Berni Bürger - Weise Entscheidungen
(Autor: joku)
Berni Bürger ist ein rechtschaffender Mann und ein braver Untertan.
Deshalb erscheint er auch jedes Jahr pünktlich beim Finanzamt, um seine Einkommensteuererklärung einzureichen.
Er zieht eine Nummer (die 37), schaut auf die Anzeige (Nummer 14 ist gerade dran) und setzt sich, weil er ja noch längere Zeit warten muss, auf einen freien Stuhl neben eine nur angelehnte Tür („Vollstreckungsstelle“ steht dort auf dem Schild).
Unfreiwillig wird er nun Zeuge zweier Vorfälle, wie sie wohl nur der real existierende Sozialstaat produzieren kann.
Als erstes betritt ein smarter Herr mittleren Alters besagtes Zimmer. Berni bekommt ganz nebenbei mit, dass dieser Herr (Dr. Dr. Raffke ist wohl sein Name, seines Zeichens geschäftsführender Besitzer eines gut florierenden Unternehmens) zum wiederholten Male etliche Millionen Euro an Umsatzsteuer im Rahmen seiner Einkünfte zwar einkassiert, diese jedoch nicht ans Finanzamt abgeführt hat.
Lang und ausführlich erklärt der Sachbearbeiter Herrn Dr. Dr. Raffke die Situation und fordert ihn auf, das Versäumte schnellstens nachzuholen, weil sonst Zwangsmaßnahmen gegen seine Firma unausweichlich seien.
Ohne auf die Ausführungen des Finanzbeamten einzugehen, stellt Herr Dr. Dr. Raffke folgendes Ultimatum: Werden der Firma die Steuerschulden nicht gänzlich erlassen, schließt Dr. Dr. Raffke sein Unternehmen und ca. 1.000 Mitarbeiter würden ins Ungewisse (sprich Arbeitslosigkeit) freigestellt.
Unsicher ob seiner Kompetenz, eine solch wichtige Entscheidung treffen zu dürfen, wendet sich der Sachbearbeiter an seinen Sachgebietsleiter.
Doch auch dieser scheut die Verantwortung und zieht den Amtsleiter zu Rate. Jener erscheint, begrüßt Herrn Dr. Dr. Raffke äußerst freundschaftlich (sie sind anscheinend gute Freunde aus dem Golfclub) und entscheidet, die Steuerschuld zu erlassen und den Fall im Interesse der augenblicklichen Arbeitsmarktsituation niederzuschlagen.
Zufrieden lächelnd verlässt Herr Dr. Dr. Raffke das Finanzamt und Berni Bürger ist tief beeindruckt ob der weisen Entscheidung der Finanzbehörde.
Kurz darauf betritt eine ältere Dame die Vollstreckungsstelle.
Oma Michalke (so ihr Name) hat das kleine Auto ihres Enkels auf ihren Namen angemeldet. Denn dieser ist noch in der Ausbildung und kann die Gesamtheit der Kosten für einen eigenen Wagen nicht alleine stemmen. Dafür bringt er Oma Michalke zu jedem Termin, sei es zum Arzt, zum Einkaufen, zum sonntäglichen Kaffeekränzchen, zu Behörden (auch jetzt sitzt er vor dem Finanzamt in seinem Auto) und fährt mit ihr an jedem Wochenende zum Spazierengehen in die nähere und weitere Umgebung.
Doch Oma Michalke ist nun ein Missgeschick passiert. Sie hat (übrigens zum ersten Mal) vergessen, die jährliche Kfz-Steuer in Höhe von 86,52 Euro ans Finanzamt zu überweisen. Die Zahlungserinnerung und nachfolgende Mahnung kamen leider zu einem Zeitpunkt, als sich Oma Michalke im Krankenhaus und einer nachfolgenden Kur und Rehabilitation zur Genesung von einem schweren Herzinfarkt befand.
Alle Erklärungen und Bitten halfen nichts. Gegen Oma Michalke wurden Zwangsmaßnahmen eingeleitet, ihre sämtlichen Konten gesperrt und kräftige Mahnkosten und Säumniszuschlage festgesetzt.
So wie die Finanzbehörden arbeiten, wird es, auch wenn Oma Michalke alle Rückstände und Strafen unverzüglich begleicht, einige Wochen dauern, bis ihre Konten wieder freigegeben werden.
Bis dahin sind bestimmt auch andere Verpflichtungen geplatzt und Oma Michalke wird unweigerlich dem finanziellen Ruin entgegentaumeln.
Geschieht ihr ganz recht. Denn es geht ja nicht an, dass ein einzelner Mensch dem Staat und das bedeutet uns allen einen rechtmäßig zustehenden Betrag und sei er noch so klein vorenthält, denkt Berni.
Denn Berni Bürger ist ein rechtschaffender Mann und ein braver Untertan.


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