Mittwoch, 23 Mai 2012
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Das Telefonat
(Autor: )

Piepmatz DesignMein Intercity fährt in den Bahnhof und ich steige ein.
Nur noch 50 Minuten trennen mich von zuhause und ich suche mir einen Sitzplatz. Im Feierabend – Verkehr keine leichte Aufgabe und so setze ich mich in den Großraumwagen, wo mir an diesem Viererplatz eine junge Frau gegenüber sitzt, die mit dem Handy telefoniert. Sie macht dies in einer Lautstärke, dass der halbe Großraumwagen beschallt wird und an den Blicken der anderen Mitreisenden erkenne ich, dass sie es nicht erst seit kurzer Zeit macht. Sie redet und fragt und fragt und redet und unfreiwillig bekomme ich mit, dass es wohl ihr Freund ist, den sie am anderen Ende hat. Und das sie ihn wohl nur hin und wieder am Wochenende sieht, er bei der Bundeswehr in Bremen ist und sie nun auf dem Weg zu einer Geschäftspräsentation nach Osnabrück.
Aus ihrer Stimme erkennt man, dass sich die Zwei dieses Wochenende wohl wieder einmal nicht sehen können und sie wirkt ein wenig traurig. Wieder nicht sehen? Sie schaut aus dem Fenster.
Eine trostlose Winterlandschaft präsentiert sich draußen und ich höre, wie sie leise sagt: „Ich würde alles geben, dich für eine Sekunde zu sehen!“
Plötzlich sehe ich ihr Gespräch mit anderen Augen. Da ist eine junge Frau und die große Liebe – eine Liebe mit Hindernissen.
Sie sagt: „Mein Zug ist ja heute mal sowas von pünktlich!“ und kurze Zeit später lacht sie, weil ihr Freund scheinbar in einem Zug sitzt, der gerade Verspätung hat. „Wo bist du denn?“ fragt sie. „Gleich in Dortmund? Echt? Ich auch! Mein Zug fährt gerade in den Bahnhof ein!“
Ihre Stimme wird wieder lauter und auch der Letzte im Waggon weiß, dass wir nun in Dortmund sind.
Plötzlich fast ein Kreischen in ihrer Stimme: „Du bist in dem Zug? In dem Zug, der neben uns im Bahnhof steht? Wo denn?“ Sie stand auf und schaute aus dem Fenster. Obwohl sie mir dabei auf die Füße trat, war ich irgendwie nicht böse.
Die Züge setzten sich in Bewegung und sie stand da und fragte nochmal: „Wo bist du denn? Ich stehe am Fenster, in der Mitte des Zuges!“
Der andere Zug fuhr schneller und sie schaute wie gebannt aus dem Fenster. Dann kam der letzte Wagen. Und dort, fast im letzten Fenster, stand ein junger Mann mit einem Handy am Ohr und winkte. „Ich habe dich gesehen – oh mein Gott, ich habe dich gesehen!“ rief sie mit weinerlicher Stimme. Es war ruhig in dem Waggon.
Jeder schaute auf die junge Frau, wie sie am Fenster stand und sich eine Träne weg wischte. Manchmal sind es nur Sekunden, die uns glücklich machen. Sekunden, die alles entscheiden.


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