Bücher/Leseproben von Philipp Probst

Buch:
Der Storykiller

erschienen 2011

ISBN:
978-3-85882-565-0

Verlag:
Appenzeller Verlag

weitere Informationen:

Der junge Reporter Alex Gaster missachtet für einen Exklusiv-Bericht ehtische und moralische Grundsätze, setzt gar seine Liebe aufs Spiel. Aber auch der Storykiller ist bereit, über Leichen zu gehen, und spielt all seine Tricks aus.
Ein packender Thriller aus der Medienszene.



Leseprobe:

Sonntag, 23. August
REDAKTION
«AKTUELL», WANKDORF, BERN
Die Polizeimeldung kam um 19.09 Uhr: «Zeugenaufruf: Wanderer abgestürzt» Peter Renner reagierte sofort und klickte mit der Maus die-sen Mailtitel an. Auf Renners Bildschirm öffnete sich der voll-ständige Text.
«Am Faulhorn bei Grindelwald wurde am Sonntagnachmittag von Wanderern ein Mann entdeckt, der rund 150 Meter unterhalb des Bergwegs in einem Tobel lag. Die Passanten alarmierten sofort die Polizei und die Rettungskräfte. Der Verunfallte konnte aber nur noch tot geborgen werden. Nach ersten Erkenntnissen war der Mann gestürzt. Beim Opfer handelt es sich um einen 58jährigen Schweizer. Die Ermittlungen sind noch im Gang. Es werden Zeugen gesucht.» Renner schloss die Meldung, klickte auf «Weiterleiten». An: «Alexander», Doppelklick, dann Text: «Kleiner, ruf mal die Bullen an, gibt vielleicht noch eine Sty.» Sty war die interne Abkürzung für Story.
Der Kleine, das war Alexander Gaster, der vor zwei Monaten sein Journalistik-Studium mit Bravour abgeschlossen hatte und nun bei «Aktuell» als Reporter und Redakteur festangestellt war.
Alex las die Nachricht sorgfältig durch und rief die Presseabteilung der Berner Polizei an. Der diensthabende Polizeisprecher, Kurt Damm, sagte, er könne keine weiteren Auskünfte geben.
«War der Mann alleine unterwegs?», fragte Alex und fürch-tete die Antwort, die auch prompt kam.
«Die Ermittlungen sind noch im Gang»,
wiederholte Damm den Satz, der schon in der Mitteilung stand. «Kann denn Fremdeinwirkung ausgeschlossen werden?» «Ich kann Ihnen keine weiteren Informationen geben.» Alex wurde hellhörig. Wenn der Sprecher auf seine Frage nach der Fremdeinwirkung keine Infos geben konnte, bedeute-te dies doch, dass es durchaus mehr Infos gab, er sie aber nicht heraus¬rücken wollte. «Das verstehe ich nicht», stellte Alex sich dumm.
Polizeisprecher Kurt Damm sagte nichts.
«Wird denn der Fall daraufhin untersucht?»
Damm sagte immer noch nichts.
Alex freute sich schon darauf, doch noch irgendetwas herauszubekommen. Er stand unter Druck, er wollte endlich mit einer grossen Story ins Blatt.
«Also, Herr Gaster», sagte
Damm schliesslich ziemlich un-freundlich, «da Sie keine weiteren Fragen mehr haben, wün-sche ich Ihnen einen schönen Abend.» «Shit», stiess Alex aus und legte das Telefon auf. Seine Kolleginnen und Kollegen im Grossraumbüro schauten kurz zu ihm hinüber, dann starrten sie wieder auf ihre Bildschirme und tippten weiter.
Alex ging in den Newsroom, einen ovalen Raum aus Glas mitten im Gebäude. Kein Tageslicht, keine Pflanzen. Stattdes-sen eine Monitorwand mit 12 Bildschirmen, auf denen regio-nale, nationale und internationale TV-Sender liefen. Ohne Ton. Zu hören war nur ein englischer Radio-Nachrichtensender, dezent halblaut. In der Mitte des Newsrooms gab es eine halbrunde Tischkombination, auf der sechs Computer standen. Im Gegensatz zu den Newsrooms anderer Verlagshäuser, in denen Redakteure mehrerer Zeitungstitel und Online-Plattformen in einem grossen Raum zusammenarbeite-ten, war der «Aktuell»-Newsroom ein eigentlicher Kommando-raum, ein Cockpit. Und der Herr dieser top ausgestatteten Newszentrale sass in einem ergonomisch auf ihn angepassten Bürostuhl und trug am Kopf eine Sprechgarnitur für das Telefon.
«Sorry, Peter, die Polizei gibt zu diesem Unfall nichts her-aus», sagte Alex. «Schade», sagte Renner. «Irgendwas ist da nicht sauber.» «Was meinst du damit?» «Ach, bloss so ein Gefühl.» Peter Renner war bekannt für solche Gefühle. Deshalb war er auch Nachrichtenchef.
Er sass einfach da und lauerte. Bis irgendeine Meldung «so ein Gefühl» in ihm auslöste. Dann stürzte er sich darauf und biss sich fest. Von Journalistenkollegen wurde er deshalb auch Zecke genannt. Allerdings nicht nur deswegen. Er sah auch ein bisschen aus wie eine Zecke: kleiner Kopf, runder Körper.
«Was könnte denn dahinterstecken?», fragte Alex.

«Vergessen wir es», sagte Renner. «Ist wohl nichts.» Dies klang zwar ganz und gar nicht überzeugend. Aber Renner war mit der Zeit etwas vorsichtiger geworden. Denn mit 43 Jahren sollte er mit seinem Talent und seinem Ehrgeiz eigentlich irgendwo Chefredakteur sein. Dass er dies nicht geschafft hatte, lag vor allem daran, dass ihn sein Gefühl schon mehrmals getäuscht hatte. So war aus mancher Story kein Knüller, sondern ein Flop geworden. Mit allen peinlichen, juristischen und finanziellen Nachspielen. «Schreib mir doch eine satte, pfiffige Meldung darüber, Alex. Ich teile dir gleich die Spalte zu.» Als Alex wieder an seinem Platz sass, war die Spalte bereits auf seinem Schirm, so dass er direkt ins Layout des «Aktuell» -schreiben konnte. Alex stand noch einmal auf, ging durchs Büro, trank beim Dispenser einen ganzen Becher Wasser, kehrte an seinen Platz zurück und tippte den Text in den Computer.
«Er genoss den Tag in den Bergen, die Sonne, die gute Höhenluft. Doch die Idylle endete in einer Katastrophe: Der 58jährige Schweizer kam am Faulhorn oberhalb von Grindelwald vom Weg ab und stürzte 150 Meter in die Tiefe. Er blieb in einem Tobel liegen – tot!
Andere Bergwanderer entdeckten später die Leiche und alarmierten die Polizei. Diese konnte bis gestern abend nicht erklären, wie es zu diesem Unglück gekommen war.» Alex las den Text nochmals genau durch. Er war zufrieden. Bei seinen Vorgesetzten galt er als guter Schreiber. Nur er selbst zweifelte oft daran. Er überlegte sich noch einen Titel.
«Tod im Tobel»
«Passt!», sagte Alex erleichtert und checkte den Text ins Sys-tem ein. Keine fünf Minuten später sah er, dass seine Meldung grün eingefärbt war; Peter Renner hatte den Text gelesen und war zufrieden damit.
Einige Augenblicke später bekam Alex von Renner eine Mail, in der dieser ihm einen schönen Abend wünschte.
Es war kein besonders erfolgreicher Tag gewesen. Die gros-sen Stories hatten andere geschrieben. Seine ehemalige Studienkollegin Sandra Bosone, die wie er ebenfalls seit zwei Monaten bei «Aktuell» festangestellt war, hatte sogar den Aufmacher auf Seite 3 geliefert. Eine Geschichte über veruntreute Spendengelder beim Hilfswerk «Sonnenaufgang», einer relativ kleinen Institution, die sich um Drogenkranke kümmerte. Es war nicht der grosse Skandal, aber immerhin waren bei «Sonnenaufgang» einige Tausend Franken einfach verschwunden. Alex hatte am Nachmittag den Artikel gelesen und fand ihn nicht sonderlich gut. Aber er mochte Sandra, deshalb freute er sich eigentlich für sie. Ihn wurmte bloss, dass ihm seit seiner Festanstellung noch kein einziger grosser Artikel gelungen war.
Alex packte seine Tasche, fuhr den Computer hinunter und rief zu seinen Kolleginnen und Kollegen: «Tschüss zusam-men!» Er fragte sich manchmal, ob News-Chef Peter Renner Sandra die besseren Stories zuhielt, weil sie attraktiv, charmant und ziemlich keck war. Er schämte sich für diesen Gedanken, schliesslich konnte er sich nicht darüber beklagen, von Renner abschätzig behandelt zu werden. Im Gegenteil, Renner und er kamen prima miteinander aus und hatten einen ähnlichen Humor. Ihre Parodien des Chefredakteurs und seines Stellvertreters, die sie gerne vor Kollegen zum besten gaben, waren todsichere Lacher.
«Morgen ist ein neuer Tag», sprach sich Alex Mut zu. «Der kann nur besser werden.» Bevor Alex die Redaktion verliess, schaute er kurz im News- room vorbei, um sich von Renner zu verabschieden. Doch dieser führte offensichtlich ein spannendes Telefongespräch, denn er wirkte sehr konzentriert und machte sich viele Notizen.

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