Mittwoch, 23 Mai 2012
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Ostern mitten im Dezember
(Autor: )

Piepmatz Design

Der ehemals große Familienesstisch ist auf einmal viel zu groß. Die kleine Restfamilie hat sich an einer Ecke zusammengedrängt. Die kleinen Kinder streiten sich wie jeden Morgen um das Nutellaglas, die Mama schiebt es mechanisch und gedankenverloren mal auf die eine, mal auf die andere Seite. „Warum braucht der immer solange?“ Der kleine Bruder, gerade im Besitz der Macht und des halb geleerten Glases, kostet die Situation voll aus und bestreicht sein Brötchen mit der begehrten Schokoladenmasse wie ein Künstler, der mit Bedacht die Farben von der Palette auf die Leinwand setzt. Die kleine Schwester, kurz davor die Nerven zu verlieren, rennt um den Tisch herum, um ihrer Forderung mit nunmehr brachialer Gewalt Nachdruck zu verleihen. Die Mama nimmt dem Kleinen das Glas aus der Künstlerhand und lockt damit das Töchterchen zurück auf ihren angestammten Platz. Der Familienfriede ist wiederhergestellt und alle sind damit beschäftigt, die „Beute“ zu verfrühstücken.

 

In die zufriedene Stille hinein sagt eins der Kinder: „Wir müssen zum Friedhof!“ Die Mama, aus ihren Gedanken aufgeschreckt, weist aus dem Fenster und bemerkt, dass es noch nicht einmal Tag sei, es draußen noch ganz dunkel und es überdies gerade zu schneien angefangen hätte. „Ja“, sagt das andere Kind, „der Papa ist auferstanden“.

 

Der Mama bleibt der letzte Brötchenbissen im Halse stecken. Sie weiß nicht, was sie sagen soll und fühlt sich auf einmal so hilflos, wie in den ganzen letzten Wochen nicht. Vor drei Tagen, kurz nach Nikolaus, hatten sie den Papa beerdigt und – wie die Kinder sagten – mit einer dicken Decke aus wunderschönen Blumen zugedeckt. In der Schule hatten die Kleinen gerade die Geschichte der Auferstehung im Religionsunterricht gelernt. „Jetzt sind es drei Tage her und heute ist der Papa auferstanden!“ „Klar,“ sagt das andere Kind „Papa war so gut wie Jesus. Und wenn der auferstanden ist, dann ist der Papa das jetzt auch!“ Die Mama weiß immer noch nicht, was sie darauf sagen soll. Sie packt die Kinder in ihre Schneeanzüge und gemeinsam macht man sich in dieser frühen Morgenstunde kurz nach Nikolaus auf den schneebedeckten Weg zum Friedhof. Und ist froh, dort alles so zu finden wie es vor drei Tagen verlassen wurde. Da liegt der Papa noch immer unter der schönen dicken Blumendecke. Und ein offenes Grab, das möchten sich alle doch lieber jetzt nicht vorstellen bei der Kälte heute. Dann stimme aber die Geschichte nicht, die sie in der Schule gelernt hätten, denn das hier sei der Beweis. Der Papa sei noch da.


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