14.09.2008

Der blaue Garten

() 3. Platz - Gsf 2008 Beitrag

Ich wusste absolut nicht, wie lang ich schon unterwegs war, es müssen auf jeden Fall mehrere Tage gewesen sein. Ich lief hinter Dr. Edgar her, sah sein verschwitztes T-Shirt, einen grauen Kranz von Haaren, der seine weiße Baseballmütze und die darunter liegende Glatze umgab und an seiner Haut klebten.

 

Wie hatte ich mich nur auf diese Suizid-Mission einlassen können? „Helfer gesucht. Gute Bezahlung.“ las ich im Hamburger Anzeiger vom letzten Dezember.

Ich war wieder mal pleite gewesen und brauchte Geld, also rief ich Dr. Edgar an. Als ich das erste Mal seine kratzige Stimme hörte, war er mir auf Anhieb sympathisch. Also traf ich mich mit ihm in einer kleinen Bar, denn wie er sagte, war die Mission streng geheim und konnte nicht am Telefon besprochen werden.

Ich dachte damals nur an das Geld und lies mich auf sein Angebot ein. Er bot mir 2000 Euro im Voraus und versprach mir weitere 3000 für die Heimkehr. Ferner wollte er für Spesen aufkommen und meinen Flug zahlen. Es sollte nach Ostafrika, genauer gesagt, Kenia gehen.

Dort wollte er den blauen Garten finden, mehr verriet er mir zu diesem Zeitpunkt nicht.

Nach einem erste Klasse Flug und unserer Ankunft in Nairobi, war ich guter Dinge. Ein neues Land, Urlaub, es war Dezember und im Vergleich zu Deutschland war das Wetter phantastisch, ich sollte alles umsonst bekommen und zur Belohnung gleich noch mal so viel Geld, um mir einen Luxusurlaub leisten zu können. Oder meine Schulden zu begleichen.

Die ersten beiden Tage verbrachten wir dann damit, die holprigen Straßen mit all ihren Schlaglöchern und Unebenheiten mit einem gemieteten Pick-up zu befahren.

Ich hatte mich schnell an die Umstellung auf den Linksverkehr eingestellt und konnte so die wunderbare Landschaft genießen. Wir fuhren an Ananasplantagen, vorbei, riesige Felder mit grünen Stacheln, sahen Bananenplantagen, selbst Giraffen und rehähnliche Tiere, genannt Topis, standen am Wegesrand.

Wir hielten nur für menschliche Grundbedürfnisse und um den Platz am Steuer zu tauschen an. Während der Doktor fuhr, schlief ich, so gut es unter den gegebenen Umständen ging, um mit ihm, wenn er erschöpft war, zu tauschen. Er döste dann immer wieder für eine halbe Stunde, beziehungsweise immer so lang, bis ich ihn weckte, um mich zu versichern, dass die Route noch richtig war. Er breitete dann immer eine Landkarte, die das ganze Armaturenbrett bedeckte, aus und wusste binnen kürzester Zeit genau über unseren Standpunkt bescheid und konnte dann mit Hilfe seines Kompasses stets die richtige Richtung weisen.

Obwohl mich der Doktor ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass er über unsere Mission nicht reden könne, konnte ich meine Neugier bereits nach dem ersten Tag nicht mehr zurückhalten. Wir machten gerade eine Rast, der Doktor, von dem ich immer noch nicht den Vornamen wusste, kam gerade hinter einem Gebüsch hervor, öffnete die marode und angerostete Tür mit einem beherzten Ruck und setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich musterte ihn kurz, dann fragte ich: „Sagen Sie mal, Doktor Edgar, wollen sie mir nicht endlich verraten, was wir hier eigentlich suchen?“

Er hielt kurz inne, schwieg einige Augenblicke, dann: „Noel, ich habe ihnen schon einmal gesagt, dass ich nicht darüber reden darf. Das Einzige, was ich ihnen sagen kann, ist, dass, wenn unsere Mission glückt und wir tatsächlich finden können, was wir suchen und es dann auch noch bekommen, werden wir der Medizin und damit der ganzen Menschheit große Dienste erweisen. Und nun fahren sie weiter, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Unbefriedigt, jedoch nicht gewillt, weiter nachzubohren, drehte ich den Zündschlüssel um und fuhr weiter, eine große Staubwolke hinter dem Auto zurücklassend.

Wir fuhren und fuhren und fuhren.

 

Schließlich kamen wir an, die letzten fünf Sunden war Dr. Edgar mit einem derartigen Tempo gerast, dass ich große Mühe hatte, das gegen 14 Uhr eingenommene indische Curry im Magen zu halten, an Schlaf war erst gar nicht zu denken. Schlaglöcher, Steine, sogar beinahe ein Topi, Dr. Edgar kannte keine Gnade, er fuhr mit eisernem Fuß. Gegen Anfang seiner Fahrt versuchte ich ihn noch dazu zu bringen, sein Tempo zu mäßigen, gab jedoch nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen resigniert auf, es hatte einfach keinen Zweck. Seit er mit bebender Stimme „Wir müssen bald da sein“ verkündet hatte, waren seine sonst eher trüben, von roten Äderchen durchsetzten Augen plötzlich zu leben erwacht, sie funkelten gerade zu, was mein Befinden in Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der wir durch die Steppe zischten, nicht gerade zum Guten wendete, er machte mir schon Angst.

Ich hatte schon lange aufgegeben, mir zu merken, aus welcher Richtung wir gekommen waren und mir klar zu machen in welchem Teil des Landes wir uns gerade befanden, es kam mir nach einer Weile ohnehin alles gleich vor.
Da waren wir also endlich, irgendwo in Kenia und ich hatte immer noch kaum eine Ahnung, was wir hier suchten. „Doktor?“, hieb ich an, als wir gerade hinter einem großen Busch in der nähe einer Art Palast parkten, „wollen Sie mir nicht endlich mal verraten, was wir hier suchen?“ „Nicht Jetzt. Du wartest jetzt hier, bis ich zurückkomme, dann erklär ich es dir.“
„Aber..:“, noch ehe ich Einwand erheben konnte, war die Fahrertür geöffnet und geschlossen worden und der Platz neben mir war leer, Dr. Edgar verschwand mit hastigen Schritten in Richtung des Palastes. „Toll“, dachte ich mir und überlegte, was ich tun könnte.

Ich dachte nach, lies die vergangenen Tage vor meinem inneren Auge Revue passieren und schätzungsweise dauerte es keine fünf Minuten, bis mir die Augen zu fielen.

Geweckt wurde ich selbstverständlich von Edgar, der einen äußerst unbefriedigten Eindruck machte. Er setzte sich neben mich, mit gepresster und wütender Stimme schimpfte er: „Dieser blöde hochnäsige Penner von indischem Scheich. Besitzt die verdammt noch mal einzig bekannte erhaltene Pflanze der rumalis sanctuaris, hat keine Ahnung was für einen Schatz er da in seinem geschmacklosen blauen Garten hat, und will ihn trotzdem nicht rausrücken. Unser Institut hätte ihm eine Summe gezahlt, von der das ganze Land, in dem er lebt, mindestens ein Jahr würde leben könnte und er sagt „unverkäuflich“ unglaublich, einfach unglaublich“, er schüttelte nur noch den Kopf. Ich war plötzlich perplex, blaffte nur:

„Aber wie? Aber was? Rumanis was? Blauer Garten? Schatz? Ich kapier überhaupt nichts mehr, wollen sie mich vielleicht endlich aufklären?“

Jetzt sah mich Dr. Edgar direkt an. Ich konnte die Wut in seinen Augen blitzen sehen, der alte Mann hatte sich seit unserer ersten Begegnung bemerkenswert verändert.

„Also gut“, begann er, „wir beide sind hier für Pharmosa unterwegs. Deinem Blick nach zu urteilen, kennst du Pharmosa nicht, hätte mich auch schwer gewundert. Pharmosa ist ein Betrieb im Pharmagewerbe, in dem Spezialisten aus aller Welt arbeiten und der Subventionen vom Staat bekommt, jedoch ein autonomes Unternehmen ist. Wir entwickeln Medikamente gegen lebensbedrohliche Krankheiten und verkaufen diese dann an Pharmakonzerne wie Bayer. Apropos, du hast sicher schon mal was von Heroin gehört; damit hatte unsere Firma einst den großen Durchbruch geschafft, wir entdeckten es als Schmerzmittel und konnten es kurz nach der Entdeckung an Bayer verkaufen. Dummerweise wurden die Substanzen damals höchstens über den Zeitraum einer Woche an Menschen getestet, weswegen niemand von Pharmosa damals wusste, was für ein Teufelszeug da eigentlich erschaffen worden war. Was dann passiert ist weist du vermutlich, das Zeug wurde ganz schnell verboten, doch nicht allzu schwer herzustellen und so nahm alles seinen Lauf...“, sein Blick schweifte in die Ferne, er bekam feuchte Augen, während ich nur fassungslos da saß, die Kinnlade am Hals klebend. Dann fing er sich wieder und setzte seinen Monolog fort: „Naja, auf jeden Fall stellen wir Medikamente her und sind an was ganz schön bahnbrechendem dran und dazu brauchen wir eben diese scheiß Blume, nach einer Biologie- und Medizinprofessorin aus England, die hier aufgewachsen ist, enthält sie eine Essenz die für unser Vorhaben von großem Nutzen sein kann. Der feine Herr, dem dieser Palast hier gehört, Abdul el Haradschi, unterhält in all seinem Größenwahn neben einer Fünfköpfigen Giraffenfamilie und einem zahmen Geparden einen riesigen Garten, der unter dem Namen „Blauer Garten“ bekannt ist. Dort archiviert, sammelt und pflegt ein mehrköpfiges, hochbezahltes englisches Gärtnerteam sein Heiligtum, den blauen Garten. Der Name rührt übrigens daher, dass Abdul ein Faible für die Farbe blau hat, weswegen er in seinem Garten ausschließlich Pflanzen hat, die die Farbe blau tragen, auch gemischt mit Rot- und Grüntönen. Unser Institut hat für diese Mission eine wirklich hohe Summe bereitgestellt, allerdings nutzt sie uns nichts, da dieser Ignorant neben seinem goldenen Thron wahrscheinlich noch ein Erlebnis- und Spaßbad besitzt, indem Öl anstatt Wasser fließt. Ich muss jetzt raus, mir ein bisschen die Beine vertreten, nachdenken. Wir müssen diese Pflanze einfach haben.“

Mit diesen Worten ließ er mich wieder allein. Ich beschloss auch auszusteigen, um aus der Informationsüberflutung, die mich so eben noch drohte zu ertränken, auftauchen konnte. Ich stieg also aus und bemerkte erst jetzt, dass es draußen tiefste Nacht geworden war. Fast automatisch wendete ich meinen Kopf in Richtung Himmel. Abermals wurde ich übermannt, diesmal jedoch von der unglaublichen Sternenfülle die über mir schwebte. Es war kein Mond zu sehen, ich hörte das monotone Zirpen der Zikaden, ferner seltsame Geräusche, die mich entfernt an Affen erinnerten und starrte gebannt in den Himmel. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen derart schönen Sternenhimmel gesehen und lies mich von diesem überwältigenden Anblick einige Momente tragen, bis mir wieder einfiel, warum ich diesen Himmel überhaupt sehen konnte, wodurch ich die Augen für die Schönheiten der Natur schlagartig verlor. Dr. Edgars Worte hallten in meinem Kopf. Ich dachte nach, wunderte mich über die Geschichte vom Heroin, durch dessen verschlingende, einnehmende Hinterlistigkeit ich erst vor einem halben Jahr einen guten Freund verloren hatte, ich selbst hatte das Zeug zum Glück nie angefasst. Mir war zwar bewusst, was das für eine Substanz war, aber wer sie erfunden hatte war mir völlig neu. Pharmalis, das waren also die Übeltäter und für die arbeitete ich seit ein paar Tagen ohne es zu wissen. Was wenn sie etwas noch viel schlimmeres erfinden würden mit dieser Blume? Warum hatte Dr. Edgar vorhin so glasige Augen? Was kommt als nächstes auf uns zu?

Ich ging zu ihm hin und fragte ihn, wann das Heroin erfunden worden sei, nur um ihn in ein Gespräch zu verwickeln, ich brauchte das jetzt, wollte mich nicht mit mir selbst beschäftigen-„Muss irgendwann um 1870 gewesen sein, da waren wir beide noch nicht einmal in Planung“

„Achso“, stammelte ich, „dürfte ich vielleicht erfahren warum Ihnen das Thema vorhin so nahe ging? Als sie von Heroin erzählt haben, sahen sie nicht gerade glücklich aus?“ Jetzt war es mir egal, er konnte mich ja schlecht feuern, schließlich war ich hier sein einziger Verbündeter, was ihm wohl auch klar wurde, denn er antwortete:

„Eigentlich geht dich das ja nichts an, aber gut, mein Sohn ist seit 25 Jahren auf diesem verfluchten Zeug, zumindest weiß ich seit dem davon, er war damals zwanzig als ich ihn in seinem Zimmer mit der Spritze im Arm fand...es war so schrecklich...“ Jetzt wurde die Situation unangenehm, ich versuchte abzulenken: „Hmm...und... haben sie inzwischen einen Plan, wie wir an diese Blume kommen?“ Er gab keine Antwort, starrte wieder ins Leere. Nach einigen Momenten wiederholte ich meine Frage, aufgeschreckt durch selbe entfuhr ihm ein lautes „WAS?“, worauf ich ihm die Frage ein drittes Mal stellte.

Dr. Edgar schüttelte den Kopf, schien dann wieder zu sich zu kommen: „Ach, der Plan, der Plan...ja, moment.“ Er fixierte mich nun mit seinem stechenden Blick und begann zu sprechen: „Also, wie du weißt, brauchen wir diese Blume, egal unter welchen Umständen, aber kaufen können wir sie nicht.“ Jetzt machte er eine bedeutungsvolle Pause, sah mich fragend an, er erwartete wohl Zustimmung. Ich nickte, er fuhr fort: „Also müssen wir sie uns holen, genauer gesagt du musst sie holen.“

„ICH? Aber warum ich? Ich weiß doch nicht einmal wie dieses Ding aussieht, weiß nicht mal so recht ob ich damit überhaupt den richtigen Menschen helfe.“ Ich wollte da echt nicht einbrechen, hatte keine Lust, die Inneneinrichtung eines Privatgefängnisses dieses Scheichs zu begutachten, wollte nicht vom dressierten Geparden gefressen oder von den Wachen gevierteilt werden, ich bekam es wirklich mit der Angst zu tun. Doch dann kam von Dr. Edgar das Argument, das mich endgültig überzeugen sollte:

„Glaub mir, du stehst auf der richtigen Seite. Außerdem bekommst du sofort nachdem du die Blume geholt hast, zusätzliche 3000 Euro zu deinem Lohn dazu. Ist das ein Angebot?“

Er streckte mir seine alte faltige Hand entgegen, grinste über beide Ohren, schaute mich mit hoffnungsvollen Augen an, worauf ich nicht mehr widerstehen konnte; ich nahm seine Hand, schüttelte sie, und murmelte: „Na gut, ich mach`s. Aber nur für die Forschung.“
„Na also“, war seine erleichterte Antwort und mit einem Seufzer machte er sich daran, mir den Plan zu erklären.

Ungefähr zwanzig Minuten später hing ich an einer Mauer, die laut dem Professor direkt den „blauen Garten“ abschirmte, den linken Fuß seltsam verkrümmt an der Mauer, den rechten noch in der äußerst instabilen „Räuberleiter“ des Doktors, die Hände klammerten sich an die unteren Teile der handgroßen Metallspitzen, die aus der Mauer ragten und Leute wie mich abhalten sollten, in den Garten des Palastes zu gelangen. Schließlich gelang es mir mit tatkräftiger Unterstützung des Doktors, die Mauer zu erklimmen. Auf der Mauer versuchte ich mich so kurz wie möglich aufzuhalten, um eventuelle Wachen nicht auf den Plan zu bringen. Also manövrierte ich mich über selbige, indem ich es schaffte, mich nicht an den Spitzen zu stechen und sprang mit einem beherzten Sprung die drei Meter Stein auf der anderen Seite wieder hinunter und landete direkt in einem Blumenbeet. Ich hielt kurz inne, um mich zu orientieren und die seltsame Zeichnung zu studieren, die mir der Doktor angefertigt hatte. Dabei bemerkte ich, dass mein Herz schlug wie ein Subwoofer in einer Technodisko, mir der Schweiß von der Stirn triefte und das Gefühl in meinem Magen mich eher an eine Achterbahnfahrt als an einen Urlaub in Ostafrika erinnerte. Ich konnte auf der Zeichnung auf Grund der pechschwarzen Nacht, die mich umgab, rein gar nichts erkennen, weswegen ich mein Feuerzeug aus der Hosentasche fischte und mir damit zu Erleuchtung verhalf.

Dr. Edgar hatte die Zeichnung so angefertigt, dass ich mit ihr von meiner aktuellen Position genau zur Blume gelangen konnte. Ich schlich den Marmorweg unter meinen Füßen entlang und sah immer nur Umrisse von Pflanzen, roch verschiedene Arten von Blumen, keine davon erinnerte mich jedoch an etwas, was ich schon mal gerochen hatte.

Ich hörte immer noch die Grillen, sonst war nur die Stille der Nacht gegenwärtig. Ich sah, dass im Palast noch einige Lichter brannten, jedoch glücklicherweise keines in meiner Nähe.

Dann stieß ich an ein separates Beet, das laut meiner Zeichnung die Blume enthalten musste, nach der ich suchte. Also tastete ich über den Boden des Beets, stieß jedoch nicht auf Widerstand. Ich musste ein Fluchen unterdrücken, hoffte darauf, die Blume doch noch zu finden, sie musste einfach hier sein. Ich dachte an die 3000 Euro, dachte an meine Familie, an die Schlagzeilen in der Zeitung, wenn ich hier erwischt werden würde. „Tourist klaut Blume von Scheich und wird von Geparden gefressen“ oder „Dummer Deutscher klaut Weltkulturerbe und wird den Piranhas zum Fraß vorgeworfen“, den Verlauf meiner Zukunft schätze ich also stark pessimistisch ein. Ich versuchte gerade, den hämmernden Puls in meinen Ohren zu ignorieren, um selbige auf das Erlauschen potentieller Gefahren benutzen zu können, als ich beim geistesabwesenden Absuchen des leeren Beetes plötzlich auf eine Pflanze stieß. Genauer gesagt, eine Blume, ich hatte sie in der Hand, die, für die ich bis nach und quer durch Kenia gereist bin, wegen der ich unter Schlafmangel litt, die Grund für mein Herzrasen und meine Schweißausbrüche war. Sie war jetzt mein Schatz, der mir viele schöne Stunden bescheren und den ich aus einem armen in ein reiches Land bringen würde – ich knipste sie vorsichtig am unteren Ende mit dem Fingernagel ab und verstaute sie gerade in der Tasche, als, vermutlich auf Grund eines durch mich ausgelösten Mechanismus, der komplette Garten hell erleuchtet war und Sirenen begannen, zu heulen. Einige Sekunden blieb ich regungslos stehen; der Schock elektrisierte jede Zelle meines Körpers, die Horrorszenarios vom Misslingen meiner Mission stiegen mir in den Kopf, doch wurden, nach dem ich die erste Wache nahen sah, von purem Adrenalin weggeweht. Ich nahm den Zeigefinger und Daumen in den Mund, was das Zeichen für den Doktor war und rannte schnurstracks in die Richtung der Mauer zurück aus der ich gekommen war, auf die Stelle zu, von der ich vermutete, gekommen zu sein. Ich trampelte alle möglichen schillernd blauen Pflanzen nieder, als ich quer durch die Beete sprintete. Ich sah himmelblaue Veilchen, azurblaue Primeln, selbst purpurnen Farn, ein seltsam kleiner Baum, der babyblaue Blätter trug, alles, an was ich vorbeirauschte, was unter meinen Füßen verschwand, war blau. Als ich mich der Mauer näherte, konnte ich schon das Seil sehen, das der Doktor von der anderen Seite festhalten musste, rannte mit voller Geschwindigkeit auf die Mauer zu und erklomm sie in Sekundenschnelle, mein Kopf pochte, als ich mich hochzog, ich hörte die Wachen hinter mir schreien, spürte eine Hand an meinem Bein zerren, schüttelte diese aber mit einem beherzten Tritt nach hinten ab und konnte samt Seil vom oberen der Mauer auf die rettende Seite springen; ich drehte mich ein letztes Mal um und sah, was für ein Glück ich eigentlich gehabt hatte, da, wo ich noch vor wenigen Sekunden gestanden hatte, streifte jetzt ein tief und bedrohlich schnurrender Gepard umher, der mich wohl nur zu gern als Mitternachtssnack gehabt hätte. Ich schaute mir dieses beeindruckende Tier mit seinem betörende Muster noch kurz an und sprang dann von der Mauer. Auf der anderen Seite stand schon unser Jeep bereit, Dr. Edgar auf dem Fahrersitz, mit gehetztem Blick, mich zu ihm winkend. Schon saß ich neben ihm, er fuhr mit quietschenden Reifen los, gerade noch rechtzeitig, um nicht die Tür von den nahenden Wachen aufgerissen zu bekommen, wir verließen den Schauplatz mit einer wirbelnden Staubwolke, fuhren in die Nacht hinein. Nach kurzer Fahrt schaltete der Doktor die Scheinwerfer aus und fuhr beinahe ohne etwas zu sehen einige Kilometer durch die Nacht, bis wir an einem kleinen Holzhäuschen ankamen, das, wie sich später herausstellte, von einem Freund Dr. Edgars vor vielen Jahren so geschickt zwischen Felsen gebaut worden war, dass es niemand kannte und finden konnte. Dort schliefen wir, nachdem wir das Auto mit von Dr. Edgar gesammelten Zweigen abgedeckt hatten und schon am nächsten Tag befanden wir uns auf dem Heimflug, meine Zukunft war gerettet, ich hatte einen Haufen Geld in der Tasche und eine wahnsinnige Story, mit der ich meine Freunde beeindrucken konnte. Außerdem war ich verdammt blau.



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Kommentar von Vagabund:
(27.05.2010 um 17:21 Uhr)

Genial :-)

Kommentar von Bortid:
(20.09.2008 um 12:47 Uhr)

danke danke =)

Kommentar von ronja:
(18.09.2008 um 18:37 Uhr)

deine geschichte ist echt nicht schlecht
... und ziemlich lang:)

Kommentar von chrystalman:
(18.09.2008 um 08:29 Uhr)

Ziemlich gut deine Geschichte!




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