Bücher/Leseproben von Daniela Noitz

Buch:
Niemand weiß, wohin es ihn trägt

erschienen 2015

ISBN:
978-3739201030

Verlag:
BoD

weitere Informationen:

Es war einmal

und es ist

und es wird immer sein.

Fünf Erbsen in einer Schote,

erwacht in Erwartung,

geschleudert in die Welt.

Fünf Welpen geboren,

die Augen öffnend zur Hoffnung.

Voller Lebensfreude,

voller Zuwendung

und ohne Misstrauen.

Spielend, vergnügt,

bis ein Auto bremst,

zu spät,

bis er sich allein und verlassen findet,

bis jemand für ihn beschließt,

Du musst kämpfen,

Du musst jagen,

Du wirst mein Pelz.

Es war einmal

und es ist

und es wird immer sein.

Menschen- und Tierbabies,

deren Hoffnungen sich erfüllen,

auf achtsame Behandlung,

auf ein Leben ohne Zwang und Gewalt,

auf das kleine Glück.



Leseprobe:

Lana fährt gerne mit dem Auto

 

Fünf Erbsen waren in der Schote. Fünf Erbsen kamen aus der Schote in die Hand des Jungen, der sie in seine Pistole tat und abfeuerte. Eine nach der anderen schoss er hinaus, eine nach der anderen wurde in die Welt hinauskatapultiert und landete wo sie eben landete. Die erste wurde in einen Spalt in einem morschen Fensterbrett katapultiert, und schien dort, festgesteckt zu bleiben. Die zweite hingegen fand sich auf üppiger, dunkler Erde wieder, und das Schicksal schien ihr hold zu sein.

 

* * *

 

Lana liebte es mit dem Auto zu fahren. Das lag aber weniger am Auto fahren selber, sondern daran, dass es bedeutete, in das Gefährt einzusteigen, sich zu ihrem kleinen Frauchen, der zwölfjährigen Tochter ihres Besitzers, Julia, zu kuscheln, sanft geschaukelt zu werden, um dann wieder auszusteigen, an einem ganz anderen Ort, der ihr oftmals fremd , aber dennoch immer schön für sie war, da es so wahnsinnig viel zu entdecken gab. Umgeben von Menschen, die ihr Sicherheit und Geborgenheit schenkten, konnte sie es wagen ihre Entdeckerfreude auszuleben.

 

Einmal, da war sie noch ein ganz ein kleiner Hund gewesen, da hatten sie einen Ausflug gemacht, auch mit dem Auto. Am Waldrand hielten sie. Neugierig sah Lana aus dem Fenster. So viele fremde Geräusche und Gerüche. Es war das erste Mal in ihrem kurzen Hundeleben, dass sie einen Wald sah. Aufgeregt forderte sie, dass sie endlich aus dem Auto aussteigen dürfe, indem sie an der Tür hin- und hersprang und ihr Schwanz wie ein Propeller rotierte. Wieso brauchten die Menschen auch immer so lange? Endlich ging die Türe auf und an ihr neues Halsband wurde die Leine angehängt. Sofort versuchte sie davonzuspringen, doch die Leine riss sie unsanft zurück. Was sollte das nun wieder sein? Da gäbe es so vieles zu entdecken, und man konnte nicht hin, obwohl es vor der Nase lag. So gingen sie eine Zeitlang dahin, als sich die Bäume lichteten und eine Wiese kam, mitten im Wald. Ihr Frauchen kniete sich neben Lana und befahl ihr sich niederzusetzen. Lana fiel es schwer ihren Blick in einer Richtung zu halten, doch ihr Frauchen meinte es offenbar ernst, als sie immer wieder ihre Aufmerksamkeit einmahnte. Ein bisschen würde es schon gehen. Dann sprach sie einiges. Wann würde sie endlich fertig sein? Die Menschenworte endeten und dann wurde die Leine abgehängt. Lana war sich als erst nicht ganz sicher und probierte vorsichtig. Ein, zwei, drei, vier Schritte vorwärts ins Gras. Tatsächlich, da war plötzlich nichts mehr, was sie zurückhielt. Vorsichtig ging sie ein paar Schritte. Das Gras wurde höher, so dass sie nicht mehr darüber sehen konnte, aber die Gerüche waren sowieso interessanter.

 

„Lana“, hörte sie plötzlich Julias Stimme. Kurz überlegte sie ob sie hinlaufen oder doch lieber ihren Entdeckungsspaziergang fortsetzen sollte. „Lana“, ertönte es nochmals. Die Stimme klang ungeduldiger, um beim dritten Mal, als Lana immer noch mit sich rang ob sie dem inneren Drang oder doch Julias Stimme Folge leisten sollte, als durchaus scharf bezeichnet werden zu können. Endlich lief Lana auf Julia zu, die sie freudestrahlend in die Arme schloss. Was immer sie auch zu Lana sagte, sie bekam ein Leckerli dafür. Dann durfte sie wieder laufen, mitten hinein ins hohe Gras. Doch was war das für ein Geruch? Lana kannte ihn nicht, aber er war verlockend.

 

Die Nase am Boden ging sie ihm nach, immer weiter und weiter. Eine unsichere Stimme klang wie von Ferne zu ihr, die ihren Namen rief, aber sie hörte es nicht mehr. Immer weiter ging sie, bis sie aufschaute und sich einem Hirsch gegenübersah. Stolz reckte er sein Geweih in die Höhe. Groß war er, viel zu groß. Es war wohl ratsam sich aus dem Staub zu machen. Und das tat Lana, rannte los, völlig kopflos. Endlich hielt sie inne. Die Stimme war nicht mehr zu hören. Ganz allein war sie und wusste nicht wohin. So irrte sie durch den unbekannten Wald. Wie lange, das wusste sie nicht. Endlich fand sie den Weg wieder auf dem sie gekommen waren. Erschöpft legte sie sich nieder. Nichts war zu vernehmen als das Rauschen des Windes. Irgendwann müssten sie zurückkommen. Da drang eine Stimme an ihr Ohr, eine bekannte Stimme. Lana zog vorsichtshalber den Schwanz ein und ließ den Kopf hängen, dass auch jeder sehen konnte wie zerknirscht sie war. Doch da lag kein Ärger in der Stimme, sondern nur Erleichterung.

 

„Ich bin so froh, dass ich Dich wiedergefunden habe“, sagte Julia, aber das verstand Lana nicht. Was sie sehr wohl verstand war, dass offenbar niemand böse mit ihr war, dass Julia sich freute sie zu sehen. Erschöpft stieg Lana zu Julia in den Wagen, der sie zurück brachte zum Haus und dem Kuschelkissen. Ja, Lana fuhr gerne mit dem Auto.

 

So sprang Lana auch an diesem sonnigen Maitag mit Freude in das Auto. Julia saß schon drinnen. Die Leckerlis wären gar nicht notwendig gewesen, aber Lana fraß sie trotzdem, nicht nur um ihrem Ruf als Vertreterin der Rasse Labrador, die wohl nicht zu unrecht als fressfreudig gelten, alle Ehre zu machen, sondern auch um ihr kleines Frauchen nicht zu enttäuschen, die immer so froh war, wenn Lana ihr vorsichtig das Leckerli aus den Fingern zog. Das Herrchen stieg bei einer anderen Türe ein und brachte das Auto dazu zu fahren. Alles war wie immer. Wo sie wohl diesmal hinfahren würden? Ob es dort wieder andere Hunde zum Spielen geben würde? Ob es vielleicht gar einen See gäbe, in den sie springen könnte? Dann würde sie den Stock aus dem Wasser fischen, den sie für sie warfen, zurückbringen und das nasse Fell ausschütteln. Daran hatten ihre Besitzer immer große Freude. Das erkannte Lana regelmäßig daran wie aufgeregt sie mit den Händen herumfuchtelten und sich ihre Gesichter verzogen. Das alles bot sie ihnen gerne, denn sie waren so gut zu ihr. Regelmäßige Fütterungen und Spaziergänge, Spielen und Streicheln, ein warmes Plätzchen im Haus und in ihren Herzen. Was, oh Hundeherz, begehrst Du mehr? Lana wähnte sich einen glücklichen Hund. Natürlich hatten diese Menschen auch ihre Macken, aber das lag wohl in der Natur der Rasse. Und so schloss Lana die Augen, den Kopf in Julias Schoss gebettet, entspannt und voller Vorfreude. Auf diese Menschen konnte sie sich voll und ganz verlassen. Alles hätte sie ihnen anvertraut, alles, was sie hatte, sogar ihr eigenes Leben. Andererseits war sie auch jederzeit bereit ihre Menschen mit ihrem Leben zu verteidigen. Das Leben war wunderschön, geordnet und vertraut. Nichts konnte die Idylle trüben.

 

Der Wagen hielt, doch der Motor brummte weiter leise vor sich hin. Lana war sofort wieder hellwach und setzte sich neugierig auf. Da stieg ihr Herrchen auch schon aus und öffnete die Türe für sie, die es kaum erwarten konnte aus dem Auto zu springen. Doch wie seltsam? Da war keine Wiese und kein Wald, sondern nur Straße, an deren Rand Schotter gestreut war. Da waren auch keine anderen Hunde, weder mit noch ohne Menschen. Ab und zu fuhr ein anderes Auto vorbei. Und während Lana sich noch umsah, sprang ihr Herrchen ins Auto und fuhr los. Vielleicht sollte das ein Spiel sein. Ein seltsames zwar, aber wer weiß schon was Menschen so alles einfiel. Lana rannte dem Auto hinterher. Sie lief, so lange sie konnte, doch der Wagen war schon weit weg und Lana war gänzlich allein, einfach so, auf einer fremden Straße, in einer Gegend, die sie noch nie gesehen hatte, und verstand die Welt nicht mehr. Endlich gab sie es auf, völlig erschöpft und abgekämpft. Sie legte sich nieder. Ihre Menschen sollten sie finden, wenn sie zurückkämen um sie zu holen. Doch sie kamen nicht zurück.



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