Ein Abend im Theater der gebrochenen Seele
(Autor: andé)
Ein Abend im Theater der gebrochenen Seele die malt
(Antonin Dvorák: 3 Romantic Pieces Op. 75, Allegro
Moderato)
Eine gebrochene Seele, man sieht es an der Dicke der
Schminke, fahl auf noch bleicherem Gesicht.
Eine gebrochene Seele also steht im Spotlicht einer
Bühne, ansonsten alles dunkelschwarz, hebt die Augen,
scheint das wahre Licht zu suchen dort hinter dem
Spotlicht und schaut geblendet vom Nichts hinein in das
noch dunkelschwärzere Loch dort, wo das Publikum zu
sitzen scheint.
Nur ein Stuhl, der noch passendgemachter zurecht
gerückt wird, ein kurzes, schuldbewusstes Hüsteln.
Eine gebrochene Seele beginnt, den Blick noch immer
blind ins nicht sichtbare Publikum gerichtet, weil es da
sein muss, das Publikum. Etwas muss dort sein im Nichts.
Man kennt das. Sicher wird etwas dort sein, im Nichts.
Langsam hebt eine zittrige Hand und ein Zeigefinger
richtet sich dorthin, wo das Publikum ist. Eine
gebrochene Seele ist sich jetzt sicher, es dort unten, im
dunklen Schwarz zu vermuten.
"Du da", sagt eine gebrochene Seele und meint Dich, und
die anderen. "Für Dich spiele ich heute abend. Ein letztes
Mal. Es wird schön werden." Tränen rinnen einer
gebrochenen Seele über die Schminke und
vervollständigen das Make-up. "Es ist jeden Abend
schön."
Jemand hat der gebrochenen Seele eine Staffelei auf die
Bühne gestellt, eine Leinwand darauf und eine Palette,
dem Publikum nicht sichtbar, mit Farben.
"Ein Bild werde ich Euch malen", sagt die gebrochene
Seele. "Ein Bild zu meinem Spiel."
Und dann beginnt eine gebrochene Seele zu spielen und
malt dabei, dem Publikum ein nicht sichtbares Bild. Eine
gebrochene Seele spielt zwei Stunden lang und in jeder
Minute, die sie spielt, zerbricht mehr von einer
gebrochenen Seele, die sich in zwei Stunden fragmentiert
und sich Risse zulegt wie das Make-up, dass langsam
trocknet auf ausgetrockneter alter Haut. Und sie malt
dabei. Dem Publikum ein nicht sichtbares Bild.
Am Ende wird eine gebrochene Seele zu Staub zerfallen
sein. Nur das Bild wird bleiben. Jemand aus dem
Publikum wird aufstehen, vielleicht Du oder die anderen,
durch den Staub auf der Bühne latschen und ihn in der
Luft verteilen. Jemand wird auf die Staffelei zugehen, das
Bild in die Hände nehmen und es dann denen dort
drunten im Publikum zeigen.
Und das Bild wird zeigen eine heile Welt.
__°__
andé 17 02 05
Ihr Kommentar ...
Kommentar von nj_guenther:
(26.05.2012 um 12:50 Uhr)
wow!

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