Samstag, 4 Februar 2012
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Lorraine
(Autor: )

Piepmatz DesignAls ich in der siebten Klasse zum Gymnasium ging, kannte ich nur wenige meiner Altersstufe. Ich musste neue Bekanntschaften machen, und eine dieser Personen war Lorraine.
Sie war genauso schüchtern und still wie ich. Jeden Morgen saß ich im Bus neben ihr, ohne sie anzusprechen. Bis sie dann für einen Tag in unsere Klasse kam, weil sie an einem Wandertag nicht teilnehmen konnte. Wir gingen zusammen zum Bus zurück und kamen ins Gespräch. Wie sie den Tag gefunden hätte und die Lehrer ihr sympathisch wären.
Sie hielt mir seitdem immer einen Platz morgens im Bus frei. Langsam aber sicher lernte ich sie besser kennen. Über sich erzählte sie nicht sehr viel, aber als wir uns seit einigen Monaten kannten, begann sie mit mir über ihre Mutter zu sprechen. Über ihren Stiefvater. Ihre kleine Schwester würde immer bevorzugt werden, sie sei nur der Sündenbock.
Nur ihr leiblicher Vater war anders. Aber sie durfte nur ab und an zu ihm nach Hamburg. Immer wenn sie von dort wiederkam, schien ihre starre Maske einen Riss bekommen zu haben. Sie war offener, fröhlicher und unbeschwerter. Doch dieser Glanz hielt nie lang an.
Sie versuchte auch nicht, den Schein aufrechtzuerhalten. Ihr Gesicht schien das Lächeln nicht zu kennen, ihre Augen waren tränenleer.
Ich tat mein bestes, um sie aufzuheitern. Hörte ihr zu, behielt ihr Leid für mich. Ließ sie die Schneekönigin sein, kalt und unnahbar wenn sie wollte, wie Eis in der Frühlingssonne, wenn sie ihre Maske ablegte.
Aber Lorraine veränderte sich. Zu Hause blieb alles beim Alten, aber sie hatte neue Freunde gefunden, so wie ich. Mit der Zeit wurde sie selbstbewusster, versuchte ihre Ängste zu bekämpfen. Wollte sich von ihrer Mutter lösen, zu ihrem Vater ziehen. Und ich konnte sie verstehen. Es war haarsträubend, was sie mir erzählte. Dass ihr Stiefvater einen Teller nach ihr geworfen und sie nur knapp verfehlt hatte.
Lorraine schaffte in der zehnten Klasse den entscheidenden Schritt und durfte zu ihrem Vater ziehen. War endlich frei. In den letzten Wochen, die sie hier verbrachte, war sie zwar kein anderer Mensch geworden, doch sie war so fröhlich wie noch nie, strahlte oft übers ganze Gesicht. Ich freute mich für sie, aber betrauerte insgeheim ihr Fortgehen.
Heute ist es schon fast zwei Jahre her, dass sie nach Hamburg ging. Der Kontakt zu ihr ist vollkommen abgebrochen.
Nur einmal habe ich sie wieder gesehen. Sie hat ihre alte Klasse besucht und übernachtete bei einer Freundin. Ihre Stimme war immer noch kaum mehr als ein Flüstern des Windes und die Traurigkeit in ihren Augen war manchmal noch zu sehen. Doch sie lächelte viel öfter, lachte sogar. Sie tanzt jetzt, ist viel in der Großstadt unterwegs. Mit ihren neuen Freunden.
Mein Platz in ihrem Leben gehört der Vergangenheit an.


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