Mama!
(Autor: mareis)
...wimmert es gestern morgen kurz nach sieben aus dem Telefonhörer. Und ich sehe schon, ich muss hier erst einmal was klären. Bevor ich noch weiter in Ihrer Achtung sinke, wie das eben der Fall zu sein scheint, ich bin keine Rabenmutter. Jedenfalls nicht so eine, die nachmitags im Gewühl ihre Kinder verliert und das erst am nächsten Morgen um sieben merkt. Und ich bin auch keine amtierende Mutter. Die Stimme am Telefon gehört meiner erwachsenen Tochter, einer schönen und im sonstigen Leben sehr selbstbewussten jungen Frau.
Nun, gestern morgen um sieben war ihr dieses Selbstbewusstsein für kurze Zeit abhanden gekommen. Und wenn Sie gleich lesen, was das ausgelöst hat, dann werden Sie mit mir einer Meinung sein, dass das sehr verständlich war. Jedenfalls werden Sie so denken, wenn Sie selbst eine Frau sind. Sollten Sie ein Mann sein, dann freue ich mich, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich darüber zu freuen, dass es Dinge im Leben einer Frau gibt, in denen sie eine überlegene männliche Präsenz außerordentlich zu schätzen und vor allem anzuerkennen weiß. Dies nur, weil dieses Thema normalerweise recht destruktiv zwischen den einzelnen Parteien gehandelt wird. Doch dies nur am Rande.
Gestern morgen um sieben, das muss ich hier leider zugeben, waren wir eindeutig fehlbesetzt. Und wenn Sie als weibliche Leserin diese Offenheit jetzt bedauern, so darf ich Sie beruhigen. Ich habe noch andere, für unsere Spezies rühmlichere Vorkommnisse zu berichten, die zwar eben gerade nicht zu dieser Geschichte gehören, aber ganze Bände von Büchern füllen könnten, die kein Regal der Welt fassen könnte. Jawohl! Doch was wollte ich eigentlich ….ja! Warum sie morgens um sieben. Ganz einfach. Ihr Auto war 20 km von zu Hause auf dem Weg zur Arbeit mit dampfendem Motor liegen geblieben. Nun, um meiner Tochter die Ehre zu geben, möchte ich erwähnen, dass sie nicht nur an Mama dachte, sondern auch gleich mehrere Fehlermöglichkeiten parat hatte. Der Kühlwasserbehälter ist gefüllt, aber so irgendwie rosa. Hm. Die Zylinderkopfdichtung? Das ginge ja noch! Der Zylinderkopf himself! Das wäre das Ende dieses ohnehin betagten Gefährten. Um hier nicht erneut für falsche Assoziationen zu sorgen. Natürlich hätte es „Gefährtes“ heißen müssen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Tage dieses Vehikels ab jetzt in Stunden ablaufen und wollte nur was Nettes, sozusagen als vorweg genommenen Nachruf zu dieser Rostlaube sagen.
Nun, die oben angesprochene Mama wirft sich natürlich in ihren Micra. Dies nur zu Ihrer eingangs geäußerten Vermutung. Jetzt sehen Sie, dass Sie ein wenig vorschnell ...na ja. Jedenfalls fahre ich zum Ort des Geschehens, obwohl bisher „des Nichtgeschehens“ ein treffenderer Ausdruck wäre. Denn jetzt geht es eigentlich erst los. Sind Sie noch da, verehrter Leser? Das muss belohnt werden.
Natürlich habe ich ein Abschleppseil. Keine Diamanten, keine Nerze, aber – das ist so klar wie Kloßbrühe - ein Abschleppseil! Und bisher, im Gegensatz zu meiner Jüngsten, auch noch die Nerven. Noch! Muss ich leider sagen. Denn sie werden sehen, das ich das nicht bis zum Ende meiner Geschichte durchgehalten habe. Bingo! Jetzt sind Sie doch neugierig geworden! Na, da schaun wir mal.
Hand aufs Herz und ganz schnell geantwortet ohne zu googlen: Wo ist beim Golf vorne die Abschleppöse? Wo? Es würde zu weit führen, jetzt im einzelnen zu beschreiben wie sich zwei gut angezogene Damen in voller Kledage um die Lösung dieser Frage bemühten. Von außen war nichts zu sehen und wenn man sich in voller Länge unter das Auto bemühte? Auch nicht. Nix Abschleppöse. Tja. Die Bedienungsanleitung! Natürlich. Schnell war die Öse gefunden. Nur soviel dazu, wer ist bloß auf diese blöde Idee gekommen, sie im Kofferraum unterzubringen und das Gewinde hinter einer Abdeckung zu verstecken. Es wird dauern, bis ich den Autodesignern wieder verzeihen kann. Ich möchte diese Abneigung nur für die Hersteller des Golfes verstanden wissen. Mein Micra nämlich, signalrot, deshalb hab ich ihn auch einmal vor etwa 16 Jahren gekauft. Aber das ist eine andere Geschichte. Also mein Micra – und Sie merken schon, ich benutze den Markennamen nur in Verbindung mit dem Personalpronomen, um meiner außerordentlichen Zufriedenheit Ausdruck zu verleihen - keine Servolenkung, kein Bremskraftverstärker, aber quadratisch, praktisch und trotz deutlicher Rostspuren immer noch schick. Der hat eine deutlich sichtbare Abschleppöse! Vorne und hinten, wobei ich betonen möchte, dass ich noch nie die vordere benutzen musste. Immer nur die hintere. Wie auch in diesem Fall.
Gut, Autos aneinander gebunden, über Weg und Verhalten kurz verständigt und dann gings los. Ich immer vorne weg. Das passiert mir nicht so oft im Leben, deshalb wollte ich es hier nur einmal erwähnt haben. Die ersten 15 Kilometer anstandslos bewältigt, kaum Verkehr auf den von uns gewählten Nebenstraßen, alle Ampeln grün und alles sah danach aus, als ob diese Episode keine Anekdote geworden wäre.
Jetzt aber. Baustelle, einspurige Straßenführung, dicht vor einem viel befahrenen Autobahnkreuz, plötzlich einsetzende Rushhour. Vorne ein Laster, hinten einer. Tatüüüüütataaaaa. Oh bitte Himmel hilf. Der Einsatzwagen dräuend fast am Kofferraum des Golfes. Nerven? Wech. Anfahren? Ohne Nerven? Ich bitte Sie. Tatüüüüütatta. Die Lastwagenfahrer schauen aus ihren Chassis herunter wie es Männer eben tun, wenn zwei Frauen Auto fahren. Sie wissen schon. Irgendwie hats dann doch geklappt mit dem Anfahren und wir haben es bis in die nächste Nebenstraße geschafft. Und das war das Ende. Wir? Setzen uns nicht mehr in diese Autos, solange sie aneinander gebunden sind. Lösten das Abschleppseil und flohen mit dem Micra nach Hause. Den Golf ließen wir am Ort des Grauens mitten in der Prärie.
Und was wurde jetzt möchten Sie wissen. Nun, ich habe auch noch Söhne. Und die haben das am Abend erledigt. Möchten Sie auch noch wissen, ob Schrottplatz oder nicht? Noch einmal davon gekommen der Golf. Kühlwasserpumpe defekt.


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