Mittwoch, 23 Mai 2012
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Dame mit Hut
(Autor: )

Piepmatz Design

Ich hatte es ja meinen weiblichen Geschlechtsgenossinnen schon versprochen. Ich kenne auch Autogeschichten, die zu unseren Gunsten ausfallen. Tatsächlich, Ladies, das ist durchaus im Bereich des Möglichen. Dazu braucht eine Frau nur einige wenige Beigaben. Einen schwarzen Hut, breitkrämpig mit kleinen Strass-Steinen minimal besetzt. Und eine Übernachtungsmöglichkeit in Berlin. Na dann:

 

Wann immer ich diesen Hut an die Luft führe, passieren die absonderlichsten Dinge. Diese fängt damit an, dass mein Zug in Dresden 70 Minuten Verspätung hatte. In Berlin war natürlich der Anschlusszug weg und nichts ging mehr in Richtung Heimat. Am Servicepoint eine lange, übermüdete und entrüstete Menschenschlange. Also, nix wie raus da.
Ich sprang in ein Taxi, um mich zu meinem Sohn in ein Berliner Studentenheim kutschieren zu lassen. Wie gut, wenn man eine Handvoll eigener und angenommener Kinder über die ganze Welt verstreut hat.

Gemütlich so ein Mercedes. Und gemütlich ist ein sehr schwächlicher Ausdruck für den Eindruck von geballter, mühsam zurückgehaltener Kraft, die sich souverän schnurrend den Weg in die dunkeleren Ecken von Berlin bahnt. Sicher, souverän und zielorientiert. Von mir aus hätte diese Fahrt ins Unendliche...... Plötzlich, ein schnarrendes Geräusch und das Taxi liegt mit mir drin irgendwie schräg zur Horizontale. Der Taxifahrer versucht hin und zurück. Ich springe raus – das tue ich immer wenn es brenzlig wird - und sage ihm, das er das bleiben lassen soll. Nämlich weil. Das rechte Vorderbein in einer Baugrube, das linke gerade mal noch halb auf der Straße. Die Karosserie auf meiner Seite aber sowas von Teerkontakt. Zu zweit überlegen wir, was nun zu tun ist. Wagenheber! Ich versuche halbherzig - immerhin weiß ich fast immer, wann ich aufgeben muss - das Taxi anzulüften. Der Fahrer versucht, den Wagenheber unter die Karosserie zu schieben. Nix.

Was jetzt? Mitten in der Nacht. Und mitten in einer wie ausgestorben wirkenden Metropole. Ich finde ja, dass die Berliner ein bisschen früh schlafen gehen. Das hätte ich nicht von denen gedacht. Schnarchnasen! Noch bevor ich dieses Vorurteil hirnmäßig verankern kann, taucht wie aus dem Nichts ein junger Jogger auf. Und sagt das legendäre Wort:"Scheiße". Gut, ich gebe zu, die Berliner sind keine Schnarchnasen. Da habe ich mich geirrt. Die Männer überlegen, was zu tun ist. Sie wollen gemeinsam das Taxi vorne anheben.

Jetzt schalte ich mich ein: "Ich gehe ans Steuer und fahre rückwärts". Dem Taxifahrer klappt die Kinnlade herunter. "Sie k ö n n e n a u t o f a h r e n???!!?" Als ich gerade anfangen will, mich über diese Frage zu wundern, fällt mir ein, dass ich ja diesen lächerlichen Hut auf dem Kopf habe. Der wirkt in dieser Situation natürlich nicht sehr vertrauenerweckend. Also nehme ich ihn ab, setze mich kurzerhand hinter das Steuer. Der junge Mann raunt dem Fahrer zu, er möge die Automatik auf Rückwärtsgang schalten und beweist damit, dass er ein echter Frauenkenner ist. Die Männer hieven, ich aufs Gas und..... wenige Sekunden und das Taxi hat wieder Bodenkontakt. Ich auf die Bremse. Das Taxi steht wie eine Eiche. Der Fahrer schreit "STOPPPP!!!!" Der junge Mann schreit "Die Bremse ist wie beim Micra". Ja,...nur Ruhe. Ich sonne mich von nun ab in der Bewunderung von zwei männlichen Augenpaaren.

Dann waren es nur noch wenige Straßenecken bis zu meinem Sohn. Der Fahrer hatte
sich wieder gefangen und bewies seinen Berliner Witz mit der Aussage, er wäre froh, dass gerade ich mit ihm gefahren sei. Er wolle sich lieber nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er eine Dame mit Hut in die Grube kutschiert hätte.


Der Rest der Geschichte ist unspektakulär. Ich habe meine Heimreise mit dem nächsten Morgenzug ohne weitere Zwischenfälle tätigen können. Trotz Hut. Aber man darf von diesem Teil auch nicht zuviel erwarten.


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