14.12.2007

Anekdote 1: Der Sturm vom 13.November 1972

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Der Sturm vom 13.November 1972. Anekdote Bruno Buike, Neuss/Germany Es war Sonntag, der 12. November 1972. Bei strahlendem Wetter hatte ich Freunde in Münster besucht – per Anhalter, was man sich heute schon gar nicht mehr vorstellen kann. Aber ich dachte noch weiter zu ziehen in ein kleines Dorf nahe bei Hannover. Dort wartete mein Mädchen und ich wollte es überraschen. So sah mich der Nachmittag an der Autobahn Richtung Berlin. Spät abends kam ich an, wohin mich die Liebe führte. Und endlich standen wir uns gegenüber, ich frierend, sie glücklich. Am Montagmorgen hätte ich bereits um acht Uhr zur Arbeit auf meiner Lehrstelle in Bremen sein sollen. In Wahrhheit hatte ich jedoch gerade den Hauptbahnhof von Hannover erreicht. Ein starker Wind kam auf und noch ahnte niemand, dass er sich zu einem Sturm auswachsen würde. An den Bahnsteigen jedenfalls herrschte das gewohnte Treiben. Die Woge der Pendler ergoß sich in die Stadt, während die Männer der Nachtschicht heimwärts strebten. Reisende gab es wenig, außer ein paar Soldaten, denen es ähnlich wie mir ergangen sein mochte. Der Zug ließ nicht lange auf sich warten und fuhr, nachdem er alle aufgenommen hatte, planmäßig ab. Inzwischen hatte der Wind erheblich zugenommen. Die Fenster in den Abteilen wurden geschlossen. Aber durch irgendwelche Ritzen zog es immer noch. Ungemütlichkeit breitete sich aus. Ab und zu unterbrach das Prasseln von Regenschauern das Singen der Räder auf den Schienen. Schließlich hielt der Zug in Eystrup. Das ist so ein kleines Nest irgendwo auf der Strecke, da braucht man fast eine Spezialkarte, um es überhaupt zu finden! Alte Mütterchen begannen mit dem Frühstück. Die Soldaten tranken Bier, das wohl vom Wochenende übrig geblieben war. Kinder löcherten ihre Eltern mit Fragen, staunten ein übers andere Mal über Wolken, die den Erdboden fast berührten und über Bäume, denen der Sturm übel mitspielte. So ging das alles hin und her. Niemand bemerkte, wie rasch die Zeit verstrich. Es war aber inzwischen 10 Uhr geworden – und Montag der 13.November. Endlich fuhr der Zug langsam wieder an. Aber noch hatte er den Bahnhof nicht ganz verlassen, da sprang das Fahrtsignal auf „Halt" um. Unterdessen stürzten drei Männer aus dem Bahnhofsgebäude, von denen zwei auf den Führerstand einer einzelnen Lokomotive stiegen, die sich vorsichtig, wie es schien, Richtung Bremen entfernte, während der dritte heftig mit einer roten Mütze nach unserem Lokomotivführer winkte. Kaum war er am Führerstand des Zuges angelangt, da war er auch schon umringt von aufgeregten Fahrgästen. Jeder wollte alles wissen und erfuhr bei dem Gedränge und Rufen und Schreien nichts. Langsam nur sickerten die Nachrichten durch. Der Sturm hatte die Oberleitungen zerstört, entwurzelte Bäume blockierten die Schienen. Sogleich drängte alles zum Telefon. Ich selbst versuchte über eine halbe Stunde lang, nach Bremen durchzukommen, wobei ein Baum direkt neben der Telefonzelle bei jedem Windstoß so furchtbar knarrte, dass zu jedem Augenblick sein Bersten bevorstand. Andere Bäume in der Nähe hatten längst nicht mehr der Macht des Sturmes widerstehen können und waren explosionsartig mittendurch auseinandergerissen worden. Für einen kurzen Augenblick erreichte ich meine Firma. Dann schwieg die Leitung mit einmal. Es war der letzte Ruf, der durchkam. Unterdessen versuchten die Bahnbeamten fieberhaft über das bahneigene Telefonnetz BASA einen Ersatzzug zusammenzustellen. Doch sowohl Bremen als auch Hannover antworteten mit: „Unmöglich!". Am Ende brach der Vermittlungsverkehr unter dem Ansturm der Anfragen einfach zusammen. So entschloß man sich, das Militär zu alarmieren. Pioniere einer nahegelegenen Kaserne rückten mit schwerem Gerät aus. Später erfuhren wir, dass die Räumung der Strecke unter ständiger Lebensgefahr vonstatten gegangen war. Alle Augenblicke drohten die Hilfsmannschaften von niederstürzenden Bäumen erschlagen zu werden. Als wir endlich am Nachmittag nach zermürbendem Warten mit einem Bus zur nächsten freien Bahnstation gebracht wurden, sahen wir das Ausmaß der Zerstörung in den Orten. Technische Notdienste richteten die Überlandkabel behelfsmäßig her. Bauern standen vor ihren halbabgedeckten Höfen. In aller Eile schaffte man die Rübenernte und sämtliche Maschinen aus den gefährdeten Gebäuden aufs freie Feld. Frauen und Kinder halfen, wo es nur gerade ging, immer in Gefahr, dass ein neuer, wütender Windstoß ihre ganze Arbeit zunichte machen würde. Die Autos schlichen förmlich die Straße entlang. Jede Bö konnte sie an die Leitplanken drücken. Lstwagen lagen mit zerfetzten Planen am Straßenrand und die Leute begannen vom letzten Krieg zu reden. Über all dem aber jagten schwarze, unheilbringende Wolken, zerrisen vom Wind und von grotesker Gestalt. Nach Bremen hin wich das höllische Schwarz einem unheimlichen Gelbstich, wie er nur Jahrhundertkatastrophen voranzugehen pflegt. Unter den Fahrgästen herrschte Schweigen, das nur manchmal von halblautem Geflüster unterbrochen wurde. Die Soldaten hatten das Trinken eingestellt, die Kinder sich näher als sonst zu ihren Eltern geflüchtet und niemand aß. Bald flackerten hier und da Gerüchte auf. Hannover, Minden und Münster sollten schon am frühen Morgen Alarm erhalten haben. Parolen machten sich breit. Irgendjemand wollte wissen, dass der Reiseverkehr wegen dringender Transporte die nächsten Tage ruhen sollte. Zu allem Überfluß meldete das Radio, dass das Toben der Gewalten nach einer Pause gegen 17 Uhr wieder aufleben würde, zu eben der Zeit, zu der das Nachmittagshochwasser am Meer eintreffen musste. Die gesamte deutsche Nordseeküste hatte Sturmflutwarnung erhalten. Wir aber fuhren nach Bremen! Gegen 16 Uhr trafen wir am Hauptbahnhof Bremen von dem mit umgeleiteten Reisenden überfüllten Dörverden kommend ein. Am Bahnhofsvorplatz stauten sich die Straßenbahnen und überall lagen Teile des Dachstuhles vom Hotel Columbus herum, die wenige Stunden zuvor ein Mädchen erschlagen hatten. So endete der Tag, der mit Liebe begonnen hatte mit Tod. Es war aber Montag, der 13. November ...



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