15.09.2011

Begegnung

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Hohlwangig schaust du mich mit deinen riesigen, weit geöffneten Augen an. Dieser leere Blick aus dunklen Augen erschreckt mich.

Mühsam umklammern deine dünnen Finger die Haltestange, wobei sich deine Handknöchel weiß verfärben. Trotzdem wirft dich jede Bewegung der U-Bahn fast um.

Beine, dünn wie meine Oberarme, stecken wie Stöcke steif in hautengen Markenjeans. Auch die geöffnete Jeansjacke kann deine spitzen Schulterblätter nicht verbergen. Schlüsselbeine heben sich unter dem dünnen T-Shirt ab.

Zwangartig beobachte ich dich aus den Augenwinkeln weiter.

An der nächsten Haltestelle wankst du unsicher einem nun frei gewordenen Sitzplatz zu, der meinem schräg gegenüber liegt. Dein Kopf, nach unten gesenkt. Glanzlose, schulterlange Haare verdecken wie eine Gardine dein bleiches, fast graues Gesicht. Ab und zu hebst du den Kopf, schaust aus dem Fenster, die Hände kraftlos in deinen Schoß gelegt.

Ich frage mich, ob du deine Umgebung überhaupt wahrnehmen kannst. Sonnenflecken huschen über dieses blutleere Gesicht und stumpfe Haar.

Ich kann kaum ertragen, was ich da sehe. Ein Blick aus meinem Fenster verschafft mir einen Moment Erleichterung. Ich schließe die Augen für einige Minuten, überlege, wie krank du bist, ob magersüchtig? Eine Antwort suchend wende ich mich dir wieder zu.

Dein Sitzplatz ist leer.

Unbemerkt bist du verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen.

Ich wünsche dir, dass du überlebst.

Die U-Bahn fährt unterirdisch weiter.

An der nächsten Haltestelle sehe ich wieder aus dem Fenster und schaue dabei in ein fast ausdrucksloses Gesicht. Kalte Augen blicken mich arrogant von einer Werbetafel hinunter an.

An einem magersüchtigen Körper

hängt ein Kleid,

Marke COOL.

Mir wird übel!

© Angelika Stephan; 2009



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  • Gesellschaft,Kritik,Magersucht,krank,Drama,Kurzgeschichte,Prosa,Entflammtes Herz,Angelika Stephan
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