18.06.2017

Ballonfahrt
(Autor: )

DIE BALLONFAHRT

 

Als wir gegen 5.30 Uhr aus dem Säulenportal des Hotels „Gomeda“ treten, ist die Morgendämmerung schon vorbei. Es ist die Zeit der weißen Nächte, nicht nur in St. Petersburg, auch in Mustafa Pascha. Die Sonne zögert noch, aus dem Schattenschlaf hinter dem Gebirge zu treten, aber der Himmel ist schon strahlend blau, etwas blass im Osten, kräftiger im Westen. Nichts trübt dieses wolkenlose Blau. Die Luft ist angenehm frisch und unverbraucht. Ideales Wetter für unser heutiges Vorhaben.

Der Bus bringt uns nach Ürgü. Sie ahnen es schon, wir sind in der Türkei, genauer gesagt, in Kappadokien. Vor 33 Millionen Jahren entstand hier, in der Ebene zwischen Nevsehir, Kayseri und Nigde, eine bizarr anmutende Landschaft.

Eine Laune des Schicksals hat es uns ermöglicht, diese einmalige Naturschönheit näher kennen zu lernen. Wir haben nämlich gewonnen. Gewonnen bei einer Tombola, unseres bevorzugten Reiseveranstalters. 14 Tage Istanbul, Kappadokien und Türkische Riviera. Ballonfahrt inclusive. Gewonnen heißt nicht kostenlos. Der Reisepreis erschien uns trotzdem sehr günstig und so nahmen wir den Gewinn an.

Als wir in Ürgü ankommen, steigen schon die ersten Ballons in den Himmel. Farbenfroh in Rot mit weißen Streifen. Danach gleich noch weitere in Weiß und Blau. Ein junger Mann im sportlichen, kakifarbenen Overall kommt auf uns zu und begrüßt uns im Namen seiner Crew. Er könnte vom Alter her mein Enkel sein. Er wird uns in den Himmel fahren.

Ist das für uns ein Risiko? Vor einem oder zwei Jahren gab es an gleicher Stelle ein Unglück mit einem Ballon. Junge Leute neigen mitunter zu Leichtsinn. Ich sehe in seine braunen Augen und kann keinen Funken Übermut darin finden. Ruhig, aber bestimmt weist er uns einen Ballon zu, der in allen Regenbogenfarben leuchtet. Er wird mit starken Seilen am Boden gehalten und taumelt leicht im Wind. Die Gondel aus stabilem Korbgeflecht und das Gestell mit dem Brenner hängen schon an den Gurten. Er sieht gar nicht so groß aus, fasst aber 16 Personen plus Ballonfahrer.

Unsere türkische Reiseleiterin Birsen, die in Deutschland gelebt und studiert hat und ein einwandfreies Deutsch spricht, hat uns gestern schon eingewiesen, wie man am besten in den Korb einsteigt. Er ist etwa 1,20 m hoch und hat auf zwei um einen halben Meter versetzt liegende rechteckige Ausnehmungen von 15 x 20 cm im Höhenabstand von 40 cm. Sie hat uns anschaulich demonstriert, wie man erst den linken Fuß in die unterste Aussparung stellt, dann den rechten in die nächst höhere und schließlich mit Schwung das linke Bein über den Rand des Korbes bringt, um dahinter in seiner Tiefe zu versinken.

“Das andere Bein kommt dann schon irgendwie nach“, sagte sie.

Mein Mann und ich sind ziemlich die Letzten, die in den Korb steigen. Da muss man schon gehörig aufpassen, dass man keinem Mitfahrer das nachfolgende Bein gegen die Brust schlägt. Es geht alles gut und wir sind startklar. Der Ballonfahrer gibt Gas und das bis eben noch leise vor sich hin röchelnde Flämmchen lodert auf und verströmt seine Hitze in den Ballon. Uns wird es auch ein bisschen warm im Nacken. Gleichzeitig werden unten die Seile gelöst und der entfesselte Ballon gewinnt an Höhe. Die Fahrt beginnt. Warum die Fortbewegung mittels Ballon „Fahrt“ und nicht „Flug“ heißt, können wir nicht ergründen. Vielleicht sind die ersten Ballons zu einer Zeit entwickelt worden, als das Fliegen noch ausschließlich den zwitschernden und piepsenden Lebewesen vorbehalten war. Schließlich ist Jesus auch zum Himmel aufgefahren und nicht geflogen. Sonst hieße es ja nicht Himmelfahrt !

Zurück bleibt ein professioneller Fotograf, der diesen historischen Moment für uns festhält.

In wenigen Minuten erreicht der Ballon eine Höhe von knapp 50 m und schwebt über das Städtchen Gürü hinweg, immer höher steigend, auf das Terrain des Göreme – Nationalparks zu. Die Einmaligkeit der spitzhütigen Felsengebilde faszinierte uns schon auf den Prospekten, die wir von Kappadokien gesehen haben. Diese beeindruckende Landschaft jetzt aus der Höhe zu betrachten, ist unbeschreiblich. Die unterschiedliche Zusammensetzung des Gesteins aus Granit, Kalk und Tuffstein ermöglichte der Natur die Formung bizarrer „Türme“ unterschiedlichster Größe. Durch Sonne, Regen und Verwitterung entstanden seltsame Figuren. Mal sind sie schmal und glatt, ohne Makel. Mal durchbrechen Aushöhlungen und Löcher die Felsen. Manche sind so groß, dass sie in grauer Vorzeit als Wohnunterkunft dienten. Es gibt ganze Areale, in denen die Spitzhüte wie Soldaten in Reihen angetreten sind. An anderer Stelle stehen sie nebeneinander wie ein Familienverband von groß bis klein. Einige haben einen sandfarbenen Sockel und einen schwarzen Hut, andere brillieren in den Farben sand, ocker, beige, zimtbraun und dunkelgrau. Die einzelnen Schichten schließen sich wie Ringe um den Leib des Steins. Dazwischen sehen wir Formationen eigenwillig angeordneter, abgerundeter Felsen.

„Sieh mal, das sieht aus wie ein Waschbrett“, rufe ich meinem Mann begeistert zu.

„Guck mal auf die andere Seite, dort kommt ein Riese in Sicht. Der scheint sogar bewohnt zu sein“.

„Bewohnt? Woran erkennst Du das?“

„Vor dem Felsen stehen Tische und Stühle und es führt eine Leiter in eine größere Öffnung.“

„ Paschas Weingarten“, ertönt hinter uns eine Stimme, „ ein beliebtes Cafè.“

Mit einem Fauchen und lodernder Flamme steigt der Ballon weiter in die Höhe. Es wird warm im Rücken. Der Ballonfahrer hat den Brenner kurz angestellt, um einem leuchtend roten Ballon auf gleicher Höhe auszuweichen. Wir lösen uns vom Blick auf Mutter Erde und finden ein buntes Gewimmel am immer noch makellos blauen Himmel. Mehr als 20 Ballons schweben in unterschiedlicher Entfernung und Höhe gemeinsam mit uns. Es ist ein unbeschreibliches Schauspiel, sie wie Luftballons dahingleiten zu sehen. Mich befällt ein Gefühl der Leichtigkeit, ja fast der Schwerelosigkeit. Ewig könnte ich so weiter treiben. Aber da drosselt der junge Mann am Brenner die Gaszufuhr und unsere Gondel beginnt, ganz allmählich zu sinken.

Die 45 Minuten sind wie im Fluge vergangen bei unserer Fahrt. Jetzt kommt das Sprechfunkgerät des Ballonfahrers zum Einsatz. Er beordert den Jeep mit dem Trailer an den voraussichtlichen Landeort. Aber, was ist das? Der Ballon treibt zu unserem Entsetzen auf eine schmale Spalte in der Felswand zu. Es kribbelt gewaltig im Magen, als wir in die Schlucht hinein fahren. Noch fünfzehn Meter, dann könnten wir den Fels berühren. Ich drehe mich um und blicke dem Ballonfahrer ins Gesicht. Er wirkt ruhig und sicher. Ich habe vollstes Vertrauen. Ich denke, er weiß, was er tun muss. So ist es auch. Er füttert den Ballon noch mal mit einem kräftigen Stoß Heißluft und „hebt“ ihn damit rechtzeitig über den zerklüfteten Rand der Schlucht. Allerdings hat der Ballon nun auch wieder an Fahrt gewonnen, sodass der angepeilte Landeplatz für uns nicht mehr in Frage kommt.

In Windeseile fahren die bereits wartenden Teammitglieder auf holprigem Weg um die Schlucht herum und erwarten uns auf der gegenüberliegenden Seite. Hier gelingt die Landung komplikationslos, mitten in einem blühenden, roten Mohnfeld. Mittels Seilen und starken Armen wird der Korb auf den Trailer gelenkt, während der Ballon sacht zur Seite kippt und von kundigen Händen festgehalten wird.

Ich bin noch so beeindruckt von diesem schönen Erlebnis, dass ich dem Ballonfahrer einen Kuss auf die Wange gebe, bevor ich aus dem Korb klettere. Mein Mann ist ebenso begeistert und verzeiht mir meine Überschwänglichkeit.

Aus dem Mohnfeld pflücke ich eine Blüte, die ich presse und zu Hause in mein Album hefte. Sie hat inzwischen ein bisschen an Farbe verloren, aber die Ballonfahrt bleibt unvergesslich.



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