14.06.2017

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(Autor: )

DINNER IN THE DARK

 

Das Auge isst nicht mit

 

 

Unser Enkelsohn Willi schenkte uns zum 150. Geburtstag einen Gutschein für ein „Dinner in the dark“. Zur Sicherheit schlugen wir im Englisch-Wörterbuch nach und fanden die Bestätigung: „Mahlzeit im Dunkeln“. Daher auch der Zusatz: Das Auge isst nicht mit.

Wie das wohl geht?

Vielleicht findet das Essen in einem abgedunkelten Raum bei Muschebubu-Beleuchtung statt. Das hatten wir doch schon mal in so einer Kellerkneipe in Spanien. Da war es so schummrig, dass man nur ahnen konnte, was da auf dem Teller lag.

Vielleicht bekommen wir aber auch so eine Art Schlafmaske vor die Augen. Da freuen sich die anderen Gäste, wenn wir, wie die Kleinkinder, verzweifelt mit Messer und Gabel auf dem Teller herumstochern.

Es kann auch sein, dass wir nur einen Löffel bekommen. Der Hauptgang ist dann möglicherweise ein Ragout mit Kartoffelbrei.

Vielleicht brauchen wir aber gar kein Besteck und essen mit den Fingern. Die Suppe natürlich nicht.

Könnte ja sein, dass es statt Suppe noch einen Salat gibt und als Nachspeise einen Apfel oder so etwas in der Art.

Hoffentlich gibt es nicht so ausgefallene Sachen wie Muscheln, Schnecken oder irgendwelche Insekten. Schleimige Pilze oder wabbeliges Eisbeinfleisch wäre auch nicht das, was ich mit Freude essen würde.

Auf jeden Fall wird das eine spannende Angelegenheit.

Und möglicherweise auch eine feuchte. Wenn ich so daran denke, dass ich manchmal schon beim Frühstück zu Hause mit dem Saft kleckere...

Ich hoffe doch sehr, dass wir genügend Servietten oder sogar ein Lätzchen bekommen wie damals in Warnemünde in dem ersten asiatischen Restaurant. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Hand ohne Licht immer die richtige Richtung zum Mund findet. Besser, wir ziehen nicht unsere besten Sachen an. Im Dämmerschein sieht sowieso keiner, ob wir in Gala oder Hausanzug erschienen sind.

Aber zuerst müssen wir mal ins Internet und sehen, wo in Rostock so ein Dinner überhaupt stattfindet.

An gastronomischen Einrichtungen mangelt es Rostock wahrlich nicht, aber dieses spezielle „Dinner in the dark“ wird nur in einer einzigen Gaststätte angeboten: „Plan B“, Doberaner Straße . Das ist fast im Zentrum, zwischen Doberaner Platz und Volkstheater. Da sieht es mit Parkplätzen nicht gut aus. Aber in erreichbarer Nähe ist ein Parkhaus in dem wir immer parken, wenn wir zu unserer Ärztin für ganzheitliche Medizin fahren.

Wir nehmen Kontakt zu „Plan B“ auf und erhalten einen Termin für Sonntag Abend um 21.00 Uhr. Ziemlich spät für ein 4-Gänge-Menue. Unsere Abendbrotzeit ist gewöhnlich 18.30 Uhr. Da sind die Nachrichten im russischen Fernsehen zu Ende und wir haben ein informatives Tischgespräch.

Daran, dass dieses Highlight auch stattfinden könnte, wenn es draußen schon dunkel ist, hatte ich noch gar nicht gedacht. Eigentlich eine naheliegende Überlegung. Man spart einfach das Licht in dem Raum. Wobei es in einer Stadt ja nie so ganz dunkel wird. Ein bisschen wird man also wohl sehen können.

Nun bin ich schon richtig gespannt.

Am Sonntag Abend sind wir eine reichliche halbe Stunde zu früh vor dem Restaurant und sehen durch die Fensterscheiben nur leere Stühle vor wenigen Tischen. Besonders gefragt scheint das Lokal ja nicht zu sein. Vielleicht können wir dann ja schon etwas zeitiger mit unserem Dinner beginnen. Dann braucht unser armer Hund nicht so lange allein zu Hause bleiben.

Wir betreten die gastliche Stätte und sind überrascht, doch vier weitere Gäste bei einem Glas Bier sitzen zu sehen. Die beiden gut aussehenden jungen Serviererinnen sind in ein Gespräch vertieft und nehmen keine Notiz von uns. Vorsichtig schiebe ich mich in ihr Blickfeld und gebe bekannt, dass wir zum „Dinner in the dark“ möchten, obschon es noch etwas vor der angemeldeten Zeit ist. Die beiden Mädels -könnten unsere Enkelkinder sein- erweisen sich als gastfreundliche Personen und bedeuten uns, in der Zwischenzeit irgendwo Platz zu nehmen und schon mal ein Getränk zu bestellen. Ein früherer Beginn der Veranstaltung sei leider nicht möglich. Das vorherige Dinner sei noch nicht beendet.

Na, so was! Es sind also schon Gäste da bei einem vorherigen Dinner. Ich kann keinen weiteren Raum entdecken, wo das stattfinden könnte. Lediglich ein schwerer, dunkler Vorhang weckt den Verdacht, dass dahinter noch etwas sein könnte.

Wir suchen uns einen Tisch, von dem aus man das ganze Lokal im Blick hat und bestellen das Getränk. Dann fällt mein Blick auf die Bildergalerie, die das ganze Restaurant ziert. Gekonnte Karikaturen menschlicher Visagen aller Altersgruppen sind im DIN-A 4-Format in Glas gerahmt. Am „schönsten“ sind die zahnlosen und grienenden oder die zu Fratzen entarteten Männerportraits.

Wo sind wir hier gelandet? Was hat Willi sich bloß dabei gedacht, uns so ein Geschenk zu machen?

Warum heißt das Restaurant eigentlich „Plan B“?

Weil „A“ vielleicht schon vergeben ist oder nicht funktioniert? Wer weiß!

Allmählich füllt sich das Lokal.

Es sind hauptsächlich junge Leute, die zu zweit oder in kleinen Grüppchen eintreffen. Kurz vor 21.00 Uhr sind alle Tische und Stühle besetzt. Ob die auch alle zum Dinner wollen?

Vor einer Viertelstunde wand sich durch den Vorhang eine blasse, ungeschminkte junge Frau mit aschblondem Haar. Beide Hände waren mit benutztem Geschirr beladen. Sie verzog keine Miene und verschwand in einer Nische neben dem Tresen, vermutlich in die Küche.

Besonders viel Spaß schien ihr die Arbeit nicht zu machen. Wenig später kehrte sie mit einem Tablett zurück, auf dem vier Schälchen standen und verschwand damit wieder hinter dem Vorhang.

Dieses Prozedere wiederholte sich noch mehrere Male. Es muss sich wohl ein größerer Raum

hinter dem Vorhang befinden, der offensichtlich auch gut gefüllt ist. Inzwischen ist es kurz vor 21.00 Uhr und wir müssen befürchten, dass wir nicht mehr rechtzeitig zu unserem Parkhaus zurück sein werden, denn die Veranstaltung sollte lt. Prospekt 2 Std. dauern und das Parkhaus schließt um 23.30Uhr. Bis dahin sind es zwar nur reichlich 10 Min. Gehweg, aber wir müssen ja auch noch den Parkschein entwerten und ins 2. Parkdeck hochsteigen, denn wer weiß, ob der Fahrstuhl um diese Zeit noch fährt.

Mit diesen Überlegungen und ernsthaften Zweifeln wenden wir uns an die nette, blonde Serviererin und fragen, ob wir das Event vielleicht doch lieber auf einen anderen Termin verschieben sollten.

Sie sieht auf die Uhr, runzelt die Stirn, rechnet offensichtlich und strahlt uns dann freundlich an. „Das müssen sie nicht verschieben. Das schaffen sie noch ganz bequem. Es geht jetzt nämlich gleich los.“

Während sie die anderen Gäste zu einer kurzen Information zusammenruft, treten aus dem zur Seite geschobenen Vorhang erst vereinzelt, dann immer mehr Personen hervor. Sie tun etwas benommen, blinzeln und reiben sich die Augen. Dann treten sie wie erlöst an den Tresen, um ihre Rechnung zu begleichen.

Unsere fesche Blondine instruiert uns während dessen, dass Handys, Smartphones und Uhren mit Leuchtziffern bitte abzugeben wären oder aber gut wegzustecken. Wir hätten die Wahl beim Hauptgericht zwischen Fisch, Fleisch oder vegetarisch. Und wir sollten uns überlegen, was wir dort trinken wollten.

Dann schaut sie in ihre Liste mit den Anmeldungen und teilt jedem Gast seine Tischnummer mit. Diese sollte er Claudi nennen, die ihn dann an den jeweiligen Platz führen würde. Als Claudi entpuppt sich die unscheinbare Person, die wir schon mit dem Geschirr beobachtet haben. Wie die Blondine uns leise zuflüstert, ist Claudi sehr stark sehbehindert. Sie nimmt nur schemenhaft Umrisse und Farben wahr, findet sich aber wunderbar im Dunkeln zurecht. Sie würde auch während des Dinners die ganze Zeit mit im Raum bleiben für den Fall, dass jemand Hilfe braucht oder dringend raus müsste. Unsere Handtaschen dürften wir mit in das Dunkel nehmen. Sie sollten aber möglichst zwischen die Beine gestellt werden, damit niemand über sie fällt, wenn jemand mal aufsteht oder die Bedienung dadurch behindert wird.

Inzwischen herrscht unter den jungen Leuten, die mit uns gewartet haben, schon fast Party-Stimmung. Sie haben auch so ihre Mutmaßungen angestellt und sind dabei auf die ausgefallensten Ideen gekommen.

Wir lassen ihnen den Vortritt und begeben uns als Letzte zu Claudi. Sie drückt uns ein komplettes, in eine Serviette gewickeltes Besteck in die Hand und bittet uns, ihren Anweisungen Folge zu leisten. Dann fassen wir sie von hinten an die Schulter – nein, nicht Heidi, sondern Claudi – und folgen ihr hintereinander gehend in die Dunkelheit.

„Drei Schritte geradeaus, dann nach links zwei Schritte. Jetzt ein Schritt nach rechts und dann Achtung Stufe! Alle beide oben? Wunderbar. Nun vier Schritte geradeaus und schon haben wir ihren Tisch erreicht.

Welchen Tisch? Es ist absolut dunkel. Kein Muschebubu. Kein einziger Schimmer. Tiefschwarze Nacht. Nein, schwärzer als jede Nacht ohne Mond und Sterne. Mit den Händen tasten wir vorsichtig nach unten und erfassen einen kantigen Gegenstand mit einer ebenen Platte. Aha. Der Tisch also.

„Setzen sie sich bitte auf die hintere Sitzbank“, sagt die graue Maus nicht unfreundlich. „Ihr Mann bleibt ihnen gegenüber auf dem Stuhl“.

Erneut tasten wir in der Dunkelheit nach den Sitzgelegenheiten. Die Sitzbank erweist sich als bequeme, mit weichem Leder bezogene Sitzfläche. Über den Stuhl haben wir uns nicht ausgetauscht.

Was mache ich mit meiner Handtasche? Zwischen die Füße möchte ich sie nicht stellen. Wer weiß, wo ich sie dann im Laufe des Abends hin katapultiere. Dummerweise habe ich eine mit kurzem Riemchen zum Umhängen und unter den Arm klemmen mitgenommen. Über den Hals kriege ich sie also nicht. Offensichtlich sitzt aber niemand neben mir. Da steige ich mit dem linken Fuß durch den Henkel und schiebe mir die Tasche am Bein hoch bis zum Sitz. Dann kann ich sie direkt neben mir ablegen.

So, das wäre erst mal geschafft.

Beinahe lautlos ist Claudi an unseren Tisch herangetreten und teilt uns leise mit, dass sie nun die bestellten Getränke brächte. Etwas gluckert, etwa in Augenhöhe, dann greift eine schmale Hand nach der meinigen und läßt mich das, wie sie sagt, halbvoll gefüllte Glas mit dem Tonic umfassen. Es fühlt sich gut gekühlt an. Die Flasche mit dem Rest stelle sie daneben, meint sie und bedient dann meinen Mann. Vorsichtig fahre ich mit meiner Hand über die Tischplatte in die vermeintliche Richtung Kante und erfasse tatsächlich die Flasche. Da ich in der anderen Hand aber immer noch das Besteck festhalte, das ich in der Finsternis nicht verlieren will, schiebe ich die Flasche mit dem Glas in der Hand langsam von der Kante weg zur Mitte des Tisches. Jedenfalls vermute ich, dass es so wäre.

Die Stimmung im Raum ist inzwischen weiter angewachsen. Einer der anderen Gäste entpuppt sich als Ulknudel und bringt die Gesellschaft mit seinen mehr oder weniger spaßigen Gags immer wieder zum Lachen. Sie haben schon die Vorspeise erhalten und rätseln über deren Inhalt.

Unvermittelt ist während dessen Claudi wieder an unseren Tisch herangetreten und überreicht uns viereckige Schälchen mit der Vorspeise. Wie isst man die? Mit dem Löffel oder mit der Gabel?

Als ob sie meine Frage gehört hätte, empfiehlt sie, die Gabel zu benutzen.

Mit dem Handballen den Kontakt zu meinem Glas nicht verlierend, beginne ich, die Gabel aus dem Besteck zu fädeln und fahre dann vorsichtig an der Kante der Tischplatte entlang bis ich das Schälchen wieder erreicht habe. Unvorstellbar, wie dunkel es sein kann. Absolut nichts zu sehen. Nicht der kleinste Lichtfleck. Auch kein grauer Schimmer. Alles schwarz in schwarz. Jetzt beginnt die nächste Herausforderung. Die Gabel in das Schälchen bugsieren, etwas darin aufspießen und dann auch noch bis zum Mund balancieren. Sicherheitshalber beuge ich mich tief hinunter bis mein Mund den Rand des Schälchens erreicht. Dann führe ich die Gabel langsam an meiner Wange vorbei in das Schälchen und erkunde die Struktur seines Inhalts.

Es läßt sich etwas aufspießen. Es gelangt sogar unbeschadet in meinen Mund. Hhmm! Schmeckt wie Feta, aber leicht gesüßt. Das nächste Stück, das in meinem Mund landet, ist glatt, rund, süß und saftig. Könnte Mango sein oder Honigmelone. Es folgt etwas dünnes, blattartiges. Irgendein Salat. Alles in allem sehr schmackhaft. Langsam, aber mit Genuß leere ich das Schälchen.

Während ich noch den Saft der Vorspeise schlürfe, haben die anderen Gäste schon die Suppe bekommen. Ich weiß nicht, ob das Servieren der einzelnen Gerichte nach einem Zeitplan erfolgt oder ob das Gehör der Bedienung die entscheidende Rolle spielt, auf jeden Fall sitzen wir kaum zwei Minuten vor den geleerten Schalen, als auch schon abgeräumt wird. Wenig später wird auch schon die Suppe in einer Tasse mit zwei Henkeln serviert.

Wieder beginnt das Prozedere mit der Entnahme des Löffels aus der Serviette. Die Gabel habe ich zuvor wieder in die andere Hand genommen und halte sie nun immer noch, zusammen mit dem Messer und der Serviette, angelehnt an meinem Tonic-Glas, das bisher kaum leerer geworden ist.

Da muss ich jetzt erst mal einen Schluck trinken. Da meine rechte Hand die Suppentasse hält, lege ich das Besteck ab, ergreife das Glas und führe es an den Mund. Es gelingt mir, einige Schlucke zu nehmen.

Die Suppe erweist sich als überaus lecker. Kokosrahm mit einer Spur Ingwer, glaube ich zu erkennen. Mein Mann stimmt dem zu und Claudi, die offensichtlich in Hörweite war, bestätigt meine Mutmaßung. Ohne zu kleckern, leere ich die Suppentasse. Ich hätte die Suppe natürlich auch trinken können, aber das ist mir in dem Moment gar nicht eingefallen.

Nach der Suppe sind wir eigentlich schon satt. Unser Abendbrot besteht gewöhnlich aus einer Scheibe Brot, belegt je zur Hälfte mit Wurst und Käse. Dazu einen Blattsalat oder Tomaten.

„Das Schöne am Essen im Dunkeln ist,“sagt einer der Spaßmacher, „dass man die Kalorien nicht sieht.“ Gut, man sieht sie sonst auch nicht, aber so ganz verkehrt ist der Witz nicht.

Für den Hauptgang hat mein Mann das Fleischgericht ausgewählt und ich das vegetarische. Meine Überlegung war, dass es wahrscheinlich leichter ist, Gemüse unbehelligt vom Teller zu bekommen, als Fleisch zu zerkleinern und mit entsprechender Beilage zu kombinieren.

Der Gedanke war so falsch nicht. Allerdings hat mein Mann sich die Sache etwas vereinfacht, wie er im Nachhinein gestand, und nur die Beilage mit der Gabel gegessen, während er das Fleisch kurzerhand in die Hand genommen hat. Es hat ja keiner gesehen.

Ich hantiere wohlerzogen mit der Gabel. Das Erste, was ich mir zum Munde führe, ist von weicher Konsistenz und schmeckt nach gut gewürztem Couscous. Dann folgt etwas schmales, längliches, von dem ich zuerst annehme, dass es längs geteilte Möhren seien. Der Geschmack entspricht allerdings nicht dem üblichen, leicht süßlichen Möhrenaroma. Später identifiziere ich es als Kartoffelgratin. Dann pieke ich etwas Festes an, das zugleich schwer ist und lang. Ich kann es nicht vom Teller heben. Deshalb beuge ich mich wieder bis zum Tellerrand und beiße ein Stück davon ab. Der Geschmack kommt mir bekannt vor. Aber was ist es? Vielleicht halbgare Zucchini.

Ich probiere noch einmal. Nein, Zucchini schmecken anders. Aubergine ? Die hat auch so eine feste Haut wie dieses Gemüse. Aber, nein, Aubergine kann es auch nicht sein. Ihr Inneres ist viel weicher. Nach dem dritten Versuch habe ich es – Paprikaschote. Genau. Diesen leicht bitteren Geschmack hat nur die Paprikaschote. Aber warum kriege ich sie nicht vom Teller? Mit der Gabel stochere ich von allen Seiten auf dem Teller herum und überall treffe ich auf diesen typischen Widerstand. Eine Riesenpaprikaschote, aufgeklappt vielleicht und auf dem ganzen Teller ausgebreitet. So meine Vorstellung. Ich bemühe mich noch einige Male, ein paar Bissen davon in den Mund zu bekommen. Dann gebe ich es auf und kratze nur noch den leckeren Inhalt ab. Satt bin ich ohnehin schon lange. Und nun auch durstig. Jetzt muss ich erst einmal sehen, nein das ist falsch, tasten, wie ich den Rest des Getränkes aus der Flasche in mein Glas bekomme. Ich greife nach Flasche und Glas und führe den Flaschenhals mit kühnem Schwung über das Glas. Die Flasche wird leichter. Das Glas schwerer. Es hat also geklappt. Ich kann auch nichts Nasses auf dem Tisch finden. Der Schreck trifft mich erst als ich das Glas an den Mund halte und feststelle, dass es randvoll sein muß. Das hätte auch schief gehen können.

Mein Mann hat heimlich seine Uhr mit den Leuchtziffern herausgeholt und befürchtet schon das Schlimmste hinsichtlich unseres geparkten Autos. Am liebsten würde er jetzt gehen. Aber das dürfen wir nicht. Es gibt noch eine Nachspeise.

Nur an einem schwachen, kaum wahrnehmbaren Luftzug spüre ich, dass Claudi mit der Nachspeise kommt. Wir bitten sie, uns als Erste aus der Finsternis zu entlassen, damit wir noch rechtzeitig ins Parkhaus kommen. Ja, sie hat schon davon gehört, dass das für uns ein Problem werden könnte. Wir sollen sie nur rufen, wenn wir fertig sind.

Für die Nachspeise benötigen wir unser gebrauchtes Besteck nicht mehr. In dem kleinen Schälchen steckt ein Löffelchen, mit dem wir bequem fertig werden. Das Dessert schmeckt nach Sahnepudding mit Mangostückchen auf Teig. Sehr gut. Ratz Batz ist der Sahnepudding mit den Fruchtstückchen aufgelöffelt. Den Teig schenken wir uns.

Leise rufe ich in den Saal.“Claudi!“ und siehe da, sie kommt fast augenblicklich. Wieder der Griff an die Schulter und dann geht es hurtig hinaus in die Welt des Lichts, der Farben und Formen.

Wir bedanken uns herzlich für die aufmerksame Betreuung und bewundern die Leistung der jungen Frau. Es kann auch für sie nicht leicht sein, sich in absoluter Dunkelheit mit gefüllten Tellern zwischen schlürfenden und schmatzenden, johlenden und ächzenden Gästen zu bewegen, die möglicherweise nicht den gleichen Gefallen an dem Event finden wie wir.

Für uns war es ein interessantes Erlebnis und eine ungefähre Ahnung, wie blinde Menschen sich im Leben zurecht finden können. Auch, worauf sie verzichten müssen.

Wir danken dir, lieber Willi, dass du uns dieses Erleben ermöglicht hast. Es war in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung unserer bisherigen Erfahrungen.

Zum Abschluß nur noch so viel: Ich habe mich nicht bekleckert. Das Parkhaus war noch offen. Das Auto sprang auch an. Der Hund hat zu Hause nicht randaliert.

Übrigens, unser Menue war folgendes:

Fitnesssalat

mit Melone, Feta und Rucola an einem Granatapfeldressing

*

Kokos-Ingwersüppchen

*

Gefüllte Paprikaschote bzw. Rinderschmorbraten

mit Couscous-Gemüse, Paprikasoße und Parmesangratin

*

Schokoladenpancake

geschichtet mit einer feinen Vanillecreme, überzogen mit einem fruchtigen Mango-Maracuja-Ragout

 



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