24.06.2017

Basenfasten

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Basenfasten

Ein Erfahrungsbericht

 

„Sag mal, Mutti, hättest Du nicht Lust, mit mir eine Woche zum Basenfasten zu fahren ?“

„Basenfasten? Was heißt das?“

„Wissenschaftler meinen, dass unsere derzeitige Lebensweise zu einer Übersäuerung in unserem Körper führt und dass man dem entgegenwirken kann durch eine mehr basisch aufgebaute Nahrung.“

„Ist mein Körper übersäuert? Soviel saures Zeug esse ich doch gar nicht. Und wenn ich auch manchmal auf etwas sauer bin, muss das nicht unbedingt etwas mit meinem Körper zu tun haben, eher mit dem Handeln bestimmter Personen in anderen Körpern.“

„ Ja, das dachte ich auch. Aber die Übersäuerung kommt ja nicht durch das Essen von Sauerkohl, sauren Gurken oder Mixed Pickles, sondern von übermäßigem Genuss von Fleisch, Zucker, Fett, Alkohol, zu wenig Bewegung, zu viel Stress und so.“

„Na, zu wenig Bewegung habe ich bestimmt nicht und Stress habe ich nur,wenn ich mir selber welchen mache. Und so viel esse ich eigentlich gar nicht, aber wenn ich das alles weglassen soll, was bleibt da noch übrig?“

„Obst, Gemüse, Kräutertee, Gemüsesaft und Wasser, alles Nahrungsmittel, die eine basische Reaktion im Körper bewirken.“

„Davon soll ich satt werden?“

„So steht es zumindest im Prospekt: Basenfasten ohne zu hungern“.

„Hört sich interessant an. Vielleicht sollten wir es mal versuchen.“

 

Nach vielem Hin und Her entschieden wir uns für eine Woche Basenfasten im Landhotel „Arche“ in Z.

In gespannter Erwartung machte ich mich Anfang Februar gemeinsam mit meiner Tochter auf den Weg nach Z., einem kleinen Örtchen am Plauer See an der Mecklenburgischen Seenplatte.

Eine Woche vor Abreise teilte das Landhotel „Arche“ uns mit, dass unsere Buchung die erste Belegung nach der Winterpause sei und leider die Bauarbeiten, die während dessen durchgeführt worden waren, nicht termingemäß beendet werden konnten. Der Kurbetrieb sei davon nicht betroffen. Lediglich im Haupteingangsbereich und der Rezeption werde noch montiert, weshalb wir bitte den Nebeneingang nehmen sollten. Auch eine Kostenreduzierung wurde vereinbart.

Die Anreise verlief dank Navi komplikationslos, obwohl uns einige Zweifel befielen als es uns noch vor dem auf der Karte ausgewiesenen Z., weit entfernt vom Plauer See auf einen Feldweg zu einem einsamen Gehöft leitete. Aber dann erkannten wir an den Baufahrzeugen und dem mit rot/weißen Bändern abgesperrten Eingang, dass wir richtig sind und bemerkten auch die Beschriftung darüber: „Landhotel Arche“.

Einen Parkplatz zu finden, war keine Herausforderung. Es standen nur drei Fahrzeuge auf einer geräumigen Schotterfläche, durch eine Sichtschutzhecke abgeteilt von dem Gebäude, in dem ganz offensichtlich noch gearbeitet wurde.

Schon von weitem hörten wir das Kreischen einer Handkreissäge und die schrillen Töne eines Steinbohrers. Und als wir die Nebeneingangstür öffneten und eintraten, fanden wir uns in einer Art Werkstatt wieder. Fleißige Handwerker waren dabei, 4 cm dicke Paneele für eine Wandverkleidung zurecht zu sägen und Dübel für die Unterlattung in die Wand zu treiben. Als sie uns sahen, stellten sie sofort die Arbeit ein, räumten einen Weg frei und bedeuteten uns, weiter ins Haus hinein zu gehen bis zu einem Vestibül. Große Fensterscheiben vom Boden bis unters Dach ließen einige Sonnenstrahlen auf eine kleine Sitzgruppe fallen. Wir stellten die Koffer ab und sahen uns weiter um.

Aus einem langen, dunklen Flur kam uns eine nette, alte Dame entgegen und fragte, ob wir auch zum New- Start-Programm wollten. Wir zuckten mit den Schultern.

„Eigentlich wollen wir zum Basenfasten.“

„Ach so, na die Juliane wird sicher gleich kommen.“

Unsere fragende Miene glaubte sie mit den Worten :„ Wir reden uns hier alle mit „Du“ an,“

erklären zu können und verschwand wieder in dem langen Gang. Aha.

Die Handwerker machten sich wieder an ihre Arbeit und wir standen erst mal dumm rum. Aber, wie die nette Dame schon sagte, keine Minute später erschien besagte Juliane und stellte sich als Leiterin der „Arche“ vor. Sie trug ein Kleid, das mich sehr an die Tracht der ersten Siedler in Amerika erinnerte, kleine rote Blüten auf rehbraunem Grund.

„Herzlich Willkommen, sie sind sicher Frau B. und Frau M. Ich habe sie schon erwartet,“ begrüßte sie uns mit einem freundlichen Lächeln.

Sie entschuldigte sich für den derzeit im Hause herrschenden Lärm, der aber um 19.00 Uhr beendet sein würde, übergab uns den Zimmerschlüssel und schickte uns eine Treppe höher bis zum Ende des Ganges, wo wir ein Komfortzimmer beziehen durften.

Meine Tochter guckte schon grimmig als wir den langen Gang entlang liefen. Ihre Miene wurde nicht besser als wir das Zimmer betraten. Ich fand, es war ein normal ausgestattetes Hotelzimmer. Zwei Betten, zwei kleine Nachtschränke mit dazugehörigen Lämpchen, eine Schreibtisch, auf dem ein elektrischer Wasserkocher stand, ein Stuhl neben einem französischen Fenster mit Sicht in den Garten, ein kleiner runder Tisch mit zwei weiteren Stühlen unter einem anderen Fenster, die über eine Dachschräge hinweg einen Blick auf den Wald gestatteten und ein bequem aussehendes Liegesofa mit drei prall gefüllten Polsterkissen. Alles sauber und ordentlich. Ein normales Hotelzimmer. Das rosa bezogene Bettzeug, dessen mittig gefaltetes Kopfkissen ein kleines weiß bezogenes Körnerkissen zierte, wirkte im ersten Moment etwas irritierend, aber es passte in das Gesamtbild. Trotzdem schien es nicht ganz vollkommen. Und das war es auch nicht nach unseren bisherigen Erfahrungen. Es gab keinen Fernsehapparat, kein Radio, keine Minibar und auf den ersten Blick auch kein Telefon. Letzteres entdeckten wir dann doch noch kurz vor unserer Abreise.

„Das soll ein Komfortzimmer sein? Was soll daran komfortabel sein?“

„Was hast du erwartet?“

„Ich weiß auch nicht. Hast du gesehen, wie klein das Bad ist und erst die Dusche? Wollen wir die Koffer wirklich auspacken? Gefällt es dir hier? Bist du sicher, dass wir hier bleiben wollen? Wir können auch alles abblasen und in ein 5-Sterne-Hotel in P., ganz in der Nähe umziehen. Es sind noch Zimmer frei. Das habe ich schon gegoogelt.“

„Warum? Es ist doch alles in Ordnung. Zumindest ist hier von dem Lärm im Vorderhaus nichts zu hören. Wir wollen doch Basenfasten und nicht Wellness-Urlaub machen. Wir lassen es einfach auf uns zu kommen und wenn es uns überhaupt nicht gefällt, können wir immer noch etwas anderes suchen.“

„Na gut, wenn du meinst“.

Meine Tochter schien nicht überzeugt, schloss sich mir aber an, als ich begann, meinen Koffer auszupacken. Nachdem wir unsere Sachen verstaut hatten, machten wir unternahmen wir einen Erkundungsgang durch das Haus. Auf unserer Etage fanden wir neben zahlreichen weiteren geschlossenen Türen, hinter denen sich offensichtlich auch Gästezimmer befanden, einen behaglich eingerichteten Raum mit einem großen Kamin. Zur Hälfte war er als Spielzimmer ausgestattet, vor dem Kamin standen ein Sofa und ein bequemer Korbsessel.

Der Zugang zum vorderen Teil des Hauses war uns verwehrt, denn die dem Treppenhaus gegenüberliegende Wand wurde gerade mit den zurecht gesägten Paneelen aus heller Esche verkleidet. Wie wir später erfuhren, war in dem Gebäude vor der Wende das Kinderferienlager einer LPG untergebracht. Nun sollte es peu a peu nach den Vorstellungen der Besitzer komfortabler werden.

Wir begaben uns in das untere Geschoss und fanden einen weiteren Raum mit einem Kamin. Wie man an der Bestuhlung sehen konnte, war er als Vortragsraum und für Gruppenzusammenkünfte gedacht. An den Türen der folgenden Zimmer hingen Kärtchen mit der Aufschrift: Arzt oder Labor oder Privat.

Am Ende des Ganges gelangten wir in einen lichtdurchfluteten Aufenthaltsraum. Er war mit bequemen Korbsesseln mit dicken Polsterauflagen bestückt und sah gemütlich aus. Allerdings war es hier hundekalt. Vielleicht trugen die beiderseits vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster und die Außentür dazu bei.Um es gleich vorweg zu nehmen, es wurde auch nicht viel wärmer in den kommenden Tagen unseres Aufenthalts, sodass wir den schönen Raum mehr oder weniger nur als Durchgangsraum nutzten.

Am Ende des Raumes befand sich eine kleine Teeküche. Mehr als 15 große, mit Kräutern gefüllte Gläser reihten sich auf einem Wandregal mit Teetassen verschiedener Größen und Dekor. „Beruhigungstee“, „Gute Laune-Tee“, „Verdauungstee“, „Früchtetee“, „Muntermacher-Tee“, „Entspannungstee“ und was weiß ich noch, welche Sorten dort unter Angabe ihrer Zusammensetzung zur Selbstbedienung bereit standen. Nicht darunter – Schwarzer oder Grüner Tee.

„Alles Bio und von unseren Mitarbeitern in der Umgebung selbst gepflückt und getrocknet,“ stand auf einem Hinweisschild, mit dem gleichzeitig darum gebeten wurde, das benutzte Geschirr abzuwaschen und wieder in das Regal zu ordnen.

Durch eine Pendeltür gelangte man in einen angrenzenden Gebäudeteil, in dem sich eine finnische Sauna, eine Infrarot-Sauna, ein Fitnessraum befanden und - das Schönste im ganzen Haus - ein Schwimmbad mit Blick in die freie Natur, ausgestattet mit drei Kippliegen, zwei beheizbaren Liegebänken und zwei Whirlpools.

„Ist doch gar nicht so übel oder, was meinst du?“

„Das Schwimmbad ist super. Genügend Gesellschaftsspiele und Bücher sind auch da, wie ich sehe. Also versuchen wir es.“

Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es höchste Zeit für das Mittagessen war. Das erste Mal nun basisch. Ich war gespannt.

Den ansprechend gestalteten Speiseraum fanden wir im Hauptgebäude, gleich vor der noch im Umbau befindlichen Rezeption. Wir schlängelten uns an den Handwerkern vorbei und mussten feststellen, dass er noch geschlossen war.

Wieso? Es war doch schon 12.30Uhr. Wir waren doch zum Mittag angemeldet. Kein Mensch war zu sehen, den wir hätten fragen können.

„Es sieht fast so aus, als ob wir die einzigen Gäste hier wären“, sagte ich, wurde aber eines Besseren belehrt, denn just in dem Moment kam eine schlanke junge Frau in der gleichen Tracht wie die Leiterin auf uns zu. Sie zeigte uns den Aushang mit den Essenszeiten und verschwand wieder. Also – Frühstück von 8.00 bis 9.00 Uhr, Mittag von 13.00 bis 14.00 Uhr und Abendessen von 18.00 bis 19.00 Uhr. Das hieß noch eine halbe Stunde warten. Die Bauarbeiter hatten während dessen ihr Handwerkszeug zusammengepackt und den Flur gefegt.

Zwei ältere Damen hatten es sich im Vestibül bequem gemacht. Wie sie sagten, gehörten sie zu einer Gruppe von 13 Personen, die am „New Start- Programm“ teilnahmen. Hier fanden sich Menschen zusammen, die alle an Schlafstörung litten und mit Hilfe dieses speziellen Programms wieder in einen normalen Schlafrhythmus finden sollten. Sie mussten schon 5.30 Uhr aufstehen, noch vor dem Frühstück schwimmen und Wassergymnastik machen. Gleich nach dem Frühstück ging es mit ärztlicher Betreuung auf eine mehrstündige Wanderung in die wald- und wasserreiche Umgebung der „Arche“. Nach dem Mittagessen folgten, ohne Mittagsschlaf, therapeutische Anwendungen, Blutdruckmessen und Fitnesstraining. Gruppengespräche, Vorträge oder gemeinsame Arbeiten wie Brot backen, füllten die Zeit bis zum Abendessen und um 21.00Uhr war Bettruhe angesagt.

Ein straffes Programm. Ich war froh, dass wir „nur“ zum Basenfasten angemeldet waren.

Inzwischen war es 13.00 Uhr und die Tür zum Speiseraum geöffnet. Wir wurden von einem zierlichen jungen Mädchen, die wir schon an ihrer Bekleidung als Mitarbeiterin erkannten, an der Tür in Empfang genommen und zu einem liebevoll eingedeckten Tisch am Ende des Speisesaales geleitet.

„Sie dürfen sich am Salatbuffet bedienen so viel sie mögen, aber nur bei Rohkost. Nudeln, Tofu, Brot und alles, was Getreide enthält, ist für sie tabu.“

Etwas verunsichert begaben wir uns an das Salatbuffet. Gestiftelte Gurken, Zucchini, geraspelte Möhren, Rote Bete und Sellerie, mundgerecht geschnittener Salat, Tomaten und Pilze boten eine reiche Auswahl. Allerdings alles ohne Salz und ohne Gewürze. Lediglich eine Flasche mit Distelöl und eine mit verdünntem Zitronensaft standen als Marinade zur Verfügung. In der Hoffnung, dass es noch ein warmes Gericht geben würde, belud ich nur einen kleinen Teller mit Möhren, Zucchini, Rote Bete und Pilzen und tröpfelte ein wenig Distelöl und ein paar Spritzer Zitronensaft darüber.

Wir wurden nicht enttäuscht. Als Hauptgericht wurde ein hübsch angerichteter Teller mit gedünstetem Gemüse gereicht. Eine halbe Paprika, eine halbe Zucchini, drei Möhren, ein paar Würfel Sellerie und zwei kleine Kartoffelstückchen, alles ohne Fett und ohne Salz in wenig Wasser gedünstet, füllten den Teller. Dazu gab es ein Kännchen frisch gebrühten Tee, Brennnessel oder Kräuter, je nach Wunsch. Den Abschluss bildete ein kleines Schälchen Apfelkompott.

Es sah alles sehr gut aus, schmeckte ungewohnt, aber durchaus gut. Wir wurden auch satt. Aber wie lange würde das vorhalten?

Da uns der Mittagsschlaf nicht verwehrt war, ruhten wir ein Weilchen und beschlossen dann, einen Spaziergang in die Umgebung zu machen.

Gegen 16.00 Uhr, also zur gewohnten Kaffeezeit, die in den Wintermonaten zumeist etwas üppiger ausfiel, was Kekse und Kuchen betraf, bekamen wir so ein flaues Gefühl im Magen. Noch zwei Stunden bis zum Abendbrot!

In der Teeküche fanden wir einen Wasserkocher, Teepötte und eine reiche Auswahl an Kräutertees, aber nichts zum Kauen. Aber, so erinnerte ich mich, in unserem Zimmer stand auf dem kleinen Tischchen ein Schälchen mit etwas, was wie Studentenfutter aussah. Wir nahmen unseren Tee mit nach oben und bedienten uns daran, ohne zu wissen, ob das auch tatsächlich für uns gedacht war. Auf dem Weg nach oben war uns noch ein schmächtiger kleiner Mann begegnet, der offensichtlich auch Verantwortung für das Haus trug, denn er bereitete gerade den Veranstaltungsraum vor und fragte, ob wir auch zur New-Start-Gruppe gehörten. Nein? Dann dürften wir leider nicht den Vortrag mit anhören.

„Die sehen hier alle so durchgeistigt aus“, sagte ich zu meiner Tochter.

„Das sind sie auch,“ antwortete sie. Das Haus untersteht einer religiösen Gemeinschaft, den 7.Tags-Adventisten. Das habe ich aber auch erst jetzt gelesen.“

„7. Tags-Adventisten? Nie gehört.“

„Das ist eine protestantische Sekte, die glauben, dass Jesus nicht am Sonntag sondern am Sonnabend auferstanden ist. Der Sonnabend ist für sie der Feiertag. Das habe ich gegoogelt“.

„Alles klar. Solange wir nicht beten müssen, soll es uns gleich sein.“

Den Rest der Zeit vertrieben wir uns mit Lesen. Lektüre hatten wir zum Glück auf dem e-book, denn die ausliegenden Bücher entsprachen nicht ganz unseren Vorstellungen.

Dann war es endlich so weit. Abendbrotzeit! Voller Erwartung betraten wir den Speisesaal. Ein Salatbuffet war nicht aufgebaut. Besteck lag auch nicht auf dem Tisch. Was sollte das nun wieder? Fällt das Abendbrot für uns aus?

Wir sahen uns ratlos an. In diesem Moment erschien eine nette Serviererin im Hauslook und stellte zwei Suppentassen vor uns hin.

„Gemüsebrühe mit Einlage“, sagte sie. „ Was möchten sie trinken?“

Wir guckten etwas verdattert.

„Ist das alles heute Abend?“

„Ja, sie können aber noch einmal Nachschlag haben, wenn es ihnen nicht reicht. Guten Appetit!“

Sie lächelte uns freundlich zu und verschwand. Meine Tochter war schon auf 180.

„Basenfasten ohne hungern stand in dem Programm! Und es sollte alles appetitlich und kunstvoll gestaltet sein. Wenn das so bleibt, ziehen wir doch in ein anderes Hotel. Oder was meinst du?“

Ich hatte auch so meine Zweifel, ob wir das eine ganze Woche lang durchstehen würden, ließ mir aber nichts anmerken.

„Versuchen wir es doch einfach. Heute können wir ohnehin nichts ändern.“

Die Suppe roch gut. Nach würzigen Kräutern. Die „Einlage“ bestand aus Schnipselchen von Möhren, Sellerie und Kartoffeln und war überschaubar. Sie schmeckte vorzüglich, auch ohne Fett. Und das nicht nur, weil wir hungrig waren. Den Nachschlag nahmen wir dankend entgegen.

Mit einer weiteren Kanne Kräutertee im Bauch begaben wir uns auf das Zimmer, holten unsere e-books und suchten im Haus nach einem gemütlichen Fleckchen zum Lesen. Im Kaminzimmer war kein Feuer angefacht und daher kalt. Im Vortragsraum fand der Kurs für die „New-Starter“ statt, an dem wir nicht teilnehmen durften. Im großen Aufenthaltsraum mit den schönen Korbmöbeln war es ebenso kalt. Der Speiseraum war jetzt zu. Wohin also?

„Am besten wir gehen ins Bett und lesen dort. Da ist es wenigstens warm.“

Gesagt, getan. Das hatte auch den Vorteil, dass die Toilette in erreichbarer Nähe war, denn nach der vielen Brühe und dem Tee war sie ein bevorzugtes Örtchen.

Nach einer unruhigen Nacht erwachten wir beide schon gegen 6.00 Uhr. Viel zu früh, um an Frühstück zu denken. Wir wälzten uns noch eine halbe Stunde im Bett hin und her, konnten aber nicht mehr einschlafen.

„Ich gehe erst mal schwimmen,“ sagte meine Tochter entschlossen und schwang die Beine aus dem Bett.

„Ich komme mit“.

Obwohl ich ohne Frühstück kein Freund irgendwelcher Aktivitäten bin, raffte ich mich auf und folgte meiner Tochter ins Schwimmbad. Das Bad war eine richtige Wohlfühloase. Das Becken groß genug, um richtige Bahnen schwimmen zu können. Das Wasser und auch die Luft angenehm warm und, was das Schönste war, wir hatten es ganz für uns allein. Das blieb auch so an den übrigen Tagen in dieser Woche, wenngleich ich das Schwimmen nach dem zweiten Tag auf die Zeit nach dem Frühstück verlegte und dafür lieber noch mal die Augen zu machte.

Das Frühstück wartete mit einer echten Überraschung auf. Ein Kunstwerk aus Banane, Weintrauben, Mandarinen, Ananasstückchen und Äpfeln stand auf jedem Platz. Dazu die obligatorische Kanne Tee. Hier war eine echte Künstlerin am Werk gewesen. Wir wagten gar nicht, diese zauberhafte Kreation zu zerstören. Auf jeden Fall mussten wir erst mal ein Foto davon machen, denn mit Worten ließe es sich kaum beschreiben.

Langsam und mit Genuss ließen wir uns dann den Obstteller munden. Ja, so kann man durchaus den Tag beginnen.

Die freundliche Serviererin, die heute Dienst hatte, ließ uns wissen, dass die Leiterin des Hauses mit uns die weiteren Termine abstimmen wollte. Es ging hier nämlich nicht nur um das basische Essen, sondern auch um das körperliche Wohlbefinden, das durch allerlei therapeutische Anwendungen unterstützt werden sollte. Es dauerte auch nicht lange, da erschien Juliane mit einem Kalender und einem Schema der vegetativen Vorgänge, die in unserem Körper ablaufen, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Sie zeigte uns auf ihrem Laptop die Kurven, die ein gesunder Körper bei einem ausgeglichenen Säure-Basenhaushalt haben sollte und erläuterte die möglichen Folgen einer Übersäuerung. Dann kamen wir zum praktischen Teil und legten Termine für die Anwendungen fest, jeweils eine pro Tag. Lymphdrainage, Moorpackung und Rückenmassage, stoffwechselanregendes Bad im Whirlpool mit ätherischen Ölen, Infrarot-Sauna und einmal Lady-Ganzkörpermassage. Darüber hinaus erhielten wir die Möglichkeit, eigenständig Fußbäder und Leberwickel mit einem Heilsalz zu machen. Außerdem bekam jede von uns täglich eine große Thermoskanne Fastentee, den wir im Laufe des Tages trinken sollten. Letzteres fiel mir außerordentlich schwer, denn ich trinke normalerweise nicht so viel, und wenn der Tee am Nachmittag nur noch lauwarm ist, mag ich ihn überhaupt nicht. Da brühe ich doch lieber frischen in der Teeküche.

Die Massagen übernahm Juliane selbst und sie waren sehr angenehm. Ich hätte dieser zarten Person nie so einen kräftigen Händedruck zugetraut. Sie machte das wirklich wunderbar. Die Infrarot-Sauna erwies sich als Schuß in den Ofen, weil nur zwei der vier Infrarot-Spiralen etwas Wärme produzierten. Im Nachhinein haben wir allerdings festgestellt, dass wir selbst Schuld waren, denn wir hatten nicht die richtigen Schalter betätigt. Auf die Finnische Sauna, die auch zur Verfügung stand, verzichteten wir. Es roch derart abgestanden in dem kleinen Raum, dass wir kaum atmen konnten. Der Leberwickel zeitigte keine sichtbaren Erleichterungen, aber das Fußbad tat gut.

Nachdem wir die Termine erhalten hatten, gewann unser Tagesablauf eine gewisse Struktur. Frühstück, Schwimmen, Spaziergang in die wald- und seenreiche Umgebung, Mittagessen, kleine Pause, Massage oder eine andere Behandlung, Lesen, Tee trinken und auf das Abendbrot warten, zeitig ins Bett kriechen und dort weiterlesen oder Rätseln. Totale Entspannung.

Die Wanderungen in die Natur hielten sich zeitlich und räumlich in Grenzen, denn die Waldwege waren nicht nur von den schweren Landfahrzeugen ausgefahren, sondern auch verharscht und vereist. Das machte das Gehen schwer und ich hatte Probleme mit meinem Ischias. Daher sind wir einmal in die unweit gelegene Stadt gefahren, haben das Museum besucht und einen kleinen Stadtbummel gemacht. An zwei Abenden fanden Vorträge im beheizten Vortragsraum statt, an denen wir teilnehmen durften. Einmal ging es um das Fasten als Heilmethode und beim zweiten Mal um die Vorbeugung und das Eindämmen von Schlafstörungen. Beide Vorträge waren sehr interessant und aufschlußreich.

Nachdem wir das spärliche Abendbrot und die Kälte in den Räumen beklagt hatten, fanden wir in unserem Abendsüppchen größere Kartoffel- und Möhrenbeilagen und es wurde schon am Vormittag der Kamin angeheizt, sodass wir es uns dort gemütlich machen konnten. Der Kontakt zu den anderen Gästen beschränkte sich auf wenige Personen. Die New-Start-Gruppe war meistens unterwegs und aß auch in einem gesonderten Raum.

Uns gegenüber saß eine einzelne, überaus schlanke junge Frau, die mit ihrem Hund zu einer einwöchigen Fastenkur angereist war. Sie bekam ausschließlich, Tee, Obst- und Gemüsesaft und Brühe ohne Einlage. Der Hund, ein weißer Schweizer Schäferhund, brauchte nicht zu fasten. Die junge Frau erzählte, dass sie diese Fastenkur jedes Jahr macht und sich sehr wohl dabei fühle. Sie trafen wir des öfteren auf unseren Spaziergängen, wo sie emsig mit ihrem Hund unterwegs war.

In den ersten zwei Tagen gesellte sich zu den Mahlzeiten auch noch eine junge Familie mit einem Kleinkind, das ständig bei Vater auf dem Rücken hing, aber zum Essen in ein Kinderstühlchen durfte. Ihre Gerichte sahen etwas gehaltvoller aus als unsere, aber natürlich war auch hier alles Bio und rein vegetarisch. Hinter uns saßen zwei Frauen, die ihre Lebensgeschichten austauschten und ganz genau wussten, dass Ärzte keine Ahnung von nichts haben und man sich nur auf das Internet und sich selbst verlassen dürfe. Keine Gesprächspartner für uns.

Ab und an trafen wir mal auf eine Frau aus der New-Start-Gruppe, die diese Kur von ihren Kindern als Dankeschön für`s Babysitten geschenkt bekam. Sie plauderte immer mal ein bisschen aus dem Nähkästchen und verriet Details aus ihrem Programm. Überhaupt waren zu unserer Zeit hauptsächlich Frauen im Haus zur Kur. Der einzige Mann, der als Gast im Hause war, nahm am New-Start-Programm teil und nutzte seine freie Zeit intensiv mit seinem Laptop. Er hatte wohl den Relax-Faktor seiner Kur noch nicht verinnerlicht.

Die Bauarbeiter, die übrigens aus Ungarn kamen, beendeten ihre Arbeiten am Donnerstag und so kehrte noch mehr Ruhe ein. Nach fünf Tagen körperlicher und seelischer Entspannung und absolut gesundem Essen beschlossen wir, das Basenfasten vorzeitig zu beenden. Das Wochenende sah keine Aktivitäten für uns vor, sodass wir nichts versäumten. So allmählich stellte sich auch vermehrt der Appetit auf Handfesteres ein. Besonders den Käse habe ich vermisst. Auf Kaffee und Fleisch hätte ich noch weiter verzichten können. Trotzdem war ich mit meiner Tochter einig darin, dass wir zu Hause wieder zu den gewohnten Nahrungsmitteln zurückgreifen würden, wenngleich vielleicht auch etwas verhaltener, was den Fleisch- und Kaffeegenuss betrifft.

Alles in allem war es eine interessante Erfahrung und die Kur hat uns gut getan. Das Rezept für die Gemüsesuppe habe ich mir geben lassen und sogar schon nachgekocht. Sie hat auch meinem Mann geschmeckt. Ich habe mir vorgenommen , einen Veggi-Tag in der Woche beizubehalten. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

 



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