07.09.2012

Genau genommen habe ich nichts gegen Spinnen. Im Gegenteil. Es sind faszinierend andere Geschöpfe als wir Menschen. In der freien Natur bewundere ich immer wieder ihre filigranen Netzwerke und versuche, diese nicht zu beschädigen oder gar zu zerstören. Nur in der Wohnung kann ich mich mit ihnen in keinster Weise anfreunden. Die kleinen oder dünnbeinigen sind nur lästig. Aber die dicken, fetten – igittigitt! Das mag daran liegen, dass ich als Kind so ein Erlebnis hatte, das sich mir eingebrannt hat. Ich spürte in der Nacht und im Nebel des Schlafes ein Kribbeln an den Füßen. Am nächsten Morgen erinnerte ich mich wieder daran. Denn am Fußende befanden sich Spinnenbeine und einzelne Körperteile des Tieres, das in meiner Erinnerung riesig gewesen sein muss, im Bett verteilt. Bohh.

Die Angst vor Spinnen ist bekanntlich so ein Urinstinkt. Vielleicht waren die Viecher ja am Beginn der Menschheit doppelt so groß und eine echte Bedrohung. Jedenfalls hat sich diese Abneigung in meiner Linie der Ahnen bis zu mir deutlich manifestiert. Nur mein Verstand sagt mir, was für ein Unsinn das ist. Deshalb wachse ich meist bei jedem Hausbesuch von Seiten der Spinnen über mich hinaus, greife zu Handfeger und Kehrblech und schmeiße den ungebetenen Gast im wahrsten Sinne des Wortes raus. Nur manchmal funktioniert das nicht.

Vor ein paar Jahren hatte ich einen Job zur Seniorenbetreuung in einem Privathaushalt übernommen. Ich war dabei weit weg von zu Hause und deshalb dort untergebracht. Mein Zimmer befand sich im Keller. Ein nicht gerade großes Fenster ließ spärliches Licht herein. Mir erschien es immer so, als wäre ich tief in der Erde vergraben. Ein sanft ansteigender Hang mit allerlei niedrigen Gehölzen vor meinem Fenster mündete in einer Gruppe von Bäumen. Wie ich zu meiner Freude feststellte, ein kleines Paradies für Vögel, Eichhörnchen, Mäuse und Co. Die Sonne hatte nur wenig Chance bis in mein Zimmer zu gelangen. Es war auch bei höchsten Sommertemperaturen angenehm kühl.

Gleich am ersten Tag richtete ich mich in meinem neuen Quartier ein. Es war etwas muffige Luft und so ging ich zum Fenster, um es zu öffnen. Meine Hand hatte schon den Fensterknebel im Griff, da sprang ich erschrocken rückwärts. Dabei landete ich unsanft, aber zum Glück, in einem hinter mir stehenden Sessel. Denn was ich da sah, ließ alle Farbe aus meinem Gesicht weichen und das Herz fast stillstehen. Eine riesige Spinne hatte vor diesem Fenster ihr Netz gespannt, saß da jetzt mittendrin und beobachtete mich. Sie hatte alle acht Beine weit von sich gespreizt. Vielleicht um mir ihre ganze Größe zu demonstrieren. Und diese Demonstration erreichte wahrlich ihren Zweck: Ich war zutiefst beeindruckt. Der urige Hang vor meinem Fenster war also nicht nur ideal für niedliche Tierchen.

Was sollte nun werden? Ich musste mich um meine Senioren kümmern. Aber das Zimmer brauchte dringend frische Luft. In diesem Mief konnte ich unmöglich schlafen. Ich sah zur Spinne hin. Mein Monster saß noch immer unbeweglich am selben Fleck. Ich ging langsam zum Fenster. Dabei machte ich mir klar, dass ja immer noch eine Scheibe zwischen uns lag. Ich war also außer Gefahr. Die Spinne ließ mich ganz dicht heran kommen. Sie hatte wohl auch die Fensterscheibe einkalkuliert.

Es war wie gesagt, ein verdammt großes Tier. Das aber war wiederum das Interessante, trotz aller Abneigung gegen Spinnen. Denn ich konnte ihren Körper sehr genau sehen. Da ich mich in Sicherheit wiegen konnte, ging ich ganz langsam mit der Nasenspitze bis an die Fensterscheibe. Sie war behaart und ihre Beißwerkzeuge schienen in Hab-Acht-Stellung zu sein. Ich drehte den Fensterknauf und wollte die Schräge öffnen. Wir hatten uns beide fest im Visier. Erst als ich am Fenster ruckte, weil es klemmte und ein weiches Öffnen nicht möglich war, machten wir beide einen Satz. Ich wieder nach hinten und die Spinne zur Seite. Weg war sie. Einigermaßen beruhigt stellte ich fest, dass uns nicht nur das Glas trennte. Vor dem Fenster hatten findige Leute Gage angebracht, um ungebetene Gäste fern zu halten. Ich ging erst einmal meinem Tagewerk nach.

Zur Nacht wollte ich mein Fenster ganz groß öffnen. Meine Spinne war nicht zu sehen und so ging ich mutig ans Werk. Ich klappte die Schräge zu und die volle Breitseite auf. Keine Spinne da. Dafür musste ich aber feststellen, dass die Gage genau an der Stelle, an der das Spinnennetz gebaut war, einen Riss hatte. Die Fäden waren ausgefranst und die Lücke wäre sicherlich groß genug, damit sich das Tierchen hindurch zwängen konnte. Allerdings müssen schon andere vor mir ähnliche Erfahrungen gemacht haben, denn diverse Klebestreifen zeugten von etlichen Versuchen, diesen Riss zu schließen. Eine Weile grübelte ich noch, wie ich nun zu diesem neuen Umstand und seinen Konsequenzen stehen sollte. Da kam ganz langsam die Spinne aus irgend einem Spalt hervor. Nur soviel, dass sie mich und das Zimmer im Blick hatte, aber auch jeden Moment den Rückzug antreten konnte. Ich war müde und beschloss, auf mein Schicksal zu vertrauen. Denn anscheinend war sie da draußen zu Hause. Durch die marode Gage hätte sie längst drin sein können. Und falls sie in der Nacht nur mal neugierig sein sollte, würde sie doch sicher nicht gleich unter meiner Bettdecke landen. Außerdem – in der Lauerstellung, in der sie sich befand... Ich war mir nicht mehr sicher, wer mehr Angst hatte, sie oder ich.

Von nun an gehörte es zu meinen Ritualen, bei jedem Gang in dieses Zimmer als erstes nach der Spinne zu sehen. Meist traf ich sie auch an. Groß, bewegungslos, lauernd. Ich beobachtete argwöhnisch, ob sie womöglich zu mir rein wollte. Und sie beobachtete mich, ob ich vielleicht zu ihr raus wollte. Mit der Zeit gewöhnten wir uns aneinander. Sie sprang beiseite, wenn ich das Fenster öffnete, verschwand aber nicht vollständig. Wir hatten uns immer im Blick. Ich verlor die Angst, dass sie Wert auf einen Besuch im Zimmer legte. Ihre Natur da draußen war viel schöner und bot anscheinend genügend Sicherheit. Einmal hatte sie allerdings die Freundschaft für ein paar Tage gekündigt. Es war draußen sehr stürmisch. Meine Spinne thronte trotzdem mitten im Netz, denn hier unten kam kein Windzug hin. Doch dafür zog es im Haus und die Tür fiel mit lautem Knall ins Schloss, dass die Wände erzitterten. Sie sprang nicht nur wie sonst beiseite, sondern landete im Gesträuch hinter sich. Mühsam krabbelte sie da wieder heraus und verschwand. Ich glaube, sie hat mich noch vorwurfsvoll angesehen. Jedenfalls tauchte sie erst nach vier Tagen wieder auf.

Diese Seniorenbetreuung dauerte ein ganzes Jahr. Ich war immer vierzehn Tage im Einsatz, vierzehn Tage zu Hause. In dieser Zeit versorgte eine andere Frau den Haushalt. Bevor ich weg fuhr, sah ich nach meiner Spinne und verabschiedete mich. Wenn ich wiederkam, sah ich als erstes, wie es ihr ging. Sie war meine Freundin geworden.

Als ich das letzte Mal zu meinem Senior kam, war klar, es wird ein Abschied für immer. Seine Frau starb schon ein paar Monate eher. Ich ging in mein Zimmer und natürlich an mein Fenster. Die Spinne war nicht da. Als ich das Fenster öffnete, sah ich was geschehen war. Irgend etwas musste sie doch in den Raum gelockt haben. Oder sie wollte zumindest mal neugierig durch den Spalt hinein sehen. Ihr Körper war eingequetscht zwischen Fenster und Rahmen. In seiner ganzen Größe. Jeden Morgen und jeden Abend ging ich trotzdem nachsehen, ob irgendwo eine große Spinne zu sehen war. Es hätte ja auch eine andere Spinne sein können, die da einen Unfall hatte. An meinem letzten Tag tauchte eine wesentlich kleinere Spinne auf. Sie schien das große und vor allem kräftige Netz “meiner“ Spinne in Besitz zu nehmen. Aber ich hatte keine Zeit mehr, sie genauer zu beobachten. Ich glaube auch nicht, dass ich zu einer anderen Spinne wieder eine solche Freundschaft aufbauen könnte.



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