Mittwoch, 23 Mai 2012
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Kirschblütentanz
(Autor: )

Piepmatz DesignDie Nacht ist schon fast vorüber, aber an Schlaf ist immer noch nicht zu denken. Wie kann man so schrecklich müde und doch gleichzeitig so voller Energie sein?
Hier sitze ich nun, denke über alles und nichts nach, während das Mondlicht den verblassenden Schatten des Kirschblütenbaums über mich wirft. Vor mir wird es schon wieder hell. Wie lange schon tue ich das alles? Wann hatte ich all meine Träume aufgegeben, auf ein Leben gehofft, das ganz allein mir gehörte?
Als ich damals in die Okiya kam, hatte ich gehofft, eines Tages meine Eltern wieder zu sehen. Meinen Bruder. Aber das wurde mir genommen. Sie hatten mich an dieses Haus verkauft. Das machte mir Oka-san schnell deutlich. Ich war ihre neueste Investition mit rabenschwarzem Haar und dem hübschem Gesicht. Ich wurde zur Schule geschickt, wo ich tanzen lernte, wie man eine Shamisen spielte und eine perfekte Unterhalterin war. Eine Geisha würde ich sein, hatte man mir gesagt. An dieses Haus gebunden. Meine neue Familie war hier, alles was davor gewesen war, hatte nun keinerlei Bedeutung mehr. Es war ein Traum, den ich zu vergessen hätte. Ich wollte das nicht. Wurde aufsässig. Bekam den Rohrstock zu spüren. Hungerte und fror. So zerbrach das Mädchen Aya.
Widerstandslos tat ich, was man von mir verlangte- so wurde ich zur Maiko, einer Lern-Geisha. Ich versteckte mein wahres Ich hinter einer Maske aus weißem Puder und roten Lippen. Aus Aya wurde Sakura gemacht. Mit meiner großen Schwester zog ich von Teehaus zu Teehaus, Nacht für Nacht. Das Geld, das ich verdiente, bekam ich nie zu Gesicht. Ich müsse meine Schulden begleichen, sagte Oka-san. Mein Kaufpreis, der Reis in meiner Schüssel, die Schule. All das musste ich begleichen. Nahm es hin. Ich wurde zur Geisha, war beliebt in den Teehäusern. Die Kunden waren verzaubert von meinen Augen und meinem schüchternen Lächeln.
Doch Aya lebt noch immer versteckt in mir, begraben unter Seide und Puder. Ich schließe sie weg, zusammen mit Hoffnungen und Träumen. Aber sie kämpft sich in Stunden wie dieser bis zur Oberfläche meines Bewusstseins. Sakuras  lächelndes Gesicht bekommt Risse, das kleine Mädchen von einst schaut daraus hervor. Sie bringt all meinen Schmerz mit sich.
Deswegen kann ich nicht schlafen. Sie regiert meine Träume. Dann würde ich am liebsten für immer schlafen, aber das Erwachen kommt immer. Das ist jedesmal das Schlimmste daran. Dann verstecke ich mich wieder hinter Puder und Seide.
Wenn ich so wie jetzt hier sitze, die verblassende Nacht vor Augen, ist es besonders schlimm. Ich beginne zu hoffen. Ein Leben, das nur mir gehört. Ein Mann, der mich ohne Puder und Seide liebt. Ein Kind in meinem Arm. Ein einfaches Haus, dahinter ein Feld, so, wie ich es aus Kindertagen kenne.
Die Sonne steigt über den Horizont, vertreibt die Sterne und die gnädige Nacht. Ich klammere mich immer noch an das letzte Bild, als hinter mir ein Ruf ertönt.
“Sakura!”
Seufzend lasse ich die Vorstellung ziehen. Es wird ein schwerer Tag werden.


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