27.12.2011

Das Wunder des kleinen blauen Autos

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Bild zu Ich weiß nicht, woher sie plötzlich gekommen waren. Sie standen mit einem Mal neben meinem Auto und blickten mit großen hungrigen Augen durch das von der Kälte beschlagene Seitenfenster.
Ich überlegte, ob ich weiterfahren oder aussteigen sollte. Denn ich konnte mir nicht erklären, was sie von mir wollten, hier draußen im Dunkeln, auf der vereisten, stark verwehten Landstrasse. Die kleinen bäuerlichen Fachwerkhäuser, deren hellerleuchteten Fenster in mir unstillbare Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit geweckt hatten, lagen bereits weit hinter mir. Es hatte zu schneien begonnen, erst leicht, in kleinen weichen Flocken, dann größer und stärker, bis von einer kräftigen Bö getragen, unförmige weiße Wattefetzen gegen meine Scheiben klatschten.
Neugierig öffnete ich die Wagentür. Der eisige Wind schnitt mir sofort ins Gesicht und reizte mich zum Husten.
Im faden Licht des Scheinwerfers erspähte ich einen Jungen und ein Mädchen. Das kleinere Mädchen schätzte ich auf höchstens sechs Jahre. Trotz der Kälte trugen die beiden keine Handschuhe, keinen Schal und keine Mütze. Auch die übrige Kleidung schien den augenblicklichen Witterungsverhältnissen wenig angepasst.
Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass sie sicher schon bessere Tage erlebt hatten.
Der Junge pustete seinen warmen Atem in die von der Kälte geröteten, steifen Hände, während das Mädchen neugierig in meinen Wagen schaute und mit heller Stimme ins Innere rief: "Das ist ja ein Hund! Och, ist der niedlich! Darf ich den mal streicheln?"
Janosch hatte sich daraufhin in seiner ganzen Größe erhoben und ihr sofort, wie es seine Art war, sein weiches Schlappermaul entgegengestreckt.
Ich kannte meinen Boxer und wusste, dass er diese willkommene Abwechslung mit Freuden registrierte. Anders als ich. Denn an den nun sehr wachen und mit großem Interesse auf mir ruhenden Augen des Jungen erkannte ich, dass es nicht mein Hund war, der sie angelockt hatte, sondern dass die Kinder ein Anliegen hatten. Da ich mich durch ihr Auftauchen in meinem Gedankengang gestört fühlte, reagierte ich mit abweisendem Gesichtsausdruck. Schließlich wusste ich von vornherein, dass ich ihnen sowieso nicht helfen konnte, egal, welche Bitte sie auch hätten.
Doch da hatte der Junge bereits einen kleinen schäbigen Beutel hervorgeholt, in dem er nun eifrig kramte. Nach einem kurzen Moment förderte er zwei selbstangefertigte Holzspielzeuge zutage, von denen er eines dem Mädchen gab. Es waren zwei an einer Schnur aufgereihte Gebilde, die entfernt Ähnlichkeit mit den Kasperpuppen aus meiner Kinderzeit hatten.
Ich blickte verständnislos auf das Spielzeug, während der Junge mit einer Behändigkeit, die einem geschäftstüchtigen Kaufmann zur Ehre gereicht hätten, mir die Sachen feilbot.
"Bitte, Tante, kaufen Sie uns etwas ab!" bat er. "Es ist alles reine Handarbeit. Deshalb besonders wertvoll. Das hier ist ein Kasper, der sich an Händen und Füßen bewegt, wenn man an dem Strick zieht." Er gab mir sofort fachmännisch eine Anleitung und verwies gleichzeitig auf das Holzpüppchen in den Händen des Mädchens, welches er als eine selbstgebastelte Marionette vorstellte. "Wir zeigen dir aber gern auch noch andere Sachen, wenn du möchtest", fuhr er fort, zum kindlichen "du" übergehend. "Zum Beispiel Autos. Du hast doch sicher Kinder, denen du diese Dinge schenken kannst?" fragte er, wobei er mich lauernd beobachtete.
Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Das Spielzeug war so schäbig wie die abgetragene Kleidung der Kinder. Im Scheinwerferlicht meines Autos sah ich, dass die Kinder die Sachen tatsächlich selbst angefertigt haben mussten. Wahrscheinlich auch noch in großer Eile, denn die dünnen Holzfiguren waren miserabel ausgesägt, während krumme, hervorstehende Nägel den traurigen Rest zusammenhielten.
Umständlich beschaute ich mir das Spielzeug. Drehte es zwischen meinen Händen, bis mein Blick auf die nun bittenden Augen des Jungen traf. "Wie viel willst du denn für die Sachen haben?" hörte ich mich fragen - und ärgerte mich im gleichen Moment darüber. Denn die Antwort: "Der letzte Käufer hat uns zwanzig Euro dafür gegeben" ließ mich dreimal tief Luft holen. Es war dem Jungen deutlich anzusehen, dass er gelogen hatte. Ich schätzte, dass sie noch nicht eines der guten Stücke verkauft hatten. Wer hielt schon nachts bei eisiger Kälte, auf offener Landstrasse seinen Wagen an, um Spielzeug zu kaufen?
Ich schüttelte den Kopf und war im Begriff, die Wagentür wieder zu schließen. Doch irgend etwas hielt mich plötzlich davon zurück, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Waren es nun die beiden traurigen Gestalten, die, vom stärker werdenden Wind gebeutelt, am ganzen Körper schlotterten, die namenlose Enttäuschung in ihren Augen, als ich mich von ihnen abwandte, oder war es mein eigenes unbestimmtes Schicksal, was mich dazu bewog, statt dessen in meiner Handtasche nach einem Geldstück zu suchen.
Ich musste lange suchen. Dabei spürte ich ihre gespannten Blicke in meinem Rücken. Als ich es endlich in Händen hielt, mein letztes Eurostück, kamen mir Zweifel, und ich ließ es wieder ins Tascheninnere zurückgleiten.
In dieses letzte Geldstück hatte ich meine ganze Hoffnung gesetzt. Damit hatte ich vorgehabt, ein letztes Mal zu telefonieren. Ich brauchte doch dringend ein Dach über dem Kopf. Die Kinder konnten ja nicht wissen, dass es mir nicht besser ging als ihnen, dass ich ebenso der Hilfe bedurfte. Denn schließlich besaß ich nichts mehr als dieses Geldstück.
Vor ein paar Minuten erst, hatte ich mich schweren Herzens von meinem treuen Hund verabschiedet. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hatten mich dabei veranlasst zu Gott zu beten, mir doch wenigstens diesen Hund zu lassen. Schließlich war er das einzige, woran ich mich in meiner Einsamkeit noch klammern konnte. Für wen sollte ich denn sonst weiterleben?
Aber der Himmel war dunkel geblieben. Das erhoffte Zeichen erschien nicht, und im Morgengrauen musste ich das Tier dem Menschen überlassen, dem ich mein jetziges Schicksal verdanke..
Den Mut, aus der Einsamkeit meiner trostlosen Ehe zu fliehen, habe ich teuer bezahlen müssen. Denn nun stehe ich mitten im Winter auf der Straße, ohne ein wärmendes Zuhause.
Fast hätte ich in meiner Verzweiflung vergessen, dass es auch noch anderen so ergehen könnte wie mir, wären da nicht diese frierenden Wesen in ihren dünnen Sachen, die mich mit ihren großen Kinderaugen hoffnungsvoll hypnotisierten. In mir begann ein Kampf zu toben. Meine Hand umkrampfte das Geldstück, während eine Stimme zu mir sprach: ‚Fahr einfach weiter! Was geht's dich an?'
Doch eigenartigerweise, ganz entgegen meinem Willen, fast wie von einer magischen Kraft geleitet, öffnete ich statt dessen meine Finger, drückte das Geld in die Hand des Jungen und sagte: "Gib mir das Auto dafür!"
Augenblicklich begannen sich seine gefrorenen Züge aufzuhellen, während eine sanfte Röte über das blasse schmale Kindergesicht huschte. Der Junge ließ das Geldstück flink in der Hosentasche verschwinden und überließ, offenbar sehr froh über den Handel, mir die Wahl, unter den Spielzeugen eines auszusuchen.
Ich wählte ein kleines blaues Auto mit wackligen Rädern. Es erschien mir angemessen.
Als ich mich verabschieden wollte, waren die Kinder bereits verschwunden. ‚Undank ist der Welt Lohn', dachte ich und ließ den Motor an, um den Wagen ein wenig aufzuwärmen. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, zog es mich plötzlich fort von diesem Ort.
Ich wusste nicht, wohin ich fahren sollte. So fuhr ich einfach in die Nacht hinein, immer der Nase nach, die vereiste Landstraße entlang. Ich hatte die Kinder schon vergessen und dachte daran, was wohl der Morgen bringen würde. Da fiel mein Blick wie zufällig auf das kleine blaue Auto, das ich achtlos auf dem Beifahrersitz gelegt hatte. Und plötzlich meinte ich die Augen der Kinder durch das matte Holz leuchten zu sehen. Ich hielt an, nahm es in die Hand und betrachtete es lange und ausgiebig.
Mit einem Mal schien es mir gar nicht mehr so hässlich. Ich entdeckte mich, wie ich fast liebevoll über den kleinen hölzernen Körper strich, während meine Gedanken bei den Kindern weilten. Wer mochten sie gewesen sein? Ich hatte sie nicht einmal nach ihren Namen gefragt. Welche Not mochte sie auf die Straße getrieben haben?
Und noch während ich darüber nachdachte, erfüllte mich eine nie gekannte Zuversicht, ein fast vergessenes Glücksgefühl. Diese Kinder hatte es gewagt, sich über ihr Schicksal zu erheben. Sollte dies nicht vielleicht das erhoffte Zeichen sein, dass auch ich wieder nach vorn schauen durfte?
Ich ließ den Wagen wieder an, und je länger ich das kleine blaue Auto betrachtete, um so mehr begann sich die Idee in meinem Kopf festzusetzen, dass dies ein Zeichen des Schicksals sei, das von nun an meinen Weg in eine neue Richtung lenken würde. Und tatsächlich: Mein Wagen fuhr, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, sicher durch den Schneesturm bis vor die Haustür meiner Wohnung, die ich, weil ich sie nicht mehr hatte bezahlen können, räumen musste.
Im Briefkasten, deutlich sichtbar, glänzten zwei weiße Briefumschläge. Mit zitternder Hand öffnete ich die Kuverts. Sie enthielten ein Arbeitsangebot und die Telefonnummer einer Frau, die mir ein Zimmer in ihrem Haus vermietete.
Als ich ein paar Minuten später unter freiem Himmel stand, meinen Hund neben mir, eine Hand in seinem Fell vergraben, dankbar den Blick zum mittlerweile sternenklaren Himmel gerichtet, bemerkte ich nicht, dass mir vor Glück die Tränen über die Wangen liefen und ich das kleine hölzerne Auto noch immer gegen meine Brust drückte. Es sollte für ewig einen Platz in meinem Herzen einnehmen - aus Dankbarkeit für die beiden Kinder, die mir in jener Nacht das Glück zurückgebracht hatten.



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