Schuld und Sühne
(Autor: mareis)
Eigentlich hatte ich ja versprochen, hier nicht zu fachsimpeln. Aber auch in der Ernährungsberatung gibt es hin und wieder so hübsche Vorkommnisse, dass sie viel zu schade sind, der Nachwelt vorenthalten zu werden.
Eine 74-jährige Diabetikerin outet sich in der Diabetes-Schulung, sie hätte überhaupt keine Gewalt über sich. Sie stünde manchmal nachts auf, um sich Grießbrei zu kochen. Die jüngeren Schulungsteilnehmer überhäufen sie mit Vorwürfen, die von „ So was dürfen Sie nicht tun“ bis „Dann sind Sie wirklich selber schuld an Ihrem Zucker“ reichen. Bevor die moralische Entrüstung allzu hohe Wellen schlägt, greift die Schulungsleiterin ein und bittet die Wortführerin, ihrer Nachbarin doch bitte zu erklären, warum sie das für falsch halte.
Nach einer kurzen Schrecksekunde antwortet diese: „Ich wäre viel zu faul dazu. Nachts aufzustehen und Grießbrei zu kochen!“ „Ach, Sie sind zu faul?“ Die arme Sünderin, gefragt, wie das jetzt bei ihr ankäme, freut sich: „Na, aber ganz anders!“ Das Thema wurde nicht weiter erörtert.


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