17.02.2011

Der vermeintliche Apfelklau

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„Hast du schon mal gestohlen?“ Abrupt endete das Quietschen der Kinderschaukel.  Eine pechschwarze Wolke schob sich drohend vor die Sonne und verdunkelte den gepflegten Vorgarten der Familie Meisterl. Ein bremsender Turnschuh wirbelte eine feine Staubfahne hoch.

„Bist du verrückt? Das darf man nicht!“ Jakob Grüners tiefblaue Augen blickten mahnend auf seinen siebenjährigen besten Freund. Marko Meisterl saß scheinbar gelangweilt in der gepflegten Wiese vor seinem Elternhaus in Weitersbach, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Wie immer trug er seine Schirmmütze verkehrt und ein weizenblondes Haarbüschel lugte keck darunter hervor. Seine mandelbraunen Augen, eben noch auf den Holzstab gerichtet, an dem er eifrig schnitzte, richteten sich jetzt tadelnd auf Jakob.

„Du Schisser. Ein Jahr älter als ich und hat Angst davor, etwas Verbotenes zu tun.“ Das war eine unverhohlene Herausforderung.  Jakob saugte hörbar die Luft durch seine sommersprossige Nase. Sein feuerrotes Haar leuchtete in der Sonne wie ein schrilles Alarmsignal. „Hast du denn schon ...?“, fragte er bissig.

„Nein, aber ich würde mich trauen.“

„Spinnst du, wenn wir erwischt werden gibt’s Ärger.“

„Pah ...“ quiekte Marko vergnügt „darum geht es ja. Man soll sich nicht dabei erwischen lassen.“ Er rammte, um seine Worte zu untermauern, den  fertig gespitzten Holzstab in die Wiese, spielte mit verstohlenem Blick auf Jakob mit den abgefallenen Holzspänen und meinte: „Mir ist fad, lass uns was unternehmen.“ Jakob sprang von der grünen Metallschaukel und setzte sich im Schneidersitz neben Marko ins Gras. Mit einem Gefühl böser Vorahnung fragte er: „Was wollen wir unternehmen?“

Marko sprang auf und verschränkte seine dünnen Arme über dem Logo seines Lieblingsvereins. Sein SK-Sturm Trikot mit der Rückennummer 10 war ein Synonym für Schlitzohrigkeit und Spielwitz und er wollte seinem großen Idol Ivica Vastic darin nacheifern. Er blickte auf den mannshohen Fichtenzaun der das Nachbargrundstück umschloss und ein breites Grinsen legte sich auf seine schmalen Lippen.

„Lass uns beim alten Tranninger einen seiner geliebten „James Grieve“ mopsen.“ Jakob blickte Marko ratlos an.

„Was sollen wir klauen?“

„Einen Apfel, du Blödmann. Du weißt doch, wie der alte Tranninger auf seine Äpfel achtet und wie  er immer mit ihnen angibt.“

Marko versuchte nun einen Bauch zu formen, indem er ein Hohlkreuz machte, dann stemmte er beide Fäuste in die Hüften, drückte den Kopf nach unten und stotterte mit kehliger Stimme: „Si ... si ... sind sie nicht wu ... wu ... wunderbar, meine Ja ... Ja ... James Grieve, Frau Mei ... Mei ... Meisterl.“

Jakob kugelte im Gras und hielt sich den Bauch. Das sein blütenweißes „Real-Madrid-Trikot“ dabei Grasflecken abbekam schien ihn nicht weiter zu stören. „Wenn er uns erwischt, dann gibt’s was hinter die Löffel“, mahnte er lachend. „Darum müssen wir ja vorsichtig sein. Auf seine „Ja ... Ja ... James Grieve“ passt der Tranninger auf, wie Mutter auf Vater, wenn wir ins Schwimmbad gehen.“

Die beiden  lachten im Duett und in der Ferne war leises Donnergrollen zu vernehmen. Über den Latten von Tranningers Fichtenzaun flimmerte die Hitze der Augustsonne. Zwei kleine Lausbubenkörper in kurzen Hosen und Fußballtrikots pressten sich geduckt an das warme Holz.

„Wir steigen hinten ein“ raunte Marko Jakob ins Ohr. Ein Klimmzug an der Einzäunung, die sich an einen mit dürren Gräsern bewachsenen Wiesenhang schmiegte, und die beiden Strolche standen im fremden Garten.  Geduckt wie zwei angreifende Großkatzen schlichen sie an der Westseite des weiß gestrichenen Einfamilienhauses entlang. An der vorderen Hausecke angekommen streckt Marko seine geballte Faust kommandierend in die Höhe. Jakob stoppte.

„Da ...“ flüsterte Marko und streckte seinen Arm nach vorne „da sind sie.“

Markos Hand war aber zu weit nach vorne geraten. Eine graue, faltige, behaarte Hand schnellte von der Seite in sein Blickfeld und legte sich wie eine Schraubzwinge um sein Handgelenk.  Erschrocken schrie Marko auf und begann sich verzweifelt zu wehren, doch der eiserne Griff lockerte sich keinen Millimeter. Jakob raste von panischer Angst beflügelt zurück zum Zaun. Als wäre dieser nicht mehr vorhanden schwang er sich darüber hinweg. Sich in Sicherheit wiegend, lag er schwer atmend im Gras und lauschte. Sein Blut pulsierte in seinen Schläfen und erst nach einigen Minuten wagte er, auf den Wiesenhang zu klettern, um über den Zaun in den Garten zu spähen. Was er dort sah ließ ihn schaudern. Unter den ausladenden Ästen eines riesigen Apfelbaums stand Marko, die Hände zu einer Schale gefaltet. Sein konfuser Blick lag auf einem saftig rotgelben James Grieve. Neben ihm stand der alte Tranninger in schmucklosem weißen Ruderleiberl und einer kurzen abgetragenen Lederhose, seine Hand lag auf Markos Schirmmütze. Jakob glaubte seine Ohren nicht zu trauen, als er nun hörte: „Na ..., wie sch ... sch ... schmecken dir meine Ja ... Ja ... James Grieve.“

 

Erst da bemerkte Jakob das hinterlistige Grinsen seines besten Freundes und als ihm der alte Tranninger nun freundlich einladend zuwinkte, durchschaute er das abgekartete Spiel der beiden.



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Kommentar von Steirerbua:
(18.02.2011 um 14:42 Uhr)

Hallo Heinzelmannberater, herzlichen Dank für dein Lob. Darauf werde ich aufbauen und weiter arbeiten. Mein Studium an „Die große Schule des Schreibens“ scheint nach zwei Monaten zu fruchten. Man geht an eine Geschichte auch anders heran, wenn der Blickwinkel durch einen Profi geschärft und in eine andere Richtung gelenkt wird. Hat Spaß gemacht, die Geschichte zu schreiben und toll, wenn es dem Leser gefällt. Lg Fred

Kommentar von Heinzelmannberater:
(18.02.2011 um 13:41 Uhr)

Obwohl es nur um einen Apfel ging, fand ich die Geschichte beim Lesen sehr spannend. Ich konnte es kaum noch erwarten, zu erfahren, wie die Geschichte zu Ende geht. Das macht meiner Meinung nach eine gute Kurzgeschichte aus.




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