfindlichere Fußbodenbeläge gänzlich unproblematisch sind..

Der Kirchenvorstand konnte abermals überzeugt werden. Der Wanderzirkus hatte
noch einige weitere Vorstellungen, die Küsterin wurde für die entsprechenden
Nachmittage vom Kamelmist-Dienst befreit und das große Tier war für einige
Winterwochen die Attraktion in unserer Kleinstadt. Vor allem wohl deshalb, weil es eigentlich am falschen Ort auftrat.



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